Mitch Kniat ist trotz Zweitliga-Meisterschaft, DFB-Pokalfinale und Klassenerhalt im deutschen Unterhaus nicht mehr länger Trainer von Arminia Bielefeld. Diese Entscheidung gab der Traditionsklub aus Ostwestfalen am Samstag zur Überraschung vieler Fans in Fußballdeutschland bekannt. Ein kommentierender Rückblick auf drei unglaubliche Jahre aus Sicht eines Arminia-Fans.

Samstagmorgen, kurz nach 10 Uhr: Der erste Blick nach dem Aufstehen geht auf das Handy. Mit „Arminia Bielefeld trennt sich von Cheftrainer Kniat“ thronte die Schlagzeile einer Lokalzeitung ganz oben unter den Benachrichtigungen, die mich zunächst glauben ließ, dass ich noch träume. Naja, zugegeben: Ganz so überraschend wie für viele Außenstehende kam die Nachricht für den geneigten Fan der Ostwestfalen dann aber doch nicht.

Schließlich hatte der Übungsleiter quasi ab 2023 andauernd mit teils heftiger Kritik an seinem Spielstil, seinen Personalentscheidungen und allem, was man sonst noch so an einem Trainer im Profifußball kritisieren kann, zu kämpfen – schon bevor Kniat das erste von 132 Malen in Pflichtspielen an der Seitenlinie stand. Kaum war der Chefcoach vom SC Verl gekommen, begann in Ostwestfalen die Meckerei.

Nach dem direkten Absturz von der 1. in die 3. Liga war sich OWLs größte Stadt fast unisono einig: Nach zwei grausamen Jahren brauchte es ein anderes Trainer-Kaliber als den breit gebauten und nicht sonderlich erfolgreichen Ex-Fußballer, der „nur“ Einsätze in der Bremen- und Regionalliga vorweisen konnte, um den Ex-Bundesligisten ohne gültige Spielerverträge in der dritten Liga zu stabilisieren – und wer nur die ersten Ergebnisse der völlig neu formierten DSC-Truppe sah, der fühlte sich womöglich im Recht.

Arminia hält an Kniat fest – und wird belohnt!

Die Testspiele? Durch die Bank weg zum Vergessen! Die ersten Pflichtspiele liefen mit der 4:0-Derby-Gala und der Pokalüberraschung gegen den VfL Bochum zwar besser, doch es dauerte nicht lange, bis sich Kniats Truppe im Tabellenkeller der Liga wiederfand. Nahezu wöchentlich stand der Cheftrainer nach Meinung von Fans und Lokalpresse vor dem Rauswurf, immer wieder sprang Kniat seinem Schicksal von der Schippe. Dass es in einer Saison, die nur mit dem Klassenerhalt endete, weil sich vier Mannschaften noch etwas dämlicher als die Arminia anstellten und der Hallesche FC am 37. Spieltag auf der Alm in wirklich allerletzter Sekunde nur den Pfosten traf, dennoch zu keiner Trennung kam, erwies sich als goldrichtig.

Denn nicht nur die Verantwortlichen in Bielefeld sahen: Hier wächst ein Trainer mit einer Mannschaft zusammen, der eine klare Vorstellung davon hat, wie er (auch erfolgreich) Fußball spielen lassen will. Schlussendlich fehlte es seiner Mannschaft in einer extrem schwierigen Saison an Selbstvertrauen, Spielglück und Qualität. Dass selbst ein Trainer-Kaliber a la Jürgen Klopp oder Pep Guardiola nicht viel mehr aus einer total verunsicherten Mannschaft herausgeholt hätte, war ganz offensichtlich.

Doch während der krisenerprobte Ostwestfale den gebürtigen Eschweiler nach nur einer Spielzeit schon wieder absägen wollte, hielten Sportchef Michael Mutzel und Co. an Kniat fest – trotz der teils heftigen Kritik, Diese riss selbst dann nicht ab, als Kniat die, mit klugen Transfers verbesserte, Mannschaft mit dem immer noch auf Ballbesitz ausgerichteten Spielsystem im Pokal von Wunder zu Wunder führte. Als Drittligist im Viertelfinale zu stehen? Das reicht einfach nicht, wenn man zeitgleich in der Liga mal wieder nicht das Maximum rausholt! Viele Arminen, gerade aus dem in Bielefeld berüchtigten Block J, taten ihren Unmut darüber mit lautstarken „Kniat raus“-Rufen kund.

Typisch Arminia: Da biste auf dem Weg nach Berlin und dennoch wird ein Trainerwechsel gefordert. Während der Rest der Drittliga-Republik die Köpfe schüttelt, spielt sich Arminia in Pokal und Liga ungeachtet der zu kippen drohenden Stimmung in einen Rausch. Kniat gelingt es zwar nicht, seine (zu) zahlreichen Kritiker hinter sich zu bringen, doch er lässt diese mit dem souveränen Aufstieg, dem Durchmarsch ins erste DFB-Pokalfinale der Vereinsgeschichte und der Titelverteidigung im Westfalenpokal aber zumindest vorerst verstummen.

