Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Dr. Charles Burney.“ Der feine Herr mit angloschottischem Akzent neigt leicht den Kopf, der Dreispitz sitzt akkurat, die Allonge-Perücke fällt in geordneten Locken auf die Schulter. „Ich bin Musikkritiker aus London, um hier dieses wunderbare Mannheimer Orchester zu erleben.“ Zwei Dutzend Gäste begeben sich im Schwetzinger Schlossgarten mit Martin Griffiths alias Dr. Burney auf eine Zeitreise: „Steigen Sie ein in unsere Time Machine!“

Der Ausflug führt in den August anno 1772. Im Schlosstheater der kurfürstlichen Sommerresidenz wird „La Contadina in Corte“ aufgeführt, das „Bauernmädchen bei Hofe“. Eine Opera buffa von Antonio Sacchini, es spielt das viel gerühmte Mannheimer Hoforchester. Und Dr. Charles Burney ist damals mindestens so glücklich wie der Mann, der ihn 254 Jahre später spielt: „Meine Highlight-Tour, eine Stunde im Schloss, eine Stunde im Park“, schwärmt Martin Griffiths.

Am Arionbrunnen singt er: „Inside my time machine, where we can dream . . . hm, hm . . . away from the world and all its cares.” Bei manchen Boomern macht es sofort Klick: „Das ist doch . . . – „Ja, das ist mein Song.“

Griffiths war Leadsänger der schottischen Art-Rock-Band Beggar’s Opera. „Time Machine“, 1971 aufgenommen für das Album „Waters of Change“, dauert gut acht Minuten, ein Stück zwischen Pathos und Progression, getragen von Orgel, Gitarre und einer Stimme, die sich nicht scheut, groß zu sein. Bei der SWR-Hörerhitparade landete das Lied zuletzt auf Platz 202. „Ich bin glücklich, dass noch so viele Leute dieses Lied kennen“, sagt Griffiths. „In Zeiten wie diesen brauchen wir vielleicht solche Love Songs.“

Lehre bei Harrods

Martin Griffiths wird in Newcastle on Tyne geboren. Der Vater Manager bei einem Lebensmittelkonzern, die Mutter Hausfrau, zwei Kinder, Martin und Schwester Nicky. Die Familie zieht bald nach Glasgow, dann nach Windsor, wo der Vater Bürgermeister wird. „Er hatte immer wieder Royals zu Gast“, erzählt der Sohns. Er selbst macht eine Lehre bei Harrods, mit 20 wird er Leiter eines Tesco-Supermarkts. Aber eigentlich will er nur Musik machen und singen. Aus seiner Schulband The System wird Beggar’s Opera. Irgendwie fühlt es sich so an, als stünde sie vor einer großen Karriere.

Griffiths als Leadsänger Foto: privat

Er erzählt von Mike Leckebusch und dessen Beat-Club, wo sie 1971 einen großen Fernsehauftritt hatten. Danach das British Rock Meeting in Speyer vor 60 000 Besuchern. Mit Deep Purple, Rory Gallagher – und Beggar’s Opera. „Vor uns spielten Fleetwood Mac, Peter Green war bei denen gerade weg, die steckten in der Krise. Wir haben abgeräumt.“ Es war am Nachmittag, das Publikum noch nicht völlig bekifft, erinnert sich Griffiths. Danach übernahmen Black Sabbath mit Ozzy Osbourne die Bühne: „Aber wir hatten mehr Applaus.“ Im Flugzeug ging es abends nach Wien weiter zum nächsten Festival. Dort ließ man sie dann aber plötzlich nicht mehr auf die Bühne. Griffiths weiß genau warum: „Wir waren zu gut.“

Dafür griffen andere Konzertveranstalter zu: Beggar’s Opera tourten durch Deutschland, Österreich, Italien und die Schweiz. Am 6. April 1972 spielten sie in Sindelfingen im Vorprogramm von Chicken Shack, als sich Martin bei einer Tanzeinlage verletzte. Leistenbruch, der Anfang vom Ende. „Unser Gitarrist Ricky Gardiner und die anderen Jungs wollten mehr Instrumentalstücke machen, nahmen eine Version von Ravels Bolero auf. „Ich bin aber nun mal Singer und Songwriter, wollte nicht zu Instrumentals tanzen und rumhüpfen. Das war’s dann.“

Er strandet in Manchester. „Ich hab damals Teebeutel verkauft, hatte ein paar Gigs in Kneipen und immer noch eine treue Fanbase in Deutschland.“ Im Oktober 1973 will er Urlaub im Allgäu machen, zuvor geht es nach Mannheim zu Keyboarder und Krautrocker Frieder Schmitt von King Ping Meh. Die beiden spielen ein paar Titel ein, gedacht als Material für eine Solo-LP von Griffiths. Doch für die Tonbänder interessiert sich niemand. Er landet in den Bergen bei Hindelang. „Weil ich ja etwas Geld verdienen musste, wurde ich im „Café Horn“ musikalischer Alleinunterhalter. Ich habe drei Monate gejodelt und gesungen – Schneewalzer, Von den blauen Bergen kommen wir.“

Immerhin lernt er dort Jutta kennen, die ist Lehrerin für sprachbehinderte Kinder in Mannheim. „Eigentlich wollte ich damals in den Bergen mit zwei US-Amerikanern ein Hostel aufmachen, das Projekt entpuppte sich dann aber als Dorf-Bordell. Im April 1974 bin ich zu Jutta nach Dossenheim gezogen, wir haben geheiratet, im selben Jahr kam Philip zur Welt, 1980 dann Steven.“

