
Stand: 19.05.2026 12:25 Uhr
Ihre Mutter war spielsüchtig, saß sogar im Gefängnis. Karin Thaler, bekannt aus „Die Rosenheim-Cops“ und anderen Serien, hat das jahrelang verborgen – und jetzt im NDR Fernsehen darüber gesprochen.
Es ist Nacht, als die Nachricht kommt. Karin Thaler steht mitten im Dreh der ZDF-Serie „Lutz & Hardy“, in der sie 1994 eine Kommissarin spielt. Sie erfährt, dass ihre Mutter eine Supermarktkette um fünf Millionen D-Mark erpressen wollte – und bei der geplanten Übergabe der ersten zwei Millionen verhaftet wurde.
Mutter als Erpresserin gefasst: „Das war alles ein Wahnsinn“
„Ich hatte mir beim Dreh das Knie aufgeschlagen, musste parallel noch einen Anwalt suchen, telefonierte dann mit dem Beamten, der bei meiner Mutter saß und schließlich mit ihr – das war alles ein Wahnsinn“, erinnert sich die Schauspielerin. „Heute würde ich das glaube ich nicht mehr überleben.“
Was wie ein Krimi klingt, ist Thalers echte Geschichte. Zugleich ist es ein dramatischer Höhepunkt in dem Doppelleben, das sie rund zwei Jahrzehnte lang führte, um mit der Spielsucht ihrer heiß geliebten Mutter umzugehen. Die Abhängigkeit, die Schulden, die Lügen – nichts von den Problemen ihrer Mutter sollte nach außen dringen, vor die strahlende Fassade, die die Schauspielerin aufgebaut hatte.
Mit Autobiografie bricht Karin Thaler ihr Schweigen
In ihrer Anfang April erschienenen Autobiografie „Stark, weil ich stark sein musste“ hat Thaler ihr Schweigen darüber erstmals öffentlich gebrochen. Auch bei DAS! Rote Sofa und in der NDR Talk Show hat sie ausführlich über das gesprochen, was sie lange vor der Öffentlichkeit verborgen hat.
Video:
Karin Thaler bei der NDR Talk Show (16 Min)
Den meisten Fernsehzuschauerinnen und -zuschauern ist Karin Thaler in ihrer Rolle als Bäuerin und Stadträtin Marie Hofer vertraut. Von Anfang an gehörte sie bei der ZDF-Krimiserie „Die Rosenheim-Cops“ zum Ensemble, mittlerweile in mehr als 600 Folgen. Daneben kennt man sie aus Serien wie „Hubert und Staller“, „Der Landarzt“, „Ein Bayer auf Rügen“ und „Unser Charly“.
Seit 25 Jahren bei „Die Rosenheim-Cops“
2026 ist für Thaler ein Jahr mit gleich mehreren Jubiläen: „Ich bin jetzt 60 Jahre alt, seit 30 Jahren mit meinem Mann Miloš verheiratet und kenne meine beste Freundin Tine seit 50 Jahren. Außerdem spiele ich seit 25 Jahren bei den Rosenheim-Cops und stehe bereits 40 Jahre, seit 1986, vor der Kamera.“
Schon als Teenagerin steht für sie fest: Sie wird Schauspielerin oder Sängerin. „Es gab keinen Plan B“, erinnert sich Thaler. „Dafür wurde ich in der Schule auch eine Zeit lang verarscht. Das war mir aber wurscht.“
„Kann mich graziös bewegen und dazu einen Tanz aufs Parkett legen“
Zusammen mit ihrer Mutter und ihrer besten Freundin schreibt sie 172 Bewerbungsbriefe an Adressen aus der Musik- und Schauspielbranche, die sie aus den Gelben Seiten herausgesucht hat. Auf dem Roten Sofa liest sie aus einem dieser Briefe vor, datiert auf den 4. September 1985: „Ich kann singen, mich graziös bewegen und dazu auch einen Tanz aufs Parkett legen. Ich sehe gut aus, habe eine gute Figur und vor allem Talent für einen künstlerischen Beruf.“
Beigefügt sind Fotos, erzählt Thaler: Eines zeige sie in einem selbstgehäkelten, rückenfreien Oberteil, das sie sich fürs Shooting kurzerhand umgedreht und mit der offenen Seite nach vorne angezogen hatte. Die Adressaten bekommen damals auch gleich eine Möglichkeit zum Ankreuzen: Papierkorb – ja oder nein? „Wenn Papierkorb: Bitte ich Sie höflich, mir meine Bilder zurückzusenden. Andernfalls erlaube ich Ihnen, sie an Ihre Starwand zu hängen“, zitiert Thaler weiter aus dem Brief und lacht.
