Und genau deshalb spricht derzeit vieles gegen einen Atomschlag. Denn die politischen Kosten wären enorm. China und Indien, zwei der wichtigsten wirtschaftlichen Partner Russlands, dürften äußerst negativ reagieren. Selbst viele bislang neutrale Staaten würden sich wohl von Moskau distanzieren.
Noch gefährlicher wäre jedoch die militärische Unsicherheit. Denn niemand kann mit Sicherheit vorhersagen, wie die USA und die Nato reagieren würden. Washington hat Russland mehrfach vor „katastrophalen Konsequenzen“ gewarnt. Eine nukleare Antwort wäre eher unwahrscheinlich. Aber massive konventionelle Angriffe auf russische Streitkräfte oder die Schwarzmeerflotte gelten durchaus als möglich.
Hinzu kommt: Der militärische Nutzen taktischer Atomwaffen wäre wahrscheinlich begrenzt. Die ukrainischen Frontlinien sind zu dynamisch, Verbände zu verteilt. Gleichzeitig würde Russland genau jene Gebiete radioaktiv verseuchen, die es langfristig kontrollieren möchte. Deshalb dienen die nuklearen Drohungen bislang vor allem einem Zweck: Angst erzeugen und westliche Unterstützung für die Ukraine begrenzen.
Option 3: Putin ordnet eine große Mobilisierung an
Militärisch wäre das vermutlich die effektivste Lösung. Russland besitzt enorme personelle Reserven. Eine umfassende Mobilisierung könnte die russische Armee zahlenmäßig deutlich stärken und den Abnutzungskrieg langfristig zugunsten Moskaus verschieben.
Doch politisch wäre dieser Schritt extrem riskant.
Denn Putin versucht seit Kriegsbeginn, die Auswirkungen des Kriegs möglichst ungleich zu verteilen. Besonders wurden bislang Männer aus strukturschwachen Regionen und armen Bevölkerungsschichten sowie ethnische Minderheiten eingezogen. Die urbane Mittelschicht Moskaus und Sankt Petersburgs sollte dagegen weitgehend verschont bleiben. Genau das stabilisierte das System.
Schon die Teilmobilisierung im Herbst 2022 löste erhebliche Unruhe aus. Hunderttausende Russen verließen damals das Land. Bilder überfüllter Grenzübergänge wurden selbst innerhalb Russlands zum Schockmoment. Der Kreml zog daraus offenbar Konsequenzen.
Seitdem setzt Russland vor allem auf finanzielle Anreize: hohe Soldzahlungen, Entschädigungen und aggressive Rekrutierungskampagnen. Das funktionierte bislang erstaunlich gut – aber durch die fehlenden militärischen Erfolge laufen die Rekrutierungen immer schleppender. Und es wird für den Kreml immer teurer.
Rund ein Drittel des russischen Staatshaushalts fließt inzwischen direkt in den Krieg. Gleichzeitig leidet die Wirtschaft unter Inflation sowie einem Arbeitskräftemangel. Die Sanktionen haben Russland nicht kollabieren lassen, aber sie verschärfen langfristig strukturelle Probleme.
Eine Generalmobilisierung würde deshalb den eigentlichen Kern von Putins Herrschaft angreifen: das Versprechen begrenzter gesellschaftlicher Belastung. Der Krieg wäre dann endgültig in jeder russischen Familie angekommen – und der Unmut in der russischen Bevölkerung ist schon jetzt groß.
