Ein gewöhnlicher Arbeitstag beginnt für Patrick Theobald dann, wenn seine Mitarbeiter noch tief und fest schlafen. Die ruhigen Stunden am Morgen nutzt der Chef des Stuttgarter IT-Unternehmens Peakboard für komplizierte Aufgaben: technische Probleme lösen, schwierige Kundenschreiben formulieren oder Dinge erledigen, die besonders viel Konzentration erfordern. Sein eigentlicher Arbeitstag startet erst einige Stunden später.
Denn vor knapp vier Jahren ist der 46-Jährige nach Taiwan ausgewandert. Zwischen ihm und seinem Team liegen mehrere Stunden Zeitverschiebung – wenn in Stuttgart Nachmittag ist, neigt sich der Tag in Taiwan schon dem Ende zu. Häufig sitzt Theobald bis Mitternacht in Meetings. Sein Alltag folgt damit einem Rhythmus, der gar nicht so recht zu ihm passt. Denn: „Eigentlich bin ich ein Morgenmensch“, sagt er.
Nach Corona sollte das Büro wieder zum Mittelpunkt des Arbeitsalltags werden
Manche seiner Mitarbeiter leben direkt in Stuttgart, andere weiter außerhalb, zwei Programmierer sitzen sogar in Armenien. Präsenzpflicht gibt es beim Stuttgarter Unternehmen schon lange nicht mehr. Dabei war das nicht immer so. „Wir hatten uns damals 2022 zum Start ein 600 Quadratmeter großes, fancy Büro in der Neckarstraße in Stuttgart geholt“, erzählt Theobald. Die Idee dahinter war klar: Nach Corona sollte das Büro wieder zum Mittelpunkt des Arbeitsalltags werden. Doch die Realität sah anders aus.
„Es gab zwar einzelne Tage, an denen mehrere Leute im Büro waren, aber überwiegend hat das eigentlich alles daheim stattgefunden“, blickt Theobald auf jene Zeit zurück. Erzwingen wollte der Geschäftsführer die Rückkehr ins Büro nicht, stattdessen versuchte er es mit verschiedenen Anreizen. „Von regelmäßigen gemeinsamen Mittagessen hin zum klassischen Obstkorb“, sagt der 46-Jährige, „haben wir bestimmt noch ein Jahr versucht, wieder eine Hybridkultur aufzubauen.“
Doch vergebens. Viele Mitarbeitende hätten sich während der Pandemie im Umland niedergelassen, so Theobald. Wer inzwischen weiter draußen wohnte, konnte oder wollte nicht mehr täglich pendeln: „Wenn man sich in Stuttgart kein Haus leisten kann, dann kann man sich aber vielleicht eines in Sulzbach leisten. Aber wenn man in Sulzbach wohnt, dann kann man natürlich nicht mehr jeden Tag nach Stuttgart kommen.“
Theobald: Schon lange Wunsch gehegt, nach Asien auszuwandern
Irgendwann fiel die Entscheidung: „Dann haben wir einfach gesagt: Jetzt ziehen wir es vollends durch.“ Für den Geschäftsführer selbst wurde das Modell auch persönlich zum Wendepunkt. Schon länger habe er den Wunsch gehegt, nach Asien auszuwandern. Mit dem Entschluss, sein Unternehmen ab sofort nach dem Grundsatz „remote first“ zu führen, sei daraus Realität geworden. „Es gab dann eigentlich keine Ausrede mehr für das Nicht-Auswandern“, sagt Theobald.
