Heinrich von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ erzählt von einem Pferdehändler, der von einem windigen Adeligen und dessen Bediensteten übers Ohr gehauen wird. Weil die Gerichte kein Recht sprechen wollen, zettelt Kohlhaas einen fürchterlichen Kleinkrieg gegen die Obrigkeit an, der darin mündet, dass mehrere mitteldeutsche Städte niedergebrannt werden – manche sogar mehrfach. Kleist verbindet einen rasanten Actionfilm mit rechtsphilosophischen Abhandlungen und macht seine Novelle so zu einer spannenden Auseinandersetzung mit einem starrsinnigen Bürgertum und einem korrupten Adel.

Eine Frau verlässt die Komfortzone

Eigentlich also eine perfekte Vorlage, um sie in die Gegenwart zu verlegen. Genau das macht Heike Geißler in „Michaela Kohlhaas“. Ihre Protagonistin ist keine Pferdehändlerin sondern eine Friedhofsverwalterin, die eines Tages beschließt, „aus den Kontexten zu wandern“. Sprich: Sie lässt das bürgerliche Leben mit Job und Wohnung zurück, lebt fortan unter freiem Himmel und zieht durch Leipzig und das Umland.

Dabei hält sie Kontakt mit der Ich-Erzählerin, einer Frau mit zwei Kindern, die eigentlich auch gerne alles hinter sich lassen würde – die Gesellschaft mit ihren Ungerechtigkeiten, dem Rechtsruck, der fehlenden Solidarität. Aber im Gegensatz zu Kohlhaas bleibt die Ich-Erzählerin, wo sie ist: Die Kinder müssen schließlich zum Fußballtraining und Muffins wollen auch noch gebacken werden.

Widerstand und Anpassung

„Michaela Kohlhaas“ ist einmal mehr eine Auseinandersetzung mit der Idee des Widerstands gegen die Verhältnisse und der seltsamen Bequemlichkeit einer Klasse, die Probleme in der Gesellschaft zwar erkennt und benennt, aber doch nicht fähig scheint, sie wirklich anzugehen, weil sonst das eigene, bequeme Leben auf dem Spiel steht.

Das ist ein Thema, mit dem Geißler sich schon oft beschäftigt hat. Mit jedem neuen Text untersucht sie neue Formen und Denkfiguren des Widerstands: Märchenwelten, wie im Roman „Die Woche“; Verweigerung durch Hinlegen, wie im Essay „Liegen“ und jetzt in „Michaela Kohlhaas“ der radikale Ausstieg aus der Gesellschaft.

Geißler lässt ihre Michaela Kohlhaas auf eine Gesellschaft prallen, die wenig mitgerissen ist, von der Obdachlosen mit Planwagen, die wirres Zeug redet. Kohlhaas Widerstand verpufft, vielleicht, weil sie eine Frau ist und deshalb weniger ernst genommen wird, vielleicht, weil die Gesellschaft sich schlicht gegen jede Form des Widerstands immunisiert hat. Auch wenn Geißler immer wieder andeutet, dass sich später dann doch eine Bewegung um Michaela Kohlhaas gebildet haben könnte, in dem Jahr, von dem der Roman erzählt, bleibt die große Reaktion aus.

Kleists Michael Kohlhaas konnte noch das Volk für seine Sache begeistern und so die Obrigkeit unter Druck setzen. Der Widerstand in „Michaela Kohlhaas“ verpufft einfach, sie bleibt lediglich ein Ärgernis im öffentlichen Raum.

Fazit zum Roman: Gute Idee, zähe Handlung

Das Ganze ist mit großem Spaß und großer Spielfreude aufgeschrieben. Nur springt der Funke dieses Mal nicht so recht über. Vielleicht liegt es daran, dass die Wanderung der Michaela Kohlhaas etwas zäh geraten ist. Sie nimmt zwar den Großteil des Buchs ein, aber eigentlich ist die Ich-Erzählerin mit ihrer Zerrissenheit zwischen eigenem, bequemem Leben, Protest und Widerstand die viel interessantere Figur.

Michaela Kohlhaas bleibt einem als Charakter eher fern. Wer diese Frau ist, warum sie sich für den radikalen Bruch mit ihrem Leben entscheidet, bleibt im Dunkeln. Sie verkörpert vor allem die Idee des radikalen Widerstands – als Hauptfigur für einen ganzen Roman ist das aber etwas dünn. Vielleicht ist es aber auch ganz einfach so, dass diese Frage nach der Reaktion auf die Gegenwart nach mehreren Romanen, Essays und Theaterstücken etwas erschöpft ist.

Mit „Michaela Kohlhaas“ tritt Heike Geißler leider vor allem kunstvoll auf der Stelle. Das ist schade. Denn zu sagen gäbe es über unseren Umgang mit der Gegenwart noch einiges.

Quelle: MDR KULTUR (Kais Harrabi), Redaktionelle Bearbeitung: ks