Haferlschuhe knirschen im Kies, Krähen krächzen in den Kastanien – und das Wirtshaus im Münchner Hirschgarten steht da wie eine Almhütte, die sie mitten in eine Millionenstadt gepflanzt haben. „Einen Obazdn bitte sehr!“ – „Gerne. Wollen Sie eine zweite Brezn extra dazu?“, fragt der Kellner im karierten Hemd, denn er weiß: „Das braucht‘s scho bei der großen Portion.“ Er stellt sich als Mutaz vor, er stammt aus dem Irak. „Wir kommen von überall her“, sagt er und meint damit sich und die anderen Bedienungen, „aus Serbien, Kroatien, Türkei …“. Sie alle leisten einen harten Job und hoffen auf gutes Trinkgeld. Warum sich Mutaz hier trotzdem wohl fühlt? „Das Tolle ist natürlich das Bier aus dem Holzfass“, sagt er und schmunzelt. Sekunden später schiebt er schon eine dicke Kugel Obazda mit Zwiebeln und Radieschen über die Tischdecke. Aber jetzt, „entschuldigen Sie“, muss er weiter. Auf Englisch muss er einem anderen Gast die Speisekarte erklären.

Ähnlich geht es am Chinesischen Turm im Englischen Garten zu. 7.000 Plätze hat der zweitgrößte Biergarten Münchens – und ist bei Touristen am beliebtesten. Amerikaner, Franzosen, Chinesen, und ja, auch ein paar Münchner – auf so einer Bierbank scheint Platz für die halbe Welt. Ist das schon Völkerverständigung? Ein bisschen Weltfrieden zwischen Kies und Kastanien? Was macht den Biergarten zu einem Ort, an dem ein gutes Gespräch noch möglich ist – ohne Kummer, Streit und Weltkrise?

Der Biergarten kennt keine Privilegien – man rückt zusammen

Also erst die Recherche, dann die Maß: Anruf bei Alfons Schweiggert. Er stammt aus Altötting, ist Schriftsteller, Illustrator und obendrein eine Instanz in der Biergartenforschung. Wenn er philosophiert, klingt alles nach Gleichheit, Freiheit, Bierseligkeit: „Dort kommen Arm und Reich zusammen, der Professor sitzt gleich neben dem Straßenkehrer. Hier sind alle Schranken aufgehoben.“ Denn der Biergarten kennt keine Privilegien: Sich einen Tisch reservieren? Unmöglich. „Man rückt zusammen, man schubst und drängelt nicht, sondern freut sich gemeinsam auf den kühlen Trunk.“ Aber macht das den Biergarten schon einmalig? Im Bierzelt stehen doch dieselben Klappbänke, dort fließt dasselbe Bier. Aber im Festzelt eskaliert der Spaß eben oft schon zwei Schluck später: Suff und Gebrüll, und dann auch noch politische Reden auf der Bühne. „Mir fehlt im Bierzelt manchmal der Freiraum“, sagt Schweiggert, „und da ist auch diese laute, krachende Musik.“ Raum und Luft, Grün und Freiheit findet er nur im Biergarten. „Das Leben unter den Kastanien ist ein Gegenmodell zum Oktoberfest.“

Zurück im Hirschgarten. Jeff heißt der Mann, der Übersetzungshilfe von Mutaz, dem Kellner aus dem Irak, bekommt. Er hebt zur Begrüßung seine rote Kappe. Aus Florida kommt er und berichtet stolz davon, dass er jedes Jahr nach Europa reist. Zwei Monate im Frühling: Italien, Spanien und „always Germany“, immer auch Deutschland. Was er an den Biergärten liebt? „Oh, die wunderschöne Kulisse! Das macht die Menschen ‚relaxed‘, sie wirken so entspannt.“ Erst noch eine Gabel vom Schweinsbraten, dann nippt Jeff an seinem trockenen Weißwein, den ihm Mutaz serviert hat. Der Biergarten, ein Plätzchen des Friedens also? Na, so weit würde er nicht gehen, sagt Jeff, und überhaupt sei der Frieden so ein verdammtes Thema heute.