Plattenvertrag mit Ralph Siegel

Jutta und Martin sind noch heute zusammen. Philip hat inzwischen eine eigene Band, Poor Genetic Material, Vater Martin singt bei Bedarf natürlich immer gerne mit: „Ich kann es einfach nicht lassen.“

An der Mannheimer Volkshochschule gibt er bis Anfang der 80er Jahre Sprachkurse, nebenbei tritt als Solo-Musiker in Cafés, Clubs und Kneipen der Region auf. Er krieg oft Lob: „Du klingst echt wie der Sänger von Beggar’s Opera.“

Das reicht sogar für Auftritte mit Gitarre und Sologesang im Vorprogramm von Klaus Doldingers Passport, von Osibisa, Golden Earring, den Scorpions – und für einen Plattenvertrag mit dem Produzenten Ralph Siegel. Ein Auftritt beim Eurovision Song Contest blieb Martin Griffiths zwar erspart: „Ich musste aber als Rocksänger auf Disco machen, sang Soul-Klassiker wie The Dock of the Bay in Dancefloor-Versionen.“

Ehefrau Jutta unterrichtet ab 1984 an einer europäischen Sprachschule in Culham bei Oxford, Martin wechselt mit und gibt dort Gitarrenunterricht. Fünf Jahre später wird Jutta Lehrerin in Varese, er zieht wieder mit, knüpft musikalische Kontakte in Mailand. Mit Erfolg, wie er erzählt: „Ich habe die Musik zu einer Prügelszene im Bud Spencer-Film ,Zwei Supertypen in Miami’ gemacht. Ein Honorar bekam ich dafür nie, aber das war ja auch schon Ehre genug.“

1994 kehren Jutta, Martin und die Jungs nach Mannheim zurück, wohnen später in Eppelheim, seit zehn Jahren sind sie in Heddesheim heimisch. Mit etwas Glück und ein paar Zufällen mehr wäre ihm vielleicht die ganz große Karriere als Musiker gelungen. Griffiths ist wie so viele andere Künstler nah dran gewesen, hadert aber nicht damit. Er macht lieber weiter Musik, schreibt Titel und freundet sich mit der Idee an, Schlossführer zu werden. Er besteht sämtliche Prüfungen, bringt seit nunmehr 20 Jahren Touristen Geschichten und Geschichte nahe.

Die Traumhochzeit von Friedrich und Elizabeth

Im Heidelberger Schloss erinnert er am liebsten an die Traumhochzeit von Kurfürst Friedrich V. und der englischen Prinzessin Elizabeth Stuart anno 1613: „Ohne diese Verbindung gäbe es in Great Britain heute keine Windsors auf dem Thron.“ Bei den Feierlichkeiten in Heidelberg trat damals sogar Shakespeares Theatertruppe auf. Der Meister selbst sei wohl nicht vor Ort gewesen, sagt Martin Griffiths: „Aber es war so ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte von Heidelberg. Dass diese Story einer großen Liebe in einer Tragödie endet, schrecklich. Weil Friedrich die böhmische Krone annimmt, dadurch den Dreißigjährigen Krieg auslöst und das kurfürstliche Paar ins Exil in die Niederlande fliehen muss. What a Story.“

Martin Griffiths hat ein Musical daraus gemacht: The Wedding. 2013, aus Anlass der 400. Wiederkehr jener Traumhochzeit, wurde es mehrfach in der Heidelberger Stadthalle aufgeführt. „Ist dann aber leider wieder in der Versenkung verschwunden“, sagt der Komponist. Das Schöne an seinem Lebensweg sei, immer wieder tief in Erinnerungen eintauchen und etwas zu Unrecht Vergessenes entdecken zu können. Bei Radio Bremen hat er nachrecherchiert, und tatsächlich fanden sich die Lost Tapes des ARD-Auftritts von Beggar’s Opera im Archiv. „Sie stehen seit April dieses Jahres sogar online, und Time Machine hatte nach drei Wochen schon mehr als 100 000 Aufrufe.“

Im vergangenen Jahr entdeckte sein alter Kumpel Frieder Schmitt beim Räumen des Studios Tonbänder, die sie damals in Mannheim aufgenommen hatten. Jetzt sind die Aufnahmen Teil einer CD, die Martin Griffiths auf eigene Kosten produziert und gerade unter dem Titel The Beggar veröffentlicht hat. Eine musikalische Bilanz seines Lebens, pünktlich zum 75. Geburtstag. Alles eigene Kompositionen, aufwendig produziert und eingespielt mit Hilfe von Maxi Sator und Alias Eye, der Band seines Sohnes Philip.

„Vielleicht entdeckt man mich ja irgendwann auch mal wieder“, sagt Griffiths. So wie er auf Dr. Charles Burney gestoßen ist, jenen nahezu vergessenen englischen Musikkritiker, den er jetzt als dessen Wiedergänger verkörpert. Und mit ihm die eigene, leidenschaftliche Begeisterung für Musik.

Für seine Rolle als Dr. Burney bei Führungen in den Schlössern von Mannheim und Schwetzingen hat sich Martin Griffiths eigens ein Kostüm schneidern lassen. Die große Runde in Schwetzingen dauert zwei Stunden, kostet acht Euro plus Eintritt: „Und dann steige ich mit den Gästen in meine Time machine, where we can dream.“