Das Schauspiel Leipzig stellt in der kommenden Saison das gesellschaftliche Miteinander ins Zentrum. Unter dem Motto „Wir-Gesänge“ spüren die Produktionen den großen Fragen nach Zugehörigkeit, Konflikten und Sehnsüchten der Gegenwart nach. Wie das Theater am Donnerstag mitteilte, stehen in den vier Spielstätten insgesamt 20 Premieren auf dem Plan. Es ist eine Spielzeit des Aufbruchs und des Abschieds zugleich: Intendant Enrico Lübbe verlässt das Haus zum Sommer 2027.
Ich bin froh, dass ich in so einer Situation das Haus verlassen kann.
Enrico Lübbe, Intendant des Schauspiels Leipzig
Rekord-Auslastung zum Abschied
Enrico Lübbe blickt dem Abschied mit Stolz und Gelassenheit entgegen. Unter seiner Leitung stieg das Publikumsinteresse kontinuierlich. In der vergangenen Spielzeit erreichte die Auslastung mit 83 Prozent einen historischen Höchstwert in der Geschichte des Leipziger Schauspiels. „Ich bin froh, dass ich in so einer Situation das Haus verlassen kann“, sagte Lübbe im Gespräch mit MDR KULTUR.
7-Stunden-Epos zur Eröffnung und aktuelle Klassiker
Die Spielzeit auf der Großen Bühne wird mit einem echten Theater-Marathon eröffnet. Lübbe inszeniert selbst das zweiteilige Epos „Das Vermächtnis“ von Matthew Lopez. Das monumentale Stück verwandelt sich in einen siebenstündigen Theaterabend, der als Gegenwartspanorama im New York der 2010er-Jahre spielt. Im Mittelpunkt stehen verschiedene Generationen schwuler Männer. Der Bogen spannt sich von den traumatischen Erfahrungen derjenigen, die die AIDS-Krise in den achtziger Jahren noch selbst miterlebt haben, bis zur jungen Generation, die mit ganz anderen Freiheiten aufwächst. Das Stück verhandelt Verlust, Krankheit, Liebe und Ausgrenzung.
Lübbe fasziniert vor allem der Kern des Stoffes: „Das Stück fragt: Wer oder was wird weitergegeben? Was bleibt von den Erfahrungen der anderen in unserem eigenen Leben erhalten?“ Trotz aller Verletzungen und Verluste in den Geschichten der handelnden Personen sei es ein „wahnsinnig berührendes und zutiefst humanistisches Stück“, so der Intendant. Es erzähle von Einsamkeit, aber auch davon, „dass Gemeinschaft möglich sein muss.“
„Onkel Wanja“ von Anton Tschechow – heute aktueller denn je
Im März 2027 folgt ein weiterer Höhepunkt unter Lübbes Regie: Anton Tschechows Klassiker „Onkel Wanja“. Das Stück beleuchtet eine Gesellschaft im Stillstand am Vorabend der russischen Revolution – ein zeitloses Thema, findet der Intendant.
„Bei Tschechow ist das Spannende, dass es immer unglaublich gegenwärtige Stücke sind“, betont Lübbe. „In ‚Onkel Wanja‘ reden immer alle davon, wie erschöpft sie seien, wie viel sie zu leisten haben, was alles getan werden müsste, dass eine Naturkatastrophe droht. Und gleichzeitig beschleicht die Figuren dann irgendwann die Ahnung, dass sie am Wesentlichen vorbeileben. Das ist heute ungeheuer aktuell.“
Ein Blick hinter die Kulissen für das Publikum in Leipzig
Neben Klassikern wie Federico García Lorcas „Bernarda Albas Haus“ und dem neuen Familienstück „Alice hinter den Spiegeln“ nach Lewis Carroll wartet zum Ende der Ära Lübbe ein besonderes Projekt auf die Leipziger. Die Produktion „Schöne Vorstellung“ wird als theatraler Streifzug das gesamte Haus bespielen und das komplette Ensemble präsentieren.
Das Publikum wird dabei durch Räume geführt, die Zuschauern normalerweise verborgen bleiben. „Diese Art Hausbespielung erzählt von der Arbeit vieler Menschen, die man als Publikum meistens nicht sieht“, erklärt Lübbe das Konzept. Es gehe um Routinen, Pannen, Hoffnungen und Erinnerungen sowie um gelungene und gescheiterte Abende. „Denn Theater besteht ja nicht nur aus Premieren und Applaus, sondern aus unendlich vielen Handgriffen, Beziehungen und Geschichten hinter der Bühne.“
Die Zukunft ab Sommer 2027 steht bereits fest
Nach dem Finale der Spielzeit 2026/2027 übernimmt im Sommer 2027 ein dreiköpfiges Team die Leitung des Schauspiels. Clara Weyde, Bastian Lomsché und Clemens Leander werden das städtische Theater als Teamintendanz führen.
Das Trio leitet derzeit die Schauspielsparte am Theater Magdeburg. Die Vorschusslorbeeren für die Nachfolger sind groß: Das Magdeburger Haus wurde in dieser Konstellation frisch zum „Theater des Jahres 2025“ in Deutschland gekürt.
Quelle: MDR KULTUR, dpa
Redaktionelle Bearbeitung: ngh