Jeff aus Florida genießt die Ruhe im Hirschgarten.

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Jeff aus Florida genießt die Ruhe im Hirschgarten.
Foto: Veronika Lintner

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Jeff aus Florida genießt die Ruhe im Hirschgarten.
Foto: Veronika Lintner

Was am Biergarten gefällt? „Ruhig, solide, gar nicht kapitalistisch“

Ja, sein Präsident sei ein Rowdy ohne Benehmen, Donald Trump führt sich ungehobelt auf – aber trotzdem findet Jeff ihn großartig. Bomben auf den Iran? Ja! Streit mit der Nato? Aus guten Gründen! Und die vielen Migranten erst, „vor allem die muslimischen“… Aber Jeff politisiert, ohne laut zu werden. Er hat ja auch einen Tisch ganz für sich allein. „Sie müssten mal sehen, was hier am Wochenende los ist. Alles voll!“, sagt Mutaz, der Kellner, und mit einem „Griaß di“ wendet er sich dem nächsten neuen Gast zu.

Fünf Biertische weiter hat sich eine Gruppe in Schwarz versammelt: Vitaly, Bianca, Lou, Steph, vier tätowierte Metal-Fans aus England – und ihr Freund Tom aus Deutschland. „No pressure“, sagen die Briten, hier spüren sie so gar keinen Druck, sich anzupassen. Keine Lederhosenpflicht, „du kannst hier du selbst sein“. Das Konzept? „Ruhig und solide“, findet Lou, und „gar nicht kapitalistisch, nicht so gierig nach Gewinn!“

Der Biergarten als Ort für Mensch und Tier? Auch die Krähen scheinen sich am Chinesischen Turm wohlzufühlen.

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Der Biergarten als Ort für Mensch und Tier? Auch die Krähen scheinen sich am Chinesischen Turm wohlzufühlen.
Foto: Stock Adobe

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Der Biergarten als Ort für Mensch und Tier? Auch die Krähen scheinen sich am Chinesischen Turm wohlzufühlen.
Foto: Stock Adobe

Der Münchner Hirschgarten gilt als der größte Biergarten auf der ganzen Welt – aber bayerisch soll er bleiben: Hier „gilt das Brauchtum!“, erklärt ein Schild am Eingang, auf dem die alten Spielregeln auch geschrieben stehen. Essen selbst mitbringen? Ist erlaubt, ja sogar Tradition. Getränke mitbringen? Per Verordnung verboten. Experte Alfons Schweiggert weiß schon, dass manche Kritiker gegen diesen Kodex nörgeln: Das sei doch viel zu streng, nichts als Brauchtümelei. „Das kann man doch alles ändern? Aber nein, kann man nicht“, sagt Schweiggert. „Vor allem, wenn man bedenkt, dass die ganze Gschicht‘ schon im 15. Jahrhundert begann.“

Die Geburt des Biergartens: „Gestattet seyn solle, selbst gebrautes Merzenbier in minuto zu verschleißen“

Herzog Albrecht IV. erließ im Jahr 1487 eine bayerische Brauordnung: Nur in kalten Monaten durfte Bier gebraut werden. Aber wie hielt es kühl und frisch bis zum Sommer? „An den Flusshängen der Isar wurden tiefe Bierkeller in den Boden gegraben. ‚Auf den Bierkeller gehen‘, das sagt man heute noch mancherorts, wenn man den Biergarten meint.“ Gekühlt wurde das Bier zudem mit Eisblöcken aus dem Fluss, damit das Obergärige nicht verdirbt. Und zwei weitere Tricks halfen: Über den Kellern streuten sie Kies auf den Boden und pflanzten Kastanien. Die Bäume spendeten bald ihre weiten Schatten und schlugen auch nur flache Wurzeln in der Erde. Keine Gefahr für die Fässer in der Tiefe.

