Bei einer Rangliste der verschlamptesten Stellen in der Innenstadt könnte die Brache hinter dem Marstall mühelos einen Spitzenplatz erreichen: In Toplage stehen hier hinter dem Hotel „Vier Jahreszeiten“ an der Rückseite der ehemaligen Hofreitschule ein paar unansehnliche Container. Im Residenztheater spricht man von der „Wittelsbacherwiese“ – ein Name, den nur jemand geprägt haben kann, der Bayerns ehemaliges Herrscherhaus abgrundtief hasst.

Dieser Unort fällt nur deshalb kaum auf, weil er zwar zentral, aber doch fernab aller häufig begangenen Wege durch die Innenstadt liegt. Nur einer denkt immer wieder an die Wittelsbacherwiese: Stephan Braunfels (75), der streitbare Architekt der Pinakothek der Moderne.

Der Architekt Stephan Braunfels

Der Architekt Stephan Braunfels
© imago stock&people

Der Architekt Stephan Braunfels

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Braunfels las in der „AZ“ vor einigen Wochen den Bericht über die Anfrage der Landtags-Grünen zum Konzertsaal im Werksviertel. Demnach hat der Freistaat seit 2015 bisher rund 43,7 Millionen Euro – einschließlich 5,5 Millionen Pacht an den Pfanni-Erben Werner Eckart – für das Projekt ausgegeben, ohne dass bisher ein „einziger Kieselstein bewegt wurde“, wie die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Claudia Köhler formulierte.

Die Instandbesetzer

Diese Blamage erinnerte Braunfels an eines seiner Lieblingsprojekte: den Konzertsaal nicht im Werksviertel, sondern auf eben jener Wittelsbacherwiese zu errichten, mit Klenzes Hofreitschule als Foyer, ähnlich der Verbindung der Isarphilharmonie mit der denkmalgeschützen Trafohalle E.

Baustelle des geplanten Konzerthauses München im Werksviertel: Nach 2jähriger Denkpause wird völlig neu geplant – das Projekt soll vereinfacht und im Wesentlichen auf den Konzertsaal reduziert,  die Baukosten dadurch auf 500 Millionen Euro halbiert werden.

Baustelle des geplanten Konzerthauses München im Werksviertel: Nach 2jähriger Denkpause wird völlig neu geplant – das Projekt soll vereinfacht und im Wesentlichen auf den Konzertsaal reduziert, die Baukosten dadurch auf 500 Millionen Euro halbiert werden.
© IMAGO/Wolfgang Maria Weber (www.imago-images.de)

Baustelle des geplanten Konzerthauses München im Werksviertel: Nach 2jähriger Denkpause wird völlig neu geplant – das Projekt soll vereinfacht und im Wesentlichen auf den Konzertsaal reduziert, die Baukosten dadurch auf 500 Millionen Euro halbiert werden.

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Für Braunfels spricht für diese Lösung die verkehrsgünstige Lage, die Nähe zu den Staatstheatern und die Aufwertung des historischen, renovierungsbedürftigen Gebäudes. Außerdem müsse für die Wittelsbacherwiese keine Pacht gezahlt werden, weil sie – im Unterschied zum Gelände am Werksviertel – bereits dem Freistaat gehört.

Vor 25 Jahren, als der Vorschlag vom damaligen Finanzminister Kurt Faltlhauser ins Spiel gebracht wurde, hätte der Bau laut Braunfels 100 Millionen Euro gekostet, heute wahrscheinlich das Doppelte oder Dreifache – aber kaum 1,3 Milliarden Euro wie gerüchteweise vor der „Denkpause“ im Werksviertel, nach der Markus Söder und Markus Blume die Parole „Gleiche Qualität, halber Preis“ ausriefen.

Zwitschernde Vögel, raschelnde Asseln, klirrende Gläser

Braunfels hat damals ausgemessen, dass der hochgepriesene, von außen einem Schiffsrumpf gleichende Konzertsaal im Kultur- und Kongresszentrum von Luzern problemlos auf der zur Verfügung stehenden Wittelsbacherwiese unterzubringen wäre. Der heutige Marstall wäre „als festliches Foyer, als Saal für Opernbälle und Staatsempfänge, aber auch als Salle modulable für Veranstaltungen nutzbar, die nicht in einem klassischen Konzertsaal aufgeführt werden können“, so der Architekt.

Braunfels legte damals Entwürfe vor. Da der Architekt aber seit seiner Kritik am Neubau der Staatskanzlei in den 1980er Jahren mit der über ein Elefantengedächtnis verfügenden Staatsbauverwaltung im Streit liegt, kam er nicht zum Zug. Bei einem 2007 durchgeführten Ideenwettbewerb erhielten die Berliner Kanzleramts-Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank 40.000 Euro für ein ähnliches Projekt, das aber nie realisiert wurde.

Die eher unansehnliche Wittelsbacherwiese hinter dem Marstall mit den Containern des Bayerischen Staatsschauspiels.

Die eher unansehnliche Wittelsbacherwiese hinter dem Marstall mit den Containern des Bayerischen Staatsschauspiels.
© RBR

Die eher unansehnliche Wittelsbacherwiese hinter dem Marstall mit den Containern des Bayerischen Staatsschauspiels.

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Zu dem Scheitern all dieser Pläne mit dem Marstall kann Braunfels viele Geschichten über allerlei Intrigen erzählen. Den Hauptgrund will der Architekt aber nicht sehen: Das Projekt war immer – und wäre auch heute – eine unfreundliche Instandbesetzung.

Das Residenztheater braucht den Marstall

Der Marstall steht keineswegs leer. Er wird vom Bayerischen Staatsschauspiel genutzt, weshalb das Projekt zum Ruhme Faltlhausers beim damaligen Kultusminister Hans Zehetmair und seinen Beamten keine Gegenliebe fand.

Braunfels sieht derzeit eine Chance für seinen alten Plan, weil die Werkstätten des Staatsschauspiels demnächst den Marstall verlassen und in das demnächst bezugsfertige Proben- und Werkstättenzentrum an der Hohenlindener Straße umziehen. Aber das bedeutet keinen Leerstand, denn das Theater im Marstall bleibt dritte Spielstätte für kleinere Produktionen. Und die Bedeutung dieser kleinen Bühne wächst, wenn am Ende des Jahrzehnts die Generalsanierung des Residenztheaters beginnt und damit das große Haus des Staatsschauspiels wegfällt.

Die Rückseite der ehemaligen Hofreitschule mit der Wittelsbacherwiese.

Die Rückseite der ehemaligen Hofreitschule mit der Wittelsbacherwiese.

Die Rückseite der ehemaligen Hofreitschule mit der Wittelsbacherwiese.
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Die Sanierung führt zu einem erhöhten Bedarf an Ausweichflächen, die im Marstall nach dem Umzug der Werkstätten zur Verfügung stehen. Und dass dem Kunstministerium das eigene Staatstheater näher steht wie ein Konzertsaal für das Symphonieorchester des in der Theorie staatsfernen Bayerischen Rundfunks, kann man ihm schlecht verdenken.

Ingrid Trobitz, die Sprecherin und stellvertretende Intendantin des Residenztheaters, versteht zwar die ästhetische Kritik an den Containern auf der Wittelsbacherwiese. Aber die seien angesichts der beengten Garderoben im Marstall für den Betrieb unverzichtbar.

Ein Stadtbrache als Star des Abends

Außerdem werde hin und wieder sogar die Wiese bespielt: „Unter Vogelgezwitscher, dem Rascheln der Asseln im Laub, dem Duft des Abendessens und dem Klirren der Gläser wird eine Stadtbrache noch einmal zum Star des Abends“, heißt es in einer Ankündigung für das Finale des in Zusammenarbeit mit der Climate School der Uni erarbeiteten Projekts „Im Dickicht der Stadt“ am 5. Juli um 19 Uhr.

Das Kunstministerium erklärt auf Nachfrage ein starkes Desinteresse an einer erneuten Standortdebatte zum Konzertsaal. Für den mehrfach angekündigten Kabinettsbeschluss zum Bau im Werksviertel gibt es aber weiterhin keinen Termin, nur die Versicherung, alles sei auf einem guten Weg.

Der Bauplatz des geplanten, neuen Münchner Konzerthauses im Werksviertel im Sommer 2024 - mit dem mittlerweile gecancelten Projekt von Cukrowicz Nachbaur auf dem Plakat.

Der Bauplatz des geplanten, neuen Münchner Konzerthauses im Werksviertel im Sommer 2024 – mit dem mittlerweile gecancelten Projekt von Cukrowicz Nachbaur auf dem Plakat.
© picture alliance/dpa/Peter Kneffel

Der Bauplatz des geplanten, neuen Münchner Konzerthauses im Werksviertel im Sommer 2024 – mit dem mittlerweile gecancelten Projekt von Cukrowicz Nachbaur auf dem Plakat.

von picture alliance/dpa/Peter Kneffel

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Das hört man nun seit 25 Jahren. Und bei allem Verständnis dafür, dass die Wittelsbacherwiese in den Jahren als Ausweich- und Bauvorbereitungsfläche wichtig ist: Sie ist so unternutzt wie das riesige Marstallgebäude als Hülle einer Studiobühne für 146 Zuschauer.