Es knurrt und schreit und krümmt sich: Das „Biest“ schleicht über die Bühne. Kreischende Raben, gehörnte Bullen und andere Fabelmonster muss es aus seinem Geisterschloss verjagen – bis es sich selbst vor lauter Liebeskummer die Haare rauft, vom Schopf bis zum borstigen Fell auf seiner Brust. Doch am Ende darf sich das Biest verwandeln im Nebel. Und zwar in einen heldenhaften Sänger, Stimmlage Bariton. Premiere am Staatstheater Augsburg: „Die Schöne und das Biest“ gibt es hier im Martinipark jetzt als Oper zu erleben.

Verwandelt hat sich der Stoff ja schon oft, so wie das Biest selbst: Dieses alte, französische Volksmärchen, das vom Monster in uns Menschen erzählt, das krallte sich die Filmfabrik Disney im Jahr 1999. Liebliche Musik und bunte Trickfiguren, für den familienfreundlichen Grusel. Weniger bekannt dagegen: die Version von Jean Cocteau, 1946 schuf er aus dem Plot eine surreale Schwarz-Weiß-Fantasie über Leid und Mitleid. Der Amerikaner Philip Glass hat zu diesen Kinobildern wiederum eine Filmmusik geschrieben. Und jetzt breitet das Staatstheater die Komposition zu einer vollwertigen, szenischen Oper aus. Spuk im Schloss: Wie viel Märchen steckt in Glass‘ „La Belle et la Bête“? Regisseurin Susanne Lietzow findet zwischen Grusel, Liebe und „Es war einmal …“ auch den Witz. Sie inszeniert das Tier im Mann – und eine Frau als Heldin gegen ihren Willen.

Philipp Glass schrieb die Musik zu Jean Cocteaus Version von „Die Schöne und das Biest“

Die Oper bleibt bei der Legende: Ein armer Geschäftsmann verirrt sich auf seinem Heimweg im Nebel, im Märchenwald, und flüchtet sich in ein unheimliches Schloss. Dort fliegen ihm Speisen und Getränke zu – und er pflückt aus Übermut eine Rose, für seine Tochter. Fauxpas! Da krallt sich der Hausherr den Einbrecher. Dieses Biest, dieses Monster, stellt den armen Mann vor die Wahl: Entweder muss er auf der Stelle sterben – oder ihm als Geisel eine seiner Töchter schenken. Tochter Belle, die „Schöne“, will ihren Vater nicht sterben lassen. Sie zieht in die Burg zum Biest, und in dieser verzauberten Wohngemeinschaft gewinnt sie sogar langsam Zutrauen zum Gastgeber. Sie spürt die Liebe im missverstandenen Monster. Und die Liebe in sich.

Die Harfe zupft und die Flöte zaubert, die Röhrenglocken schlagen zur Geisterstunde im Schloss. Dann reißt Philip Glass‘ Musik ihre Zuhörer in einen Strom, in einen fast pausenlosen Fluss von Klang. Mit jeder Welle und Woge, also mit jeder Wiederholung, ändert und verwandelt sich die Melodie – aber eben nur um ein bisschen. Das verlangt Konzentration, Orientierung und Ausdauer von den Augsburger Philharmonikern. Der klare Taktschlag von Generalmusikdirektor Domonkos Héjà lässt aber keine Zweifel aufkommen, und trotzdem Raum für Spannung und Donnergrummel. Auch wenn in diesen Noten wenig, bis fast zu wenig geschieht: Es tönt wie malerische Filmmusik – schließlich war Glass in dieser Sparte auch dreimal für den Oscar nominiert.