Viele Menschen mussten damals zum Bierkeller wandern, um sich ihren flüssigen Vorrat zu holen. „Und das macht man ja nicht mit dem Zahnputzbecher“, sagt Schweiggert, „das reicht nicht“. Also erfanden die Bayern die Maß. Doch damit nach Hause laufen? Brauer durften keine Gastwirtschaft am Keller betreiben – also planten sie einen Aufstand dagegen. 1812 musste König Max I. Joseph die Lage klären, bevor sie überschäumte: „Den hiesigen Bierbrauern gestattet seyn solle, auf ihren eigenen Merzenkellern in den Monaten Juni, Juli, August und September selbst gebrautes Merzenbier in minuto zu verschleißen, und ihre Gäste dortselbst mit Bier u. Brod zu bedienen“.

Essen gehen, aber mit selbst Mitgebrachtem: ein klassisches Menü im Biergarten.

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Essen gehen, aber mit selbst Mitgebrachtem: ein klassisches Menü im Biergarten.
Foto: Stock Adobe

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Essen gehen, aber mit selbst Mitgebrachtem: ein klassisches Menü im Biergarten.
Foto: Stock Adobe

Das große „Aber“ folgt im Abgang der Verordnung. „Das Abreichen von Speisen und anderen Getränken bleibt ihnen aber ausdrücklich verboten.“ Und bis heute bringen Besucher ihre eigene Brotzeit mit. Von Pizza und Döner rät Schweiggert ab, lieber Brot, Wurst, Käse und Radieschen. Schlicht, simpel, bodenständig, so funktioniert das Biergarten-Prinzip: „Ich habe Durst, ich bleibe hier. Ein langer Tisch und eine Bank aus Holz, das genügt dafür.“

Viel los am Chinesischen Turm. Zahlreiche Menschen tanzen beim traditionellen Kocherlball am Chinesischen Turm im Englischen Garten.

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Viel los am Chinesischen Turm. Zahlreiche Menschen tanzen beim traditionellen Kocherlball am Chinesischen Turm im Englischen Garten.
Foto: Sven Hoppe, dpa (Archivbild)

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Viel los am Chinesischen Turm. Zahlreiche Menschen tanzen beim traditionellen Kocherlball am Chinesischen Turm im Englischen Garten.
Foto: Sven Hoppe, dpa (Archivbild)

Yingchuan schaut skeptisch durch die Kastanien. Denn was sie da vor ihren Augen sieht, „ist das wirklich ein chinesischer Turm?“, fragt die Frau aus China. Fünf Dächer, die sich stapeln und türmen, eine Holz-Pagode im asiatischen Stil – und das mitten in München. Yingchuan findet das amüsant und genießt den Ausblick: „Je länger ich durch diese Stadt spaziere, umso schöner scheint mir alles.“ Es fasziniert sie, wie die Surfer im Englischen Garten auf der Eisbachwelle reiten, fast wie auf Hawaii. Und die Schwäne im Westpark, im Japanischen Garten erst! Aber alle Wege führen zur Bierbank: „Der Biergarten war jetzt meine beste Wahl.“

Sie sah so viele schwitzende Jogger und Radler durch den Park schnaufen, „und jetzt habe ich riesigen Hunger.“ Yingchuan lächelt. Sie stammt aus China, lebt in den USA – und besucht gerade ihre Tochter, die in Erlangen studiert, um mit ihr einen Tag durch München zu spazieren. Die Tochter heißt Cheryl und kehrt gerade zurück vom Ausschank. Sie kennt die passenden soziologischen Fachbegriffe: „Der Biergarten ist ein perfektes Beispiel für einen ‚dritten Ort‘. Also für einen Platz, der ein Treffpunkt sein kann, ganz ohne Zwang. Ein Ort, der weder zu Hause noch Arbeit ist.“

Chinesinnen vor dem Chinaturm: Yingchuan (links) und ihre Tochter Cheryl.

