Bielefeld. Eigentlich sollte das „Recovery College“ ein Zukunftsmodell sein: ein Ort, an dem Menschen mit psychischen Krisenerfahrungen nicht nur Unterstützung bekommen, sondern selbst ihr Wissen weitergeben, Kurse gestalten und anderen Mut machen. Zum Start im Juli 2025 erschienen rund 100 Gäste aus Praxis, Politik, Selbsthilfe und Stadtgesellschaft in Bethel, um das ungewöhnliche Projekt zu feiern. Jetzt, nicht einmal ein Jahr später, steht das Angebot selbst vor einer Krise: Ende Mai läuft die Förderung aus, eine gesicherte Anschlussfinanzierung gibt es aufgrund der knappen Kassen der Stadt bislang nicht.
Dabei sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. Seit dem Start haben bereits 231 Menschen an Kursen, Workshops und Schulungen teilgenommen. Das Angebot reicht von Achtsamkeit und Entspannung über Theater- und Schreibworkshops bis zu Kursen über Stigmatisierung, Selbstbestimmung und soziale Kompetenzen. Selbst Menschen mit Long Covid oder ME/CFS finden hier spezielle Angebote.
Das Besondere am Recovery College ist, dass nicht Diagnosen im Mittelpunkt stehen, sondern Erfahrungen. Menschen mit eigener psychischer Krisenerfahrung entwickeln die Angebote gemeinsam mit Fachkräften. „Co-Produktion“ nennt sich dieser in zahlreichen Ländern bereits etablierte Ansatz, der auch im Landespsychiatrieplan NRW empfohlen wird. Die Idee dahinter: Erfahrungswissen zählt genauso viel wie professionelles Fachwissen – man redet also nicht über Betroffene, sondern mit ihnen.
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Experten fordern mehr niedrigschwellige Angebote – nicht weniger
Dass das Konzept offenbar funktioniert, zeigt die wachsende Nachfrage. Immer häufiger gibt es externe Anfragen für Schulungen. Selbst Einrichtungen wie Bethel oder Ausbildungsgruppen für FSJlerinnen und FSJler greifen das Konzept inzwischen auf. Kooperationen mit der Hochschule Bielefeld und der Universität Bielefeld sind bereits angestoßen.
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Umso paradoxer wirkt die aktuelle Situation. Während Politik und Fachwelt mehr Prävention, mehr Entstigmatisierung und niedrigschwellige Hilfen fordern, könnte ausgerechnet das erfolgreich gestartete Angebot schon nach kurzer Zeit wieder verschwinden. Denn trotz der großen Unterstützung und der positiven Resonanz in den vergangenen Monaten war die finanzielle Basis von Anfang an schmal.
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Fritz Hillebrenner, Genesungsbegleiter in Bethel, im Dialog bei einer Veranstaltung des Recovery College.
| © Stadt Bielefeld
„Das ’Recovery College Bielefeld’ ist eine echte Graswurzelbewegung“, sagte Sabine Jacobs vom Gemeindepsychiatrischen Verbund zur Eröffnung: Dieser Satz bekommt nun eine neue Bedeutung. Denn tatsächlich lebt das Projekt bislang vor allem vom Engagement der Beteiligten und vom Glauben daran, dass psychische Gesundheit mehr Aufmerksamkeit verdient. Vieles wurde ehrenamtlich getragen, 10.000 Euro von der Aktion Mensch ermöglichten erste Schritte, dazu kam Unterstützung des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums beim Aufbau der Koordinierungsstruktur. Doch dauerhaft abgesichert ist das Projekt bis heute nicht.
Es drohen „erhebliche Nachteile für betroffene Menschen“
Die Stadt Bielefeld selbst warnt in einem Bericht, der am Mittwoch, 20. Mai, dem Psychiatriebeirat vorgestellt wird, vor „erheblichen Nachteilen für die betroffenen Menschen und die Versorgungslandschaft“, sollte das Angebot eingestellt werden.
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Trotz der unsicheren Zukunft wird bereits weitergedacht. Geplant ist ein „Discovery College“ für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 27 Jahren. Vorgesehen sind ein Mental-Health-Café, offene Kurse und Fortbildungen für Schulen und Jugendeinrichtungen. Das Konzept steht bereits. Was fehlt, ist auch hier eine gesicherte Finanzierung.
Weitere Infos zum Recovery College und zu den aktuellen Angeboten gibt es online auf der Website des Projekts.
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