Susanne Lützow inszeniert ein Märchen mit Ironie in Augsburg

Die Berlinerin Susanne von Lützow findet Bilder zu dieser Musik, sie spielt mit Bühnenmagie – und Psychologie: Der Mann ist also ein Biest, in dem das Tier tobt, weil er sich hässlich und ungeliebt fühlt. Deshalb sperrt er die Frau, die er zu lieben beginnt, in seine Mauern ein und droht zu sterben, falls sie ihn verlässt. Klingt das nicht etwas toxisch? Die brave, hübsche Belle dagegen liest ja lieber in ihren Büchern, als dass sie nach Männern blinzelt – und sie putzt wie eine Dienerin ihren Schwestern hinterher. Und ihr neuster Lebensauftrag als Frau lautet: das Biest durch ihre Liebe zu retten.

Das Kleid, das er ihr schenkt, strahlt spektakulär rüschig-rosa (fabelhafte Kostüme: Karoline Schreiber). Dafür lässt er seine Muskeln zucken, auf denen ein schwarzer Wald von Haaren wächst. Es ist eine tolle Schau, wie sich Georges Khoukaz durch seiner Titelrolle als Biest kämpft. Wie er tobt und andere Tänzer auf seine Schultern nimmt. Der Trick dabei: Khoukaz ist im Hauptberuf Wrestler, also Schaukämpfer – und teilt seine Hauptfigur mit einem anderen. Er spielt das Tier im Mann, das Ungeheur mit seinen Instinkten. Doch der Bariton Wiard Witholt tritt zu ihm auf die Bühne, wie der Geist zu seiner Seele, um die Gefühle auszuformulieren und zu singen.

Georges Khoukaz in Aktion.

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Georges Khoukaz in Aktion.
Foto: Jan-Pieter Fuhr

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Georges Khoukaz in Aktion.
Foto: Jan-Pieter Fuhr

Trotz aller Poesie, und trotz kluger, romantischer Einfälle, bleibt die Bühne leider erstaunlich leer und unmöbliert. Schön, wenn sich dann etwas regt: Gruselig, aber auch schrullig, wie nachts die anderen Biester aus dem Nebel schleichen: Tänzer mit riesigen Tierköpfen. Über die große Videoleinwand galoppiert das Pferd des Ungeheuers, sein verzauberter Schimmel – und in der nächsten Szene blühen rote Rosen auf. Dazu trippelt auch eine Blume auf die Bühne, eine Tänzerin mit riesigem Rosenblütenhut. Von Lützow findet den Charme der Geschichte auch in solchen liebevollen Übertreibung. Vor allem tobt der Witz in Belles Familie.

So vespielt ist Glass‘ „La Belle et la Bête“ am Staatstheater Augsburg

Verarmt, aber verwöhnt und arrogant: Ihre Schwestern treten als Papas Prinzessinnen auf. Mit ihren extralangen Fingernägeln sind sie gar nicht in der Lage, zum Beispiel einen handelsüblichen Wäscheständer aufzuklappen. Wunderbare Momente: Olena Sloia und Jihyun Cecilia Lee (Sopran) drehen als komödiantisches Duo kräftig auf. Auf der anderen Seite: die Männer, um keinen Deut lebenstauglicher. Der Vater hat sein Leben verspielt, sein Sohn das Restvermögen und dessen bester Freund Avenant ist ein Macho im Leoparden-Mantel, der Belle heiraten will. Der Gesang dieser Figuren? Ein schnelles Parlando, so gesungen, dass es halb gesprochen klingt. Die Gespräche fetzen über die harmonische Orchestermusik. So überzeugt und bewegt auch das Paar dieser Nacht, „die Schöne“ Luise von Garnier und „das Biest“ Wiard Withold. Stark auch Daniel Carison, als Fiesling Avenant, und Kabelo Lebyana als Belles Bruder Ludovic. Sie werfen sich mit Musikalität ins Gespräch. Zwei Typen, die dem Biest mit dem Messer an den Hals rücken wollen.

„La Belle et la Bête“ am Staatstheater Ausburg – eine verspielte, clevere Inszenierung auf der Suche nach Liebe und Selbstliebe, gegen das Unheimliche in jedem Menschen. „Lass uns gemeinsam Angst haben“, ruft das Biest zur Schönen und sie schreiten in den Sonnenuntergang. Nein, in den düsteren Märchenwald.