Eine Rückmeldung bei 172 Bewerbungen
Thaler erhält genau eine Antwort: Ein Synchronstudio in Grünwald bei München lädt sie zum Vorsprechen ein. Zusammen mit ihrer Mutter macht sie sich aus dem niederbayerischen Deggendorf auf den Weg. Am Ziel angekommen, an der Straßenbahnhaltestelle in Grünwald, traut sie ihren Augen kaum. „Mama, das ist doch die Senta Berger!“, ruft sie. Die Mutter winkt ab: Nein, das ist sie nicht, die fährt doch mit dem Taxi oder hat einen Chauffeur.“
Ein halbes Jahr später träumt Thaler von Senta Berger: „Ich habe ihr dann auch so einen Brief geschickt, wieder mit dem verkehrt herum getragenen Oberteil. Und anscheinend war ich dann zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“ Die Schauspielerin findet den Mut der jungen Bewerberin bemerkenswert und empfiehlt sie ihrem Mann, dem Regisseur Michael Verhoeven.
Debüt in Michael Verhoevens „Gundas Vater“
Nach zwei Probeaufnahmen bekommt Thaler die Hauptrolle in Verhoevens „Gundas Vater“, einem Fernsehfilm über sexuellen Missbrauch und seine Folgen. Ohne Vorkenntnisse, wie die Schauspielerin betont. Berger vermittelt sie anschließend zu einer der damals führenden deutschen Künstleragenturen. „Und dann ging es richtig los“, erinnert sich Thaler, „ein Vorsprechen jagte das nächste.“
Was folgte, waren stürmische Jahre. Thaler dreht nun auch Kinofilme und versucht sich sogar kurz als Schlagersternchen. „Ich war gierig nach Leben, nach Erfahrung, wollte trinken, rauchen, tanzen“, erinnert sie sich. Und fügt hinzu: „Ich bin immer schon ein körperbetonter Mensch gewesen – Sex ist gesund!“ Sie sei damals schon sehr emanzipiert gewesen, „und wenn Männer das dürfen, darf ich doch auch auf die Jagd gehen.“
193.000 D-Mark Schulden durch die Spielsucht ihrer Mutter
Während die Karriere Fahrt aufnimmt, bahnen sich hinter den Kulissen Probleme an. Thalers Mutter Hedwig ist spielsüchtig – und nimmt bei ihrem Arbeitgeber, einem Betrieb mit Verkaufsbuden am Münchner Hauptbahnhof, immer wieder Geld aus dem Tresor. „Ordentlich, wie sie war, hat sie das immer quittiert und auch versprochen, dass sie es zurückzahlt“, so Thaler. „Sie hat auch immer mal ein bisschen zurückgezahlt, was sie sich dann wieder von anderen geliehen hat.“
Video:
Hilfe bei Spielsucht: Ein Fall aus Sulingen (4 Min)
Eines Tages erfährt Thaler: Ihre Mutter hat 193.000 D-Mark Schulden angehäuft, die Chefin will sie anzeigen. „Also bin ich am nächsten Tag zu ihr hin, mit einem Blumenstrauß und 500 Mark“, erinnert sich Thaler. „Dann habe ich eine Bürgschaft von 193.000 Mark unterschrieben – und habe ab dann nur noch gedreht, gezahlt, gedreht, gezahlt.“
„War mental am Boden, musste aber immer strahlen“
Als sie irgendwann nicht mehr zahlen kann, gelingt es Thaler, einen Vergleich zu schließen. „Ich war mental am Boden, musste aber immer strahlen und glänzen“, sagt sie. „Die Mama hat gemerkt: Jetzt geht es nicht mehr, die Karin kann nicht mehr.“ Dann sei ihre Mutter – in einer manischen Phase, wie später diagnostiziert wurde – auf die verhängnisvolle Idee mit der Supermarkt-Erpressung gekommen. „Eigentlich wollte sie mir damit nur helfen.“
Thalers Mutter kommt ins Gefängnis, macht dort sogar eine Suchttherapie. Nach ihrer Entlassung folgen ein paar ruhige Jahre. Sie kehrt nicht an den einarmigen Banditen zurück, der sie früher immer weiter in den Ruin getrieben hatte. „Doch dann ging das mit dem Lotto los“, erinnert sich Thaler. Die Spielsucht kommt zurück, und mit ihr die Begleiterscheinungen.
Co-Abhängigkeit: Die Lügen der Mutter weitergetragen
Durch einen Psychologen erfährt Thaler, in welchem Muster sie selbst feststeckt: in der Co-Abhängigkeit. „Ich wollte meine Mutter schützen, habe Dinge vor anderen verborgen, ihre Lügen weitergetragen und noch ein bisschen abgewandelt.“ Der Psychologe rät dazu, die Mutter fallen zu lassen. Denn nur, wer ganz unten ankommt, kann wirklich aus der Sucht finden. Also stellt sie den Kontakt zur Mutter ein – was ihr anfangs besser, später deutlich schlechter bekommt.
„Mein Mann sagte dann: Wenn es dir besser geht mit der kranken Mama als ohne Mama, dann ruf sie an.“ Miloš stand ihr in der Sache von Anfang an zur Seite, erzählt Thaler. „Er hat gleich sein Auto verkauft, als rauskam, dass ich die Bürgschaft übernehme.“ Sie habe ihm die Chance gegeben, sie zu verlassen. Doch er sei geblieben. „Er hat mir sein ganzes Geld gegeben, was er verdient hat als Musiker. Und ich wollte ihn oft wegschubsen, aber er hat sich nicht wegschubsen lassen. Er hat seine Liebe über seinen Stolz gestellt.“
„Kuscheln, Busseln, Schnappeln und Liebhaben“
Thalers Mutter hinterlässt nach ihrem Tod 129 Seiten Lebenserinnerungen. Der Titel: „Mein anderes Leben“. „Sie hat immer gesagt, irgendwann schreibe ich ein Buch und dann werden alle alles erfahren“, erzählt die Schauspielerin. „Jetzt habe ich das für sie gemacht.“ Sie nimmt die Aufzeichnungen ihrer Mutter als Ausgangspunkt für ihre eigene Autobiografie „Stark, weil ich stark sein musste“, die sie innerhalb von elf Monaten zusammen mit der Ghostwriterin Carina Heer schreibt.
„Es gibt auch Kritiker, die fragen: Muss das sein, so ein Buch zu schreiben? Denn meine Mutter ist ja tot, kann sich nicht mehr wehren“, sagt Thaler. „Ich sage dazu: Lest erstmal das Buch. Es ist ein Buch der Liebe und der Wertschätzung.“ Die erste Hälfte des Buches bestehe vor allem aus „Kuscheln, Busseln, Schnappeln und Liebhaben“. „Meine Mama hat mir sehr viele gute Werte mitgegeben“, so Thaler. Heute kann sie sagen: „Ich fühle mich gut, ich bin glücklich – und ich bin stark.“

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