Üblicherweise ist es ja so: Ein Museum öffnet, satte Besucherzahlen werden prognostiziert, wenig später folgt Ernüchterung. Beim Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg war es genau andersherum. Mit ein paar Zehntausend Interessierten pro Jahr hatte man schon gerechnet bei der Eröffnung 2001. Klar, es gibt eben nur ein solches Areal, das größte noch erhaltene Ensemble von NS-Herrschaftsarchitektur.
Als man das Dokuzentrum – jedenfalls dessen Kern – dann aber absperrte vor fünf Jahren, um Funktionsräume und Dauerausstellung zu erneuern, stand da diese Zahl: mehr als 300 000 Besucher jährlich. Ein Vielfaches dessen, was man erwartet hatte.
Der Eingang des Dokuzentrums, hier im Jahr 2017. Foto: Johannes Simon
Die alte Ausstellung ist viel gelobt worden und das nicht allein wegen des Andrangs. Immerhin hatte sich Nürnberg mit dem Dokuzentrum deutlich früher auf den Weg öffentlicher Aufarbeitung gemacht als etwa die „Hauptstadt der Bewegung“, zu der die Nazis München erklärt hatten. Und wer eine angemessene Zurschaustellung dunkler Stadtgeschichte für eine pure Selbstverständlichkeit hält im 21. Jahrhundert, der muss dieser Tage nur nach Bayreuth blicken.
In der Stadt von Wagner und Hitler – und dem Verbindungsglied Houston Stewart Chamberlain – haben sie jahrelang an einer Idee laboriert, diese braunen Bezüge in einem Dokuzentrum darzustellen. Bis der Stadtrat kürzlich zur Einschätzung kam: leider kein Geld da für die große Lösung.
Was, angesichts der Vorreiterschaft Nürnbergs, bei aller positiven Wahrnehmung mitunter zu kurz kam: Die Präsentation im Dokuzentrum war 20 Jahre lang alles andere als barrierefrei – inakzeptabel, gerade angesichts der NS-Geschichte. Und fürs internationale Publikum hielt man Objektbeschriftungen ausschließlich in deutscher Sprache bereit, peinlich. Vor allem aber war die Dokumentation, den Wissensstand betreffend, einfach nicht mehr State of the Art, sagt Imanuel Baumann, der Leiter des Hauses.
Imanuel Baumann leitet das Dokuzentrum. Foto: Matthaeus
2022 haben zwei Hausmitarbeiter der SZ beschrieben, wie sich das Dokuzentrum – nicht zuletzt während der Pandemie, als viele ihre Keller ausmisteten – zur Sammelstelle für private NS-Hinterlassenschaften entwickelt hat. Geplant war das so nicht. Im Lauf der Jahre aber wuchs die Zahl derer, die den geerbten Nazikram einfach loswerden wollten. Im Dokuzentum sprechen sie von einer „Win-win-Situation“. NS-Devotionalien gelangen nicht in den pervertierten Sammlermarkt. Das Haus muss kein Geld aufwenden für Dokumentationsobjekte. Und bekommt Quellenmaterial.
Auch diese Quellen aus privaten Beständen machen die neue Ausstellung so wertvoll. Man sieht eben nicht allein jene hinlänglich bekannten Abbildungen vom Massenaufmarsch auf dem Gelände – und damit eine erwünschte Perspektive der NS-Propagandisten.
Aufmarsch auf dem Zeppelinfeld im Jahr 1938 … Foto: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände
… und zwei Jahre zuvor. Foto: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände
Zu entdecken, in gleicher Größe, ist auch ein realistischer Blick auf das Areal aus dem privaten Blickwinkel eines der beteiligten NS-Parteigänger. Auf diesem Bild ist die Sicht eingeschränkt. Man sieht zwar sehr viele Menschen. Aber auch den Müll.
Private Aufnahme des Reichsparteitags von 1933. Foto: Dokuzentrum Reichsparteitagsgelände DZ-Ph 14.4, Lizenz CC BY-ND 4.0
Das freilich sind schon die Details. Als Einstieg in die neue Ausstellung „Nürnberg und die Reichsparteitage“, die von diesem Freitag an vorerst im Probebetrieb geöffnet ist, haben sich die beiden Kuratorinnen Melanie Wager und Martina Christmeier für eine maximal direkte Frage entschieden: „Warum Nürnberg? Why Nürnberg?“
Die Frage also, warum die mehrtägigen Massenaufmärsche genau in dieser Stadt stattgefunden haben. Und in keiner anderen.
