Margot Käßmann war früh in Hannover aufgestanden, um am Freitag pünktlich zum Mittagsgebet auf der Landesgartenschau in Neuss zu erscheinen. Denn das habe zwei Gründe: „Der eine ist Hermann Gröhe. Wir haben viele Jahre im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland zusammengesessen und er hat mir gesagt: Du musst einfach zur Landesgartenschau kommen“, sagte Käßmann. Der zweite ist das Gebäude der Lichtkirche selbst. „Die kenne ich sehr gut“, sagte sie. Denn beim Reformationsjubiläum im Jahr 2017 stand das Kirchlein einen Sommer lang in der Lutherstadt Wittenberg. „Wir haben da viele kleine, schöne Andachten miteinander gefeiert“, so Käßmann.

Das sollte sich in Neuss fortsetzen. Bei sommerlichen Temperaturen kamen mehr als 120 meist ältere Menschen zum ökumenischen Mittagsgebet ins Laga-Gelände. Zum Thema ihres Impulses machte Käßmann das Werk des Theologen und Poeten Paul Gerhardt, dessen 350. Todestag die evangelische Kirche in der kommenden Woche begeht: „Doch auch für Katholiken ist Paul Gerhard kein Unbekannter, denn auch im katholischen Gesangbuch finden sich Lieder von ihm“, sagte sie.

Bevor die kleine Gemeinde sein wohl bekanntestes Lied „Geh aus, mein Herz“ anstimmte, bekannte die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende und Landesbischöfin von Hannover, eine echte Bewunderin des alten Meisters zu sein: „Gerhard hatte kein einfaches Leben. Im Dreißigjährigen Krieg starb in manchen Landstrichen mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht nur an den Waffen, sondern auch an Typhus, Pest und Hunger. Seine Eltern starben früh und seine Geschwister auch. Seine Ehefrau und seine Kinder starben alle, bis auf eines. Doch dieser Mann hatte offensichtlich eine unfassbare Resilienz, wenn wir heute ein so fröhliches Lied singen können.“

Und das alte Kirchenlied ist eigentlich eine Laga-Beschreibung, denn es kommen sehr viele verschiedene Blumensorten darin vor. Käßmann erzählte später, dass ihre Schwester kürzlich gestorben sei: „Das hat mir sehr wehgetan. Doch ich merke, dass sie so präsent ist für mich, weil die Liebe so stark ist.“ Der Glaube über den Tod hinaus an eine allumfassende Liebe lässt weiterleben, sagt die Theologin. So heißt ihr neues Buch, aus dem sie im Anschluss an das Mittagsgebet vorlas, auch: „Farben der Hoffnung: Was uns Kraft und Zuversicht schenkt“.

Auf sehr lebendige und persönliche Weise schildert Käßmann darin anhand der Farben, die jeweils ein Kapitel überschreiben, die verschiedenen Lebenswege der Menschen mit ihren Hoffnungen und Enttäuschungen. Grün ist bei ihr beispielsweise die Farbe der biblischen Sklavin Hagar, mit der der alte Abraham noch ein Kind zeugt, weil seine Frau Sara unfruchtbar ist: „Dieser Text ist voller Neid und Eifersucht von beiden Seiten, Hagars und Saras. Und doch steckt darin eine Menge Hoffnung und Resilienz“, erklärte Käßmann. „Da werden starke Frauen beschrieben, die uns ein Vorbild sein können.“

Wichtig ist der Protestantin, dass Menschen sich gemeinsam auf den Weg machen, denn: „Aktuell vereinzeln die Menschen zu sehr. Jeder hat sein Smartphone und hängt davor, und trotzdem gibt es die Sehnsucht, nicht alleine zu sein.“ Wie Kirche das leisten kann, wenn ihr heute doch so viele enttäuscht und verbittert den Rücken kehren, weiß sie auch: „Kirche muss wieder zu einem Ort werden, wie er einst in der DDR war.“ Dort habe es eine funktionierende Gemeinschaft gegeben, jeder kam, wie er ist. Käßmann: „So muss Kirche wieder werden: Zu einem Ort, an dem keiner ausgeschlossen wird.“