Vielfalt der Kunst in der DDR
Bei der Recherche in den Katalogen der damaligen Ausstellung sei das Team erstaunt gewesen, „weil man sieht, was für eine Vielfalt möglich war, wie wenig der Arbeiten eigentlich dem Klischee entsprechen eines irgendwie gearteten Sozialismus“, so Mennicke-Schwarz. Denn nur kurz zuvor wurde die sogenannte Formalismusdebatte noch erbittert geführt, bei der unter anderem ein realistische Stil von Kunstschaffenden der DDR verlangt wurde. Aber in den 80er-Jahren haben es einige wohl geschafft, „sich diesen Repräsentationsraum zu erkämpfen“, erläutert Mennicke-Schwarz.
Zu den erkämpften Freiräumen gehörte auch, dass Mode, Design, Plakatkunst und Fotografie mehr Platz eingeräumt wurde. Fotoserien von Helga Paris wie „Berliner Jugendliche“ oder von Ulrich Wüst und Christian Borchert, die auch in der aktuellen Ausstellung gezeigt werden, sind weit entfernt von idealisierenden Darstellungen einer funktionierenden sozialistischen Gesellschaft.
Beim Publikum kam das gut an: Mehr als eine Million Menschen strömten damals ins Albertinum und ins Ausstellungszentrum Fučíkplatz, wo heute die Gläserne Manufaktur steht. „Wir wollen hier Schätze und auch Diskurse heben, die es damals gegeben hat und die heute zum Teil in Stereotypen schlichtweg untergegangen sind“, fasst Mennicke-Schwarz die Idee hinter der Ausstellung des Kunsthauses Dresden in der Robotron-Kantine zusammen.
Entdeckungen für die Ausstellung in Dresden
So habe sie auch die Künstlerin Sabine Slatosch entdeckt. Die sei sehr erstaunt gewesen, dass jemand nach ihrem Beitrag zur zehnten Kunstausstellung fragt. Sie musste selbst nach dem Bild suchen, dass sie fast verschollen glaubte und fand es nun, nach 30 Jahren, im Lindenau-Museum im thüringischen Altenburg. Inzwischen hängt ihr Triptychon „Mensch und Umwelt“ in der Robotron-Kantine. Es ist eine Leihgabe, wie auch ein abstraktes Gemälde „Ohne Titel“ von Eberhard Göschel aus der Galerie Neue Meister.
Die Vielzahl, vor allem der Arbeiten auf Papier, stammen jedoch aus der Sammlung des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) mit Sitzen in Stuttgart und Berlin. Das ifa hat 1992 nach der Abwicklung des Zentrums für Kunstausstellungen dessen Bestand übernommen, rund 10.000 Werke von 630 Künstlerinnen und Künstlern. Erforscht wird dieses riesige Konvolut allerdings erst seit etwa drei Jahren. Susanne Weiß arbeitet seit 2023 am ifa mit der Sammlung und berichtet von Diskussionen, dass sich doch sowieso niemand für solche Staatskunst interessiere. „Und da habe ich gesagt: So jetzt gucken wir mal.“
Sie habe begonnen an einer digitalen Datenbank zu arbeiten, um auch Lücken zu schließen. Entstanden ist daraus die Online-Ausstellung „Publik machen“, die Co-Kuratorin Susanne Weiß zusammen mit dem Kunsthaus Dresden nun erstmals im realen Raum präsentiert. Werke von Hubertus Giebe, Max Uhlig, Dieter Goltsche, aber auch exemplarisch von Künstlerinnen und Künstlern, die an keiner der Kunstausstellungen der DDR teilnahmen, wie Karla Woisnitza.
Wie die DDR-Kunst in Erinnerung bleibt
Doch in der Ausstellung „Produktive Unruhe“ wird nicht nur zurückgeschaut, sondern der Dialog gesucht mit extra für die Schau entwickelten Arbeiten. Dazu zählt etwa die raumgreifende Lehmarchitektur „Raum, den es nie gab“ von Olaf Holzapfel. Es sei laut Kunsthaus-Chefin Christiane Mennicke-Schwarz eine Hommage an die Dresdner Kunstszene der 80er-Jahre und die damalige Atmosphäre in der Stadt. „Es geht ihm sehr stark um die Alternativkultur, der Umgang damit, dass man abgekoppelt war und dass es eine große Bewegung hin zum Land und zum Handwerk gab“, so Mennicke-Schwarz.
Außerdem hat Olaf Holzapfel, der aus Dresden stammt, Werke aus dem Schatz der Ifa-Kunstsammlung ausgewählt und um seine Arbeit herum positioniert. Es sind Werke all jener, die den heute gefragten Künstler in seinem künstlerischen Schaffen beeinflusst haben: A. R. Penck, Ruth-Wolf Rehfeldt, Gerda Lepke und nicht zuletzt Hermann Glöckner.