Im Prozess um ein Überfallkommando im Streit um den Besitz eines Möbelhauses in Feuerbach verschwimmen die Grenzen zwischen mutmaßlichen Tätern und Opfern.

Auf der Straße verstreut liegen Reste von Holzteilen, Blut auf dem Asphalt, eine Latte lehnt an einer Hauswand, in einer Baugrube finden sich Eisenstangen. Dazu ein blutüberströmter Mann, offenbar der einzige Verletzte bei der Aktion eines Überfallkommandos. Der Kampf um ein Möbelhaus in „Klein-Istanbul“, dem Gewerbegebiet in Feuerbach-Ost, wird das Stuttgarter Landgericht noch eine Weile beschäftigen. Schon jetzt zeichnet sich ab: Die 2. Strafkammer unter dem Vorsitzenden Richter Guido Ernst begegnet immer wieder Schilderungen wie aus tausendundeiner Nacht.

Und das liegt nicht nur daran, dass sich viele Beteiligte syrischer Herkunft vor allem über ihre Spitznamen kennen. Die bestehen vorneweg aus der Anrede Abu, was arabisch Vater bedeutet. „Das Aussageverhalten divergiert“, sagt Richter Ernst, „die Antworten bei meinem Richterkollegen sind andere als bei mir.“ Damit meint er nicht etwa Aussagen der fünf Angeklagten im Alter zwischen 19 und 44 Jahren, die laut Anklage am 11. August 2025 im Kampf um ein Möbelhaus in der Mauserstraße einen Schlägertrupp gebildet haben sollen. Gemeint hat er den 38-jährigen Geschädigten im Zeugenstand.

Beim Anblick der Angreifer T-Shirt ausgezogen

Waren es nun acht oder neun oder 15 Angreifer? Und wie konnte er sie so genau identifizieren und bei der Polizei vier davon namentlich benennen? Die Befragung mit Dolmetscherhilfe zieht sich über mehrere Stunden, weil die Antworten oft nicht zu den Fragen passen. Warum er denn beim Anblick der bewaffneten Gruppe sein T-Shirt ausgezogen hätte, will der Richter etwa wissen. „Ich habe niemanden beschimpft“, antwortet der 38-Jährige, „ich bin ein paar Schritte nach hinten gegangen.“

Für die Anklage stellt sich der Fall bisher so dar: Ein 51-Jähriger türkischer Herkunft, der im Quartier mit Moschee und Einzelhandelsgeschäften für türkische Ess- und Lebenskultur ein Möbelgeschäft betreibt, hat eben jenes verkaufen wollen – allerdings soll er gleich zwei Interessenten den Zuschlag gegeben haben. An ein Ehepaar und dann an einen weiteren 27-jährigen Geschäftsmann. An jenem Abend im August sollte es in Feuerbach zu einer Aussprache kommen – und der 27-Jährige soll einen Schlägertrupp, teils vermummt, organisiert haben. „Eine martialische Machtdemonstration“, sagt die Staatsanwältin.

Hausverbot für die Firmenkäufer

Die Machtdemonstration um 21.48 Uhr bekam jedenfalls der 38-jährige Chauffeur des Ehepaars voll ab. Fotos aus dem Krankenhaus zeigen ihn mit schweren Verletzungen am Kopf und am Oberkörper. „Alle dachten, ich wäre gestorben“, sagt das Opfer. Er sei erst wieder in einem benachbarten Restaurant zu Bewusstsein gekommen. Keine Ahnung, wie er dorthin gebracht worden sei. Eine Überwachungskamera zeigt allerdings, wie er mit nacktem Oberkörper und einem T-Shirt in der Hand zum Eingang des Restaurants geht, nachdem die Angreifer geflüchtet waren.

Um was es bei dem Zusammentreffen eigentlich gegangen sei – da will der Fahrer des Möbel-Ehepaars keine Details kennen. Bei der Polizeivernehmung hatte er nach Aktenlage angegeben, dass das Paar bereits Möbel in den gekauften Geschäftsräumen des türkischen Vorbesitzers gelagert habe und die Ware ja noch drin gewesen sei.

Zeigte Präsenz: die Polizei. Hier steht eine Polizistin an einem Polizeiwagen (Symboldbild). Foto: Marijan Murat/dpa

Das Ehepaar aber hätte Hausverbot gehabt. Man habe sich abgezockt gefühlt, und der türkische Verkäufer habe weder auf Telefonanrufe noch SMS-Nachrichten reagiert. Im Zeugenstand kann sich der 38-Jährige nicht mehr so genau erinnern.

Der Polizei wird Massenschlägerei gemeldet

Die Polizei war am 11. August letzten Jahres „eine Massenschlägerei in der Mauserstraße“, so der erste Beamte im Zeugenstand, gemeldet worden. Vom Konflikt der Möbelhändler wussten die Polizei schon länger. Die hatte schon zuvor in das Möbelhaus ausrücken müssen, weil es dort zu Streitigkeiten gekommen war. Darauf verweist der 51-jährige türkische Möbelhausbesitzer, der ebenfalls auf der Anklagebank sitzt.

Seine Anwältin erklärt, dass das syrische Ehepaar die vereinbarte Zahlung nie geleistet habe, auch nach einer weiteren Fristsetzung nicht. „Mein Vertrauen war erschüttert“, so der 51-Jährige. Und deshalb sei er mit dem 27-Jährigen handelseinig geworden. Und deshalb habe er auch die Polizei verständigt, als er von dem Ehepaar und ihrem Chauffeur eine Nacht zuvor an seinem Wohnhaus in Weilimdorf aufgesucht und runterzukommen aufgefordert worden sei. Er sei danach aus Angst in ein Hotel gezogen. Der Täter – tatsächlich ein Opfer? Die Verteidigung wirft der Staatsanwaltschaft einseitige Ermittlungen vor.

Die Angriff der Männer mit den Spitznamen Abu (Vater) auf das Käuferpaar war freilich auch nicht von schlechten Eltern. Beim Versuch, den Ehemann des Käuferpaares in der Mauserstraße aus dem Auto zu zerren, rissen die Angreifer den Türgriff des Fahrzeugs ab. Dieses Teil haben die ermittelnden Polizisten genauso fotografisch dokumentiert wie mehrere kaputte Holzlatten und Blutspuren. In einem nahen Möbellager stellten sie noch Stuhlbeine sicher. Der Prozess wird fortgesetzt.