Pawlo Grytsenko ahnte schon vor Wochen, dass er bald sterben könnte. Und er sollte Recht behalten. Kurz vor seinem Tod schrieb der ukrainische Soldat dem Tagesspiegel über den Messenger Telegram: „Mein Körper gleicht einem Skelett, das nur noch von Haut überzogen ist.“ Grytsenko, 25, kämpfte zu dem Zeitpunkt seit mehreren Monaten nahe des Ortes Sakitne in Donezk gegen Russland.

Seine Position: Ein Schützengraben an der Linie Null. Über ihm Drohnenschwärme, die verhinderten, dass Grytsenko das erhielt, was er zum Überleben brauchte: Lebensmittel und Wasser.

Wir haben nur noch zwei kleine Flaschen Wasser und zwei Kekse für fünf Menschen.

Pawlo Grytsenko, ukrainischer Soldat

Grytsenko war in seinen Nachrichten kurz angebunden. Zum Antworten brauchte er häufig mehrere Minuten. Er schrieb dem Tagesspiegel, dass er, bevor er an vorderster Front festsaß, 90 Kilogramm gewogen hätte. Er soll stark an Gewicht verloren haben. „Wir hungern seit Dezember vergangenen Jahres“, schrieb Grytsenko.

Um an Wasser zu kommen, hätten er und seine Kameraden im Winter Schnee geschmolzen, im Frühjahr Regenwasser abgefangen – wenn es denn geregnet hat. „Wir haben nur noch zwei kleine Flaschen Wasser und zwei Kekse für fünf Menschen“, schrieb der Soldat. Trotz allem hoffte er, so schrieb er, die Situation zu überstehen.

Ein Foto, das Grytsenko dem Tagesspiegel schickte, sollte seinen Zustand zu jenem Zeitpunkt zeigen: die Wangenknochen eingefallen, sein Haar lang und verfilzt. Das war Ende April. Fünf Tage nach dem Nachrichtenwechsel informierten Angehörige von Grytsenkos Familie den Tagesspiegel, dass der Soldat gestorben sei.

Angehörige stellten Hunger-Fotos ins Netz

Grytsenkos Geschichte schockiert, doch sie ist nicht die einzige über Hunger und Versorgungsnöte an der Front. Das Ombudsbüro für das Militär teilte auf Tagesspiegel-Anfrage mit, dass bis April dieses Jahres „mehr als 35 Beschwerden“ aus mindestens 20 Militäreinheiten „über die unzureichende Versorgung von Militärangehörigen an vordersten Positionen“ eingereicht wurden. Öffentliche Aufmerksamkeit erhielten sie Ende April, als Fotos ausgemergelter Soldaten im Netz auftauchten:

Darauf treten ihre Rippen hervor, Sehnen und Muskeln zeichnen sich deutlich ab, ihre Haut wirkt fahl und sie blicken leer drein. Die Männer auf den Fotos sind laut Berichten Soldaten der 14. separaten mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkräfte.

Fotos von Soldaten der 14. Separaten Mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkräfte, hochgeladen auf Threads von der Angehörigen eines Soldaten, Iwanna Pobereschnjuk

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Dieses Foto enthält sensible Inhalte, die einige Menschen als anstößig oder störend empfinden könnten.

ansehen Iwanna Pobereschnjuk veröffentlichte Fotos von ausgehungerten ukrainischen Soldaten – und stieß damit eine große Debatte an.

© threads.com/@i.petrovna_

Sie wurden von Angehörigen der Soldaten in Sozialen Medien veröffentlicht. Sie machten auf die eklatanten Versorgungsprobleme an der Front aufmerksam und erhoben schwere Vorwürfe gegen die Kommandoführung. Eine der Angehörigen ist Anastasiia Siltschuk. Sie schrieb auf Facebook, dass einige Kämpfer angeblich acht Monate auf ihren Positionen an der Linie Null verharrten.

Fotos von Soldaten der 14. Separaten Mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkräfte, hochgeladen auf Threads von der Angehörigen eines Soldaten, Iwanna Pobereschnjuk

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ansehen Das Foto zeigt mutmaßlich einen Soldaten der 14. Separaten Mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkräfte, hochgeladen auf Threads von Iwanna Pobereschnjuk

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Iwanna Pobereschnjuk, die Tochter eines früheren Soldaten in der 14. Brigade, schrieb auf dem Netzwerk „Threads“, dass die Kommandeure der Einheit nicht auf Beschwerden reagieren würden. Der Post erreichte Zehntausende Menschen und löste Empörung in der ukrainischen Öffentlichkeit aus.

Das Verteidigungsministerium reagierte auf den Post und schrieb, die Situation an der Front sei „ziemlich kritisch“ und gab Probleme in der Logistik zu – versicherte aber, diese zu lösen.

Armee entließ Kommandeure

Wenige Tage nach Bekanntwerden der Vorwürfe, entließ der ukrainische Generalstab die Kommandeure der 14. Separaten mechanisierten Brigade und des 10. Armee-Korps. In der Begründung hieß es, sie hätten die Missstände „verschleiert, es kam zum Verlust einer Reihe von Stellungen und es wurden eine Reihe von Fehlern bei der Versorgung der Soldaten begangen“.

Ich verstehe nicht, wie die Jungs, die unser Land verteidigen, ohne Essen bleiben können.

Iryna Homon, Mutter eines von Hunger betroffenen Soldaten

Außerdem führte das ukrainische Militär eine Regel zur Rotation ein: Ein Soldat dürfe nicht länger als zwei Monate auf einer Position an vorderster Front verharren. Außerdem wurden medizinische Untersuchungen, Ruhezeiten und rechtzeitige Lieferungen von Lebensmitteln vorgeschrieben.

Und trotzdem tauchen immer wieder neue Berichte von hungernden Soldaten an der Front auf. Der Tagesspiegel erfuhr von einem Fall in der 81. Separaten Luftlandebrigade. Iryna Homon, die Mutter eines Soldaten aus dieser Einheit, kämpfe in Donezk und habe ihr ebenfalls erzählt, dass er hungere. „Ich verstehe nicht, wie die Jungs, die unser Land verteidigen, ohne Essen bleiben können.“

Der Kontakt zu ihrem Sohn sei seit mehreren Tagen unterbrochen, sagt Homon. Sie heißt eigentlich anders, will aber aus Angst vor Konsequenzen für ihren Sohn, anonym bleiben. Sie sagte dem Tagesspiegel, dass sie um das Leben ihres Sohnes fürchte.

Versorgung in der Todeszone immer schwieriger

Das Ombudsbüro des Militärs sieht den Grund für die teils menschenunwürdigen Zustände an der Front im „Mangel an Personal und Mitteln“. Es bezeichnete die Planung der Kommandoführung als „unzureichend“ und sagte, dass Soldaten zu spät von ihren Kampfpositionen abgezogen wurden. Zu einzelnen Beschwerden seien bereits Untersuchungen eingeleitet worden.

David Long ist ehemaliger US-Geheimdienstmitarbeiter und unabhängiger Militäranalyst.

David Long ist ehemaliger US-Geheimdienstmitarbeiter und unabhängiger Militäranalyst.

Auch Russlands Truppen kämpfen mit Engpässen an der Front. Laut eines Berichts der britischen Zeitung „Sunday Times“ sei es in einzelnen russischen Einheiten zu Kannibalismus gekommen. Die Zeitung beruft sich dabei auf Informationen des ukrainischen Militärgeheimdienstes. Unabhängig prüfen ließen sich diese nicht.

Der ehemalige US-Geheimdienstoffizier und Militärexperte David Long erklärt die Engpässe mit der neuen Natur des Drohnenkriegs. Die Front ist zu einer „Todeszone“ geworden, in der FPV-Drohnen die Kämpfe dominieren.

Sie erfassen nahezu jede Bewegung, sei sie die eines Menschen, eines Fahrzeugs oder gegnerischer Drohnen. Diese Zone entlang der Front hat sich seit dem vergangenen Jahr von fünf auf bis zu 60 Kilometer ausgeweitet.

Long spricht von einer „einzigartigen Herausforderung“, denn die Logistik werde zunehmend zum Hauptziel von Drohnen. Soldaten mit Nahrung und Wasser zu versorgen, oder Verwundete zu evakuieren, werde so zu „einer der gefährlichsten Operationen“ an der Front, sagt Long. Deshalb würden Lieferungen vermehrt von bodengestützten Drohnen überbracht oder von besonders kleinen Einsatzgruppen zugestellt.

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In Zukunft sei denkbar, dass in der Todeszone keine Soldaten mehr stationiert würden, um den Hunger an der Front zu vermeiden. Das sagte der Militärexperte Mykola Bielieskow dem Tagesspiegel vergangene Woche im Interview.

„Stattdessen könnten Fernminen und Roboterplattformen mit Maschinengewehren und Granatwerfern eingesetzt werden.“ Doch vorerst bleibt das eine Zukunftsvision. Für Menschen wie Pawlo Grytsenko ist es zu spät.