Er gehört zu den Qualitätskonstanten der zeitgenössischen Bildenden Kunst über den Augsburger Raum hinaus: der Maler und Bildhauer Christofer Kochs, ausgestellt in der Vergangenheit immer wieder durch die Oberländer- und Ecke-Galerie, vertreten unter anderem auch in den Kunstsammlungen der Stadt Augsburg und des Bezirks Schwaben. Und nun setzt sich für ihn erstmals auch der Kunstraum Leitershofen ein, die Galerie Kießling – und zwar in einer Gemeinschaftsausstellung mit Klaus Lomnitzer, Professor für Grafik und Malerei in Marburg.
Christofer Kochs selbst hat den Galeristen Kießling auf Klaus Lomnitzer aufmerksam gemacht, und wenn man sich nun im Kunstraum neben dem alten Leitershofener Pfarrhaus umschaut, dann versteht man auch, dass sich da zwei vergleichbar Gesinnte in die Hände spielen, nicht nur, was den jeweils individuellen Aufbau eines Bildes betrifft, sondern auch hinsichtlich praktischer gemeinsamer Arbeit. Im Kunstraum hängen 21 Arbeiten von Klaus Lomnitzer, 23 Werke, darunter auch einige Skulpturen, steuert Kochs bei. Zusätzlich haben die zwei gemeinsam Hand angelegt an zwei Leinwänden und vier Mischtechniken auf Papier.
Schemenhaftes findet sich bei beiden Künstlern
Was aber nun gehört alles zur Schnittmenge der Kunst des 1969 in Osnabrück geborenen Christofer Kochs und des 1970 in Marburg geborenen Klaus Lomnitzer? Zuerst wohl die Schemenhaftigkeit ihrer Motivik. Hier wie dort scheinen Leben, Landschaften, Himmelsdarstellungen auf – ohne dass die Betrachter sich sicher sein könnten, es werde ein unverbrüchlicher Aggregatzustand des Gezeigten festgehalten. Bei Lomnitzer, dem Freund der Ornithologie, ist es nicht selten ein Vogelvieh aus der Vogelperspektive, bei Christofer Kochs regelmäßig die Figur. Doch nicht das wiedererkennbare Individuum ist Gegenstand der Malerei beider, sondern das umrisshaft Wesenhafte von Tier und Mensch, die sich im nächsten Augenblick möglicherweise schon wieder wandeln können: Die schemenhafte Silhouette am Himmel fliegt davon, das Porträt scheint sich aufzulösen.
Malstrukturen und Motive durchdringen sich gegenseitig, ebenso die Ebenen der Tiefenstaffelung. Hier die Andeutung einer Landschaft, dort die Andeutung eines chromatischen Morgen- oder Abendhimmels: Insbesondere bei Christofer Kochs leben die Kompositionen aus dem scheinbar stets sich Wandelnden, dem Flüchtigen, aus dem Traumhaften, Verschwimmenden, gelegentlich auch Surrealen. Und bei Klaus Lomnitzer gerät die Vogelmotivik, ja sogar mitunter der gesamte Bildträger zum Formspiel: Die Silhouette einer Ente, eines Kleibers wird zum Ausgangspunkt collagenhafter Metamorphosen – Formspiel-Metamorphosen, die in einem blütenartigen Wandobjekt enden können.
Noch eine Gemeinsamkeit vom Lomnitzer und Kochs
Dass zu all dem noch ein vornehmlich zartes, lyrisches Kolorit der beiden Künstler tritt, macht ihre Koppelung auf überdies teils frisch gestrichenen Galeriewänden nur harmonischer. Aber da ist noch eine andere Gemeinsamkeit von Belang: Sowohl Lomnitzer wie Kochs suchen den gleichsam „unebenen“, reliefhaften Bildträger. Kochs, indem er immer wieder die Leinwand faltet oder mit zusätzlichen Leinwandflicken verstärkt; Lomnitzer, indem er Architektenpappe überlappend zu Wandbildobjekten schichtet. Hier wie dort tritt ein Aspekt des gemäßigt Dreidimensionalen hinzu. Und dies bei Lomnitzer auch in seinen Arbeiten vor und hinter Acrylglas: spiegelnde Teich-, See-, Wasserlandschaften darstellend, changiert der Bildträger durch Reflexionen und unterschiedlich glänzende Lackpassagen auf und hinter Glas. Aus wechselnder Betrachter-Perspektive ergeben sich wechselnde, flüchtig-schimmernde (Nacht-)Naturansichten. Sie erfordern genaue Inaugenscheinnahme genauso wie Kochs vierteilige Serie von Handstudien („Von der Unglaublichkeit des Flüchtigen“) sowie seine durchbrochene hohe Holzplastik „Crow“: die Figur als architektonisches Gittergerüst.
Befragt man die zwei Künstler, was der Grund dafür ist, dass sie eine solch homogene, in sich runde Ausstellung im Leitershofener Kunstraum zu präsentieren imstande sind, haben sie mehrere Antworten parat. Zum Einen gemeinsames formales Verständnis; zum Zweiten gegenseitige Orientierung an künstlerischen Fragestellungen des jeweils anderen; zum Dritten beidseitiges Interesse an neuen Materialien und Techniken; zum Vierten das künstlerische Ziel von Vieldeutigkeit. Aber, so fügt Christofer Kochs an: „Die Grundlage ist immer Leinwand und Farbe – oder Papier und Farbe.“
„Flow“. Die Ausstellung im Kunstraum Leitershofen (Bergstraße 3) läuft bis zum 5. Juli. Geöffnet ist Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr.