Angeleitet wurden sie vom Tanzlehrer ihrer Jugend: Christian Lamadé. Gemeinsam lösten sie im Joseph-Bauer-Haus ein Versprechen ein, sorgten für Bewegung bei den Bewohnern – und wirken so auch einem Pflegeheim-Klischee entgegen.
In Käfertal ist was los. Der Saal im Altenheim ist voll besetzt, manche Bewohnerin zwängt sich noch mit dem Rollstuhl rein. „Marga, zieh’ die Brems an!“, warnt eine andere. Und dann tanzen sie. Vorne, im Stehen, mit Rollator oder Tanzpartner. Aber auch die Zuschauer auf den Stühlen wippen, wie sie können mit, und tauchen in Erinnerungen ein, fühlen sich für einen Moment wieder wie 16, als es „Rote Rosen“ regnete.
Vom Discofox zum Walzer
Vom Discofox geht es in einen edlen Walzer über. Dass da mitten im Saal eine sehr prominente Schauspielerin mittanzt, ist irgendwann fast zweitrangig. Und doch gab Esther Schweins, vor allem für die legendäre RTL-Samstag-Nacht-Sendung der 1990er-Jahren bekannt, den entscheidenden Impuls für eine Wiederentdeckung des Tanzbeins und der Leichtigkeit.
»Let’s Dance«-Stimmung im Pflegeheim: Tanzlehrer Christian Lamadé, Schauspielerin Esther Schweins und die Bewohnerinnen und Bewohner schwingen das Tanzbein.Foto: Marco Partner
„Let’s Dance“-Gucker wissen es bereits. Mit ihrem aus Mannheim stammenden Show-Tanzpartner Massimo Sinató besuchte Schweins in einer Folge mit Fernsehteam das Joseph-Bauer-Haus. Denn dort ist ihre Mutter Lieselotte in Pflege. „Der Grund war ihr 90. Geburtstag, den durfte ich ja trotz der Sendung auf gar keinen Fall verpassen, also mussten wir das Training ins Altenheim verlegen. Das war Bedingung“, verrät die 56-Jährige. Dort kam sie auf die Idee eines Tanzkurses für die Bewohner und erinnerte sich an die Tanzschule ihrer Jugend. In Oberhausen geboren, wuchs Esther Schweins in Viernheim auf.
Der Mannheimer Tanzlehrer Christian Lamadé war sofort begeistert. „Wir hatten so eine ähnliche Idee in der Schublade, dann kam aber die Corona-Pandemie dazwischen.“ Nun kam das erste Schnuppertraining mehr als gut an. „Die Motivation ist enorm, ich bin schwer begeistert, was sie alles mitbringen. Wir müssen jetzt schauen, wie es sich entwickelt. Wichtig ist, dass alle integriert werden können, niemand dabei ausgeschlossen wird“, sagt Mathilde Diehl, welche die von der Sepp-Herberger-Stiftung finanzierten Tanzkurse für Senioren ab September leiten wird.
Auch OB Christian Specht schaut3 auf einen Sprung vorbei.Foto: Marco Partner
Dabei wird das Tanzen im Joseph-Bauer-Haus schon lange gepflegt. Jede Woche bietet Alltagsbegleiterin Tina Wetzel ein sogenanntes Sitztanzen an – und das schon seit zehn Jahren. Mit den Armen, Beinen und Füßen wird zu Andreas Gabaliers „I sing a Liad für di“ getanzt. Wetzel kommt dabei selbst ordentlich ins Schwitzen. „Es sind bis zu 22 Teilnehmer, vor allem Frauen, selten Männer. Es geht um die Verbindung von Sport, Spaß und Rhythmus, die meisten haben früher selbst getanzt“, sagt sie.
„Ich war ein Tanzknop“
Wie Erika Herter. „Ich war ein Tanzknop, ich wollte immer tanzen“, sagt die 95-Jährige lächelnd. Ob Walzer oder Tango, sobald die Musik angeht, bewegt sie sich gerne. „Ich habe lange tanzen können, aber als mein Mann starb, habe ich nicht mehr getanzt“, sagt sie. Auch Marga Schmitt liebt die Bewegung. Als Jugendliche musste sie sich Ende der 1940er-Jahre sogar vor der Polizei verstecken, da sie noch zu jung für die Tanzbälle war. „Mein Mann war dann leider überhaupt kein Tänzer, aber ich habe jede Gelegenheit zum Tanzen genutzt“, sagt sie.
Tanzen auf Rezept
Für Esther Schweins geht es genau darum: diese Erinnerungen und den Körper auch im hohen Alter wach und fit zu halten. Denn ein Gedächtnis gibt es nicht nur im Kopf. „Auch der Körper erinnert sich, es gibt Studien zur Demenz und Bewegung. Tanzen kann die kognitiven Fähigkeiten im hohen Alter erhalten oder sogar wieder verbessern. In Großbritannien gibt es sogar ein Tanzen auf Rezept. Der Körper bleibt aufnahmefähig. Wo Worte vergehen, wo der Mensch stiller wird, bleibt Bewegung, Tanz und Musik. Da zeigen sich auch kleine Wunder: dass plötzlich wieder ein Lächeln entsteht, mitgesungen wird, selbst bei Menschen, die schon sehr zurückgezogen sind“, sagt Schweins über die positive Wirkung in einem stimmungsvollen Saal.
Auch der OB schaut vorbei
Auch Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) schaut auf einen Sprung – aber keinen Tanz – vorbei. „Einsamkeit und Bewegungsarmut im Alter sind große Themen. Gerade Tanzen kann positive Emotionen wecken. Als Stadt wollen wir die Initiative der Tanzschule Lamadé in den Pflegeheimen unterstützen. Wir hoffen, dass es als therapeutisches und soziales Angebot genutzt wird und weitere Impulse setzt.“