Patrick Theobald. Foto: Peakboard
Ganz ohne Herausforderungen verläuft das allerdings nicht. Gerade in stressigen Situationen wünsche er sich manchmal das klassische Büro zurück, so der Geschäftsführer. Wenn etwa ein wichtiges Kundenproblem schnell gelöst werden müsse und mehrere Mitarbeitende parallel daran arbeiten, frage er sich schon mal: „Sitzen die jetzt wirklich derart fieberhaft vor ihrem Rechner und versuchen, das Problem mit derselben Akribie zu lösen wie ich?“
Er versuche zwar bewusst, solche Gedanken nicht groß werden zu lassen. „Aber dieser Grundzweifel an diesem System, der schwingt schon immer mit“, sagt er offen. Gleichzeitig betont er aber auch: Solche Zweifel gebe es nicht nur im Homeoffice. „Bei physischer Büropräsenz gibt es das auch, dass Leute einfach nicht so arbeiten, wie sie sollen.“
„Das ist kein klassisches: Jeder hockt allein daheim“
Wichtig sei das regelmäßige Einfordern von Ergebnissen. „Die Resultate müssen eben da sein und wenn jemand sagt, das habe ich nicht hinbekommen, dann ist natürlich die Frage: Hat er das nicht hinbekommen, weil es nicht machbar war, oder weil er nebenher ‚Die Simpsons‘ geschaut hat?“
Damit die Remote-Arbeitsweise funktioniert, setzt Theobald vor allem auf permanente digitale Kommunikation. „Das erste, was jeder morgens macht, wenn er den Rechner aufklappt, ist, sich an Slack anzumelden“, erzählt der Geschäftsführer. Danach werde eigentlich den ganzen Tag geschrieben, telefoniert oder in kleinen Gruppen diskutiert. „Das ist kein klassisches: Jeder hockt allein daheim“, sagt Theobald.
Er selbst habe sich trotz der Distanz nie alleine gefühlt. Für ihn ersetze diese Form der Kommunikation vieles, was früher im Büro passiert sei. Selbst jene Dinge, die im Homeoffice leicht verloren gehen, wie spontane Begegnungen oder das berühmte Gespräch in der Kaffeeküche versuche man zu ersetzen: „Freitagnachmittag treffen wir uns immer zum Kaffee, wo dann jeder einfach in einen Chatraum kommt und irgendetwas erzählt.“ Gleichzeitig setzt die Firma bewusst auf feste persönliche Treffen. Drei- bis viermal im Jahr kommt das gesamte Team in Stuttgart an einem Co-Working-Space zusammen, arbeitet mehrere Tage gemeinsam und geht abends essen. Um, wie Theobald es ausdrückt: „uns wieder zu synchronisieren, auch körperlich.“
Remote-First irgendwann überall Standard?
Erst kürzlich wurde Stuttgart von der Bertelsmann Stiftung zur „Homeoffice-Hauptstadt“ gekürt, deutschlandweit gibt es hier den höchsten Anteil an Stellenanzeigen mit Homeoffice-Option. Und doch rudern große Konzerne wie Bosch beim Thema Homeoffice zurück. Jüngst hatte das Unternehmen verkündet, seine Homeoffice-Regelungen aufzukündigen. Fortan sollen Mitarbeiter wieder häufiger ins Büro kommen. Einer der Gründe dafür, die Bosch-Chef Stefan Hartung bei einer Podiumsdiskussion unserer Zeitung nannte: Man könne keine neuen Mitarbeiter integrieren, wenn keiner der Team-Kollegen vor Ort sei.
Bosch-Chef Stefan Hartung kündigte jüngst die Konzernbetriebsvereinbarung über weitreichende Homeoffice-Regelungen au. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Theobald hingegen sieht die Thematik gelassen. „Ich finde, beim Onboarding muss man nicht neben jemandem stehen. Eine fachliche und mentale Betreuung, die kann ich auch auf die Ferne machen, wenn ich das möchte.“ Das sei aber nur möglich, wenn sich die Gegenseite darauf einlasse. „Das ist nicht für jeden geeignet. Bevor jemand bei uns anfängt, kommunizieren wir sehr deutlich: Du musst der Typ dafür sein, physisch allein zu arbeiten – wenn du das Gefühl hast, jeden Tag ins Büro gehen zu müssen, dann bist du für unsere Firmenkultur nicht geeignet.“
Auch wenn einige große Firmen inzwischen eher wieder davon wegkommen wollen – Theobald glaubt fest daran, dass Remote-First irgendwann überall Standard werden wird. „Ich denke, dass genügend junge Leute nachkommen werden, deren Anspruch es ist, genau so zu arbeiten. Außerdem werden die Tools immer besser und die Hürden immer kleiner werden. Ganz davon abgesehen bedeutet das für Unternehmen einen großen monetären Vorteil, genauso für die Mitarbeiter, die wohnen können, wo es billig ist, und trotzdem dort verdienen, wo es teuer ist.“