Student*innen halten eine Vollversammlung vor dem Uni-Gebäude ab.

Student*innen halten eine Vollversammlung vor dem Uni-Gebäude ab.

Foto: Anton Trexler

Seit wann gibt es »Students for Palestine« in Leipzig?

Unsere Initiative entstand 2023 als Reaktion auf den Genozid in Gaza. 2025 haben wir einen ausführlichen Bericht zu Kooperationen der Universität Leipzig mit israelischen Hochschulen erarbeitet. Vor diesem Hintergrund entstand auch die Kampagne für die Vollversammlung und der Aufruf, diese Kooperationen zu beenden.

Das Rektorat entzog die Genehmigung zur Nutzung eines Hörsaals für die Vollversammlung. Wie lief das ab?

Am Tag vor der Versammlung wurde uns der seit Wochen bestätigte Hörsaal gestrichen, zunächst per Mail und ohne Begründung. Wir entschieden uns deshalb im Plenum für eine Verlegung an die Moritzbastei – auch aus Sorge vor einer polizeilichen Räumung, falls wir auf den Innenhof ausgewichen wären.

Gab es denn bereits früher Repressionen?

Wir wurden stets anders behandelt als andere Gruppen, und in den zurückliegenden Wochen hat sich die Situation zugespitzt. Das reicht von der Anwesenheit von Sicherheitskräften bei unseren Veranstaltungen bis zur Blockade der Rundmail, mit der die Vollversammlung bekanntgegeben wurde. Letzteres ist laut der Geschäftsführung des Studierendenrats nach dem sächsischen Hochschulgesetz rechtswidrig. Das Rektorat versuchte zudem, die Versammlung zu delegitimieren, indem es behauptete, sie repräsentiere die Studierenden nicht und stehe nicht im Einklang mit der Satzung des Studierendenrats. Das stimmt nicht, die Versammlung war vollkommen legal. Das Rektorat greift die demokratischen Institutionen der Universität an, weil es aus unserer Sicht nicht hören will, was die Studierenden zu sagen haben: Wer der sogenannten Staatsräson widerspricht, soll zum Schweigen gebracht werden.

Die Hochschulleitung begründet ihr Vorgehen auch mit dem Schutz jüdischer Studierender und Mitarbeiter. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Ihre Kampagne schaffe ein Klima der Ausgrenzung?

Interview

Orlando Becker ist Student an der Universität Leipzig und engagiert sich bei »Students for Palestine Leipzig«. Im Gespräch mit »nd« berichtet er von einem Beschluss der Vollversammlung der Studierendenschaft der Uni Leipzig am 19. Mai, in dem diese mit großer Mehrheit für einen akademischen Boykott israelischer Hochschulen votierte. Die Versammlung wurde unter freiem Himmel abgehalten, nachdem die Uni kurzfristig die Nutzung ihrer Räumlichkeiten untersagt hatte. Rektorin Eva Inés Obergfell begründete die Maßnahme unter anderem damit, dass es den Studierenden nicht mehr um »wissenschaftliche Auseinandersetzung, sondern um eine parteiische Stellungnahme und die Absicht, die Wissenschaftsfreiheit einzuschränken«, gehe.

Während der Versammlung verwies eine jüdische Person mit israelischer Staatsbürgerschaft darauf, dass jüdische Teilnehmende in propalästinensischen Protesten überdurchschnittlich stark vertreten sind. Der Schutz jüdischer Studierender ist für uns selbstverständlich. Genau deshalb halten wir die Gleichsetzung von Israel-Kritik mit Antisemitismus für problematisch. Wir trennen klar zwischen Antisemitismus und Antizionismus.

Trotz der kurzfristigen Verlegung kamen rund 700 Studierende. Wie war die Stimmung?

Sehr gut. Viele waren erleichtert, dass die Versammlung überhaupt stattfinden konnte. Das Rektorat hat nicht weiter eingegriffen und nur aus der Ferne zugeschaut. Es gab lediglich neun Personen, die gegen uns demonstriert haben, darunter die Linke-Landtagsabgeordnete Juliane Nagel.

Im Zentrum stand der akademische Boykott israelischer Hochschulen. Was wurde beschlossen?

Unter anderem wird die Universität Leipzig in dem Beschluss aufgefordert, die genozidale Kriegsführung Israels öffentlich zu verurteilen und alle Kooperationen mit israelischen Institutionen zu beenden. Zudem fordert die Versammlung die Einführung einer Zivilklausel, also das Verbot von Forschung zu militärischen Zwecken. Hochschulen werden zunehmend in militärische Verwertungsketten eingebunden. Gerade unter Kürzungsdruck wächst die Abhängigkeit von militärischen Geldgebern. Eine Zivilklausel soll das grundsätzlich ausschließen.

Warum fordern Sie einen umfassenden Boykott israelischer Universitäten und nicht nur die Beendigung einzelner problematischer Kooperationen?

In