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Berlin – Der Flügel des Engels zerbrochen, der Grabstein von Dr. Margarete Stirm versinkt im Matsch. 33 Jahre diente sie als Pfarrerin in der evangelischen Johanneskirche. Jetzt landete ihr Grabstein achtlos auf dem Schuttplatz des Friedhofs im Berliner Ortsteil Frohnau. Eine ehemalige Konfirmandin will ihn retten, um die Pfarrerin zu ehren.
Pfarrerin Dr. Margarete Stirm (1930-2004) wirkte von 1962 bis 1995 an der Johanneskirche. Sie ist bis heute die am längsten amtierende Pfarrerin der Gemeinde. Beerdigt wurde sie auf dem Friedhof Frohnau an der Hainbuchstraße. Unternehmerin Eluise Groszkopf, die in Frohnau aufwuchs, hatte eine ganz besondere Verbindung zur Pfarrerin. „Ich wurde von ihr konfirmiert“, sagt sie. 1978, da war sie 14 Jahre alt. Als junge Erwachsene trat sie aus der Kirche aus. 1999 fand sie nach dem Tod ihrer Großmutter wieder zur Kirche zurück.
Grabstein der Pfarrerin lag auf dem Schuttplatz
„Pfarrerin Stirm hat mich mit vielen Gesprächen auf diesem Weg begleitet“, sagt Eluise Groszkopf. „An ihrem letzten Sonntags-Gottesdienst hat sie mich mit zitternden Händen beim Wiedereintritts-Gottesdienst gesegnet.“ Nachdem die Pfarrerin starb, hat Eluise Groszkopf regelmäßig das Grab aufgesucht, um dort zu beten. Im April stellte sie mit Entsetzen fest, dass das Grab geräumt worden war. Den Grabstein fand sie achtlos entsorgt auf dem Schuttplatz des Friedhofs.

1999: Eluise Groszkopf (damals 35) und Pfarrerin Dr. Margarete Stirm (damals 69) nach dem Wiedereintritts-Gottesdienst
Foto: Privat
Pfarrerin Stirm war eine kleine Frau mit einem großen Herzen und blieb auch nach ihrer Pensionierung in der Kirchengemeinde aktiv. „Sie war tief in ihrem Glauben verhaftet, aber gleichzeitig weltoffen und modern“, beschreibt sie Eluise Groszkopf. Und die ehemalige Gymnasiallehrerin Christel Kuke (77), die 1963 von ihr konfirmiert wurde, ergänzt: „Als ich mal Mist gebaut habe, hat sie nicht geschimpft, sondern mich nur still angeschaut. Den Blick spüre ich noch heute.“ Pfarrerin Stirm ging mit der Zeit, ließ 1981 einen Aufzug in die Kirche einbauen. Vor 50 Jahren gründete sie einen bis heute aktiven Verein zur Förderung des Gemeindeaufbaus.

Pfarrerin Dr. Margarete Stirm (damals 33) gratuliert Konfirmandin Christel Kuke (damals 13)
Foto: Privat
Pfarrerin hat viel geleistet
„Sie hat so viel geleistet für die Gemeinde – und das Vergessen nicht verdient“, sagt Groszkopf und schrieb an die Evangelische Kirchengemeinde Frohnau. Diese antworteten per Mail: „Es ist bedauerlich, wenn mit Grabsteinen beräumter Gräber nicht angemessen respektvoll und ehrend umgegangen wird, insbesondere wenn es sich um eine verdiente Person unserer Gemeinde handelt.“ Die Kirche verweist auf die Friedhofsordnung. Demnach sei die Familie für die Grabstätte zuständig. Nach 20 Jahren erlischt das Nutzungsrecht und die Friedhofsverwaltung ist berechtigt, die Grabstätte abzuräumen.

Eluise Groszkopf (62, l.) und Christel Kuke (77, r.) vor der Kapelle des Friedhofs Frohnau
Foto: Fabian Matzerath/BILD
Eluise Groszkopf hat dafür kein Verständnis: „Die evangelische Kirche verwehrt sich einer Rettung des Steins mit Verweis auf die Zuständigkeit der Familie. Dabei galt für Pfarrerinnen bis 1976 das Zölibat. Verheiratete Frauen durften laut Klausel kein Pfarramt ausüben.“ Margarete Stirm musste sich zwischen Ehe und Familie oder dem Pfarramt entscheiden. Die Theologin entschied sich für den Kirchendienst. „Heute nutzt die Gemeinde das als Argument. Sie will sich nicht um das Andenken ihrer Pionierin kümmern“, sagt Frau Groszkopf.
Sie hat nun der Gemeinde vorgeschlagen, den Grabstein zur Johanneskirche transportieren zu lassen, um ihn dort aufzustellen. Bisher blieb ihr Vorschlag unbeantwortet. Die Pressestelle der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg antwortete auf BILD-Nachfrage: „Ihre Anfrage können wir leider nicht beantworten.“