Klar, bei der 2:4-Pleite in Berlin hat sich Kniat outcoachen lassen, aber das darf dann gegen den VfB Stuttgart und den Irgendwann-Mal-Bayern-Trainer Sebastian Hoeneß schon einmal passieren. Die Leistung einer Sensations-Saison belegte die Bielefelder Südtribüne beim letzten Saisonspiel einmal mehr mit – diesmal aber scherzhaften – „Kniat raus“-Rufen.

Arminia Bielefeld: „Kniat raus“ bleibt bis zum Klassenerhalt eine Art Dauerthema

Längst war dieser Ruf zu einer Art Insider-Witz unter Bielefeldern geworden, den der ehemalige Innenverteidiger mit einer großen Portion Selbstironie mittragen konnte. Schließlich steht und stand die Bielefelder Fanszene stets geschlossen hinter dem sympathischen Übungsleiter, der sich in seiner dreijährigen Amtszeit vor seine Mannschaft stellte und mit überzeugenden und authentischen Auftritten auch abseits des Rasens zu punkten wusste. Dennoch: Viele DSC-Anhänger blieben skeptisch und – so hatte man teilweise den Eindruck – warteten fast nur darauf, dass die Arminia wieder kriselt.

Dass es nicht lange dauern wird, bis Bielefeld nicht mehr wie im Rausch durch den deutschen Fußball fegt, war abzusehen. Im Herbst 2025 war Kniat von der Zweitliga-Konkurrenz durchaus entzaubert, auch seine Umstellungen an System und Personal fruchteten nicht mehr so, wie es noch in der Vorsaison der Fall gewesen war. Zum ersten Mal in seiner Amtszeit machte sich der Cheftrainer mit teils den immer wieder gleichen Fehlern angreifbar. Mangelnde Konterabsicherung, fehlende Durchschlagskraft und das andauernde Aufstellen von formschwachen Spielern ließen das nie ganz erloschene Kritikfeuer wieder entfachen.

Anders als noch in seiner ersten Saison bei der Arminia, wo man immer wieder unglücklich und bitter verlor, passte die Spielweise der Mannschaft immer öfter auch zum Ergebnis. Die verdienten Niederlagen häuften sich, die Lösungen, um aus knappen Partien etwas Zählbares mitzunehmen, schwanden. Dennoch: Intern blieb der Cheftrainer trotz acht siegloser Partien in Folge nahezu unantastbar. Im Februar sprach Sportchef Mutzel ihm eine Jobgarantie bis zum Saisonende aus. Es folgten – typisch Arminia eben – noch zahlreiche Höhen und Tiefen, die dann in der 6:1-Gala gegen Hertha BSC auf der Alm und dem Klassenerhalt einen krönenden Abschluss fanden – es sollte Kniats letzter Auftritt als DSC-Coach gewesen sein.

„Kniat raus“ wird nach drei Jahren dann doch noch Realität

Der Ligaverbleib war erst wenige Stunden her, da machten schon die ersten Gerüchte über einen Trainerwechsel die Runde. Von Tag zu Tag, an dem es kein klares Bekenntnis zum Chefcoach gab, wurde eine Trennung wahrscheinlicher – am Samstag dann platzte die Bombe, die außerhalb von Ostwestfalen für deutlich mehr überraschte Gesichter sorgte als in Bielefeld und Co. Zu klar waren die Anzeichen, dass es nach dem erfolgreichen Saisonabschluss nicht weitergehen wird. Die Sinnhaftigkeit dieser Entscheidung wird allen voran vom Nachfolger abhängen.

Schließlich hatte die Arminia mit Kniat einen Sechser im Lotto gefunden: Der 40-Jährige stand für einen ansehnlichen Fußball, war weite Teile seiner Zeit erfolgreich, identifizierte sich voll und ganz mit dem Verein und überzeugte stets mit seiner Authentizität. Ob Mutzel erneut einen solchen Volltreffer aus dem Hut zaubern kann? Denn, obwohl Kniat bei Teilen der Anhängerschaft stets kritisch betrachtet wurde, hatte er einen überwiegenden Teil der Fans für sich gewonnen. Läuft es unter dem Nachfolger, der wohl nicht Marcel Rapp lauten wird, nicht gleich zu Saisonbeginn rund, dürften die Stimmen, die den Kniat-Knall kritisch sehen, schnell die Oberhand an der Melanchthonstraße gewinnen. 

Kniat, der dem Vernehmen nach bei einem Klub von der Insel und Red Bull Salzburg auf der Wunschliste steht, wird seinen Weg im Fußball gehen – und irgendwann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch mal an der Seitenlinie eines Bundesligisten stehen. 

Seine erfolgreiche, aber auch schwierige Zeit bei der Arminia dürfte ihn bestens darauf vorbereitet haben. Dass sie – so heißt es zumindest – in einer einvernehmlichen und guten Trennung geendet ist, rundet da nur eine der erfolgreichsten Trainer-Ären der Arminia-Geschichte nach zahlreichen DSC-Fehltritten auf dem Coachmarkt ab!