Stand: 19.05.2026 14:24 Uhr
Auf dem Ärztetag in Hannover soll es Einladungen ins Hotelzimmer und unsittliche Berührungen gegeben haben. Am Abschlusstag hatten fünf Medizinstudentinnen ihre Erlebnisse auf dem Kongress geschildert.
Cecilia Correa und Yamina Probst waren als Delegierte der Bundesvertretung der Medizinstudierenden auf dem diesjährigen Ärztetag. Ein paar Tage später erzählen sie detaillierter, was sie und ihre drei Mitstudierenden in Hannover erlebt haben: „Teilweise wurden wir angefasst. Gerade in den Abendveranstaltungen. Da waren Hände an Stellen, wo sie nicht hingehörten“, sagt Cecilia Correa. Als sie dann auf dem Podium öffentlich darüber sprechen, ist Yamina Probst fassungslos: „Da sind Leute aufgestanden, die unter den Tätern waren und haben geklatscht.“

Das hat eine Umfrage des Marburger Bundes unter 1.100 Ärzten in Niedersachsen ergeben. Die Gewerkschaft fordert Veränderungen.
Machtmissbrauch ein gewachsenes System
Sexuelle Belästigungen in der Medizin beschränken sich aber nicht nur auf den Ärztetag, sondern sind offenbar fast schon alltäglich: In einer aktuellen Umfrage des Marburger Bundes unter Klinikärztinnen und Klinikärzten in Niedersachsen berichtet jeder zweite von Erfahrungen mit Machtmissbrauch. Elf Prozent der 1.100 Teilnehmern der Umfrage haben sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt – häufig durch Chefärzte. Eine Studie der Universitätsmedizin Göttingen hatte 2023 aufgezeigt, dass sexuelle Belästigungen in Krankenhäusern schon länger keine Einzelfälle sind. 400 Ärztinnen und Medizinstudentinnen waren damals online befragt worden. Rund 75 Prozent gaben an, bereits entsprechende Erfahrungen gemacht zu haben.
Vorsitzende von Bezirksärztekammer bewundert Mut der Studentinnen
Nadja Jesswein hofft, dass nun Bewegung in das Thema kommt. Die stellvertretende Vorsitzende der Bezirksärztekammer Oldenburg war ebenfalls auf dem Ärztetag und bewundert den Mut der fünf Studentinnen. „Jetzt ist der Moment, um sich damit zu beschäftigen, dem entgegenzuwirken und Konzepte zu entwickeln“, so die Hausärztin.
Ärztekammern: „Sexualisierte Gewalt nicht verdrängen“
Auch die Bundesärztekammer und alle Landesärztekammern lobten die betroffenen Studentinnen in einer gemeinsamen Erklärung für ihren Mut und sicherten ihnen umfassende Unterstützung bei der Aufarbeitung der Vorfälle zu. Die anschließende Debatte habe gezeigt, „dass Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt im Gesundheitswesen in unterschiedlichen Kontexten vorkommen und nicht verleugnet oder verdrängt werden dürfen“.
Verhaltenskodex und Awareness-Konzepte werden erarbeitet
In ihrer Erklärung kündigten die Ärztekammern an, bestehende Regelwerke nun „systematisch zu überprüfen und gezielt weiterzuentwickeln“. Zudem sollen verbindliche Standards festgelegt und in den Satzungen festgeschrieben werden. Für große Veranstaltungen wie den Ärztetag soll es künftig Awareness-Konzepte geben. Zudem wollen die Kammern unabhängige Vertrauenspersonen als „niedrigschwellige Anlaufstellen für Betroffene“ benennen. Ziel sei, „aus den geschilderten Vorfällen konsequent strukturelle Lehren zu ziehen und Prävention dauerhaft zu verankern“.
Forderung nach besseren Sicherheitsmaßnahmen
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz soll unter anderem Arbeitnehmerinnen vor Diskriminierung schützen. Dazu gehören auch anonyme Meldestellen. In dem Punkt sieht Andreas Hammerschmidt vom Ärzteverband Marburger Bund noch Defizite: „Letztlich muss man sagen, dass es diese Meldestellen vielleicht doch nicht überall gibt und dass sie vielleicht auch nicht überall bekannt sind.“ Deshalb werden derzeit viele Fälle nicht angezeigt. Und so landen auch nur wenige vor Gericht. So wie der eines 34-Jährigen Arztes aus Delmenhorst, der 2022 zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden war. Laut Urteil war er in einer Praxis über eine 20-jährige Auszubildende hergefallen.

Von Übergriffen und Einladungen in Hotelzimmer berichteten Studentinnen am letzten Tag des Medizinertreffens in Hannover.

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