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Chinesinnen vor dem Chinaturm: Yingchuan (links) und ihre Tochter Cheryl.
Foto: Veronika Lintner

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Chinesinnen vor dem Chinaturm: Yingchuan (links) und ihre Tochter Cheryl.
Foto: Veronika Lintner

1995 brach in Bayern ein Augstand aus – es war die „Biergartenrevolution“

Friedlich? Heimelig? Aber hart erkämpft. 1995 brach in Bayern ein Aufstand aus, der bis heute als „Biergartenrevolution“ gilt. Einem Anwohner war der Biergartenfrieden ein paar Dezibel zu laut: In der Waldwirtschaft nebenan brummte, quatschte, klirrte der Betrieb bis 23 Uhr, so wie in vielen anderen Gärten. Das nagte an seinen Nerven und er klagte sich von Gericht zu Gericht. Wär‘s nach ihm gegangen, hätte ein Urteil gedroht: „Um 21 Uhr sollten die Gärten schließen“, erinnert sich Ursula Seeböck-Forster, die Vorsitzende des bayerischen Biergartenvereins. Empörung in ihrer Stimme: „Um 21 Uhr! Im Sommer! Wo‘s fast noch taghell ist und der Abend erst begonnen hat.“ Also beschloss sie, zu kämpfen: „Uns war klar, wenn dieser Biergarten fällt, dann fällt die ganze bayerische Biergartenkultur.“

Das Archivbild von 1995 zeigt die erste „bayerische Biergarten-Revolution“ auf dem Münchner Marienplatz, an der damals mehr als 7000 Münchner teilgenommen hatten. Der Protest hatte sich an einem Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs entzündet, nach dem ein Traditionsbiergarten wegen der Lärmbelastung durch motorisierte Besucher bereits um 21.30 Uhr schließen sollte.

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Das Archivbild von 1995 zeigt die erste „bayerische Biergarten-Revolution“ auf dem Münchner Marienplatz, an der damals mehr als 7000 Münchner teilgenommen hatten. Der Protest hatte sich an einem Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs entzündet, nach dem ein Traditionsbiergarten wegen der Lärmbelastung durch motorisierte Besucher bereits um 21.30 Uhr schließen sollte.
Foto: Ursula Düren, dpa (Archivbild)

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Das Archivbild von 1995 zeigt die erste „bayerische Biergarten-Revolution“ auf dem Münchner Marienplatz, an der damals mehr als 7000 Münchner teilgenommen hatten. Der Protest hatte sich an einem Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs entzündet, nach dem ein Traditionsbiergarten wegen der Lärmbelastung durch motorisierte Besucher bereits um 21.30 Uhr schließen sollte.
Foto: Ursula Düren, dpa (Archivbild)

Seeböck-Förster fand Menschen, die so fühlten wie sie – und zur Demo am Marienplatz kamen Massen: „Da haben wir die Biergartenkultur symbolisch zu Grabe getragen.“ Männer trugen schwarze Zylinder, bereit zur Beerdigung. Dazwischen Protestplakate: „Mia woin an langa Biergartenabend!“ und „Ja spinnt‘s ihr denn?“. Der Protest hätte die Münchner Innenstadt fast geflutet, von 30.000 Demonstranten spricht Seeböck-Förster. „Das waren ganz normale Menschen, manche sagten mir: Ich war noch nie auf einer Demo. Unsere Motivation war, dass der Biergarten einfach zu ganz Bayern gehört.“ Denn dieser Ort schafft Freiheit für alle: „Was bleibt denn einer Familie in der Großstadt, mit Kindern, Dreizimmerwohnung, ohne Balkon? Sie geht in den Biergarten, wenn sie mal im Freien essen gehen will. Da geht es eben nicht nur um etwas Schönes, etwas Nettes, nicht nur um die Gaudi.“

Eine Revolution mit Erfolg: „Wir haben uns damals sehr schnell vom Freistaat eine Biergartenverordnung erkämpft.“ Und die regelt bis heute das Recht auf lange Abende und eine selbst zubereitete Brotzeit. Und dann schwärmt Seeböck-Forster, als wäre der Weg zum Biergarten wie eine Reise durch die Wüste, die im Grün endet – vielleicht mit Menschen aus der ganzen Welt, aber sehr sicher mit einer Maß in der Hand.