Martina Christmeier und … Foto: Matthaeus Photographer
… Melanie Wager haben die neue Präsentation konzipiert. Foto: Matthaeus
Am Ende der Präsentation ist dokumentiert, wie sich schon ihre Vorgänger an dieser Frage abgearbeiteten haben. Und auch nicht den einen Grund dafür gefunden haben, eher ein Kaleidoskop an Faktoren. Wohl spielte die verkehrsgünstige Lage eine Rolle, auf dem Weg zwischen München und Berlin. Mit dem Park am Luitpoldhain stand ein geeignetes Areal zur Verfügung. Und der Ruf der Stadt als „des Reiches Schatzkästlein“ und Ausrichtungsort mittelalterlicher Hof- und Reichstage bot auch erwünschte Anknüpfungspunkte. Offenkundig sollte der imperatorische Glanz des Kaisers aus dem ersten Reich aufs angebliche „Dritte Reich“ abfärben.
Schuldlos freilich war Nürnberg sicher nicht. Unter Chefhetzer Julius Streicher verfügte die NSDAP früh schon über eine stabile Parteistruktur in Nürnberg. Rechtsextremisten hatten dort bereits in den 1920er-Jahren aus ihrer Sicht erfolgreiche Massenveranstaltungen ausgerichtet. Und der örtliche Polizeichef zeigte sich völkischen Umtrieben ausgesprochen aufgeschlossen. Auf dem Weg von der „Hauptstadt der Bewegung“ in die Reichshauptstadt war Franken den Nazis die willkommene braune Brücke.
Man kann zwei Stunden in dieser Neupräsentation verbringen und wird dann exzellent orientiert sein. Empfehlenswerter freilich wären eher zwei Tage, um Preziosen wie die Postkarten zu entdecken, mit denen Reichsparteitagsgänger ihre Lieben zu Hause versorgten. Jene etwa, in der ein Professor Schmidt seine Potsdamer Kollegen darüber in Kenntnis setzt, alle „Führer ausser Göring“ schon „ganz nahe gesehen“ zu haben, den Hitler gar zweimal.
Oder die – dreifach unterstrichenen – Leitsätze, mit denen der „Traditionsgau München-Oberbayern“ seine Parteigänger ausstattet. Wichtigste Punkte: „Unbedingter Gehorsam, verbunden mit echter oberbayerischer Fröhlichkeit“. „Während des Parteitages bist Du im Dienst“. Und: „Betrinke Dich nie!“
Alt-Oberbürgermeister Ulrich Maly hat als Vorsitzender des Kuratoriums alle inhaltlichen Debatten um die neue Schau erlebt. Die Vehemenz etwa, mit der Historikerinnen des Hauses darauf gedrängt haben, die Herkunft sämtlicher Quellen auch in der Schau akribisch zu dokumentieren – als Zeichen gegen digitale Fake-Fotos. Oder die Diskussion, wie viel ausgestellte „Stürmer“-Hetze dokumentarisch sinnvoll und, entsprechend einordnend, eben doch vertretbar und sogar notwendig ist. Das Ergebnis findet Maly nun extrem gelungen.
Blick in den Ausstellungsraum „Medienereignis Reichsparteitag“. Foto: Dokuzentrum Reichsparteitagsgelände
Farblich setzt sich der Weg durch die neue Präsentation jetzt deutlich gegen das omnipräsente Rotbraun des NS-Baus ab, es ist heller als zuvor. Im vorletzten, dunkleren Raum aber kann man Besucher dabei beobachten, wie sie ob der Niedrigkeit der NS-Architektur an dieser Stelle reflexartig den Kopf einziehen.
In dem beklemmenden Raum werden Geschichten von Menschen erzählt wie jene des Nürnbergers Arthur Brunner, der im Alter von zwei Jahren eine Hirnschädigung erleidet. In einer Patientenakte wird er als gutmütig beschrieben, stets zu Scherzen aufgelegt. 1941 wird er in einer Gaskammer ermordet.
Ein Stockwerk tiefer gibt es nach dem Umbau ein inklusiv betriebenes Café. Mit Verweis auf die Geschichte Brunners heißt es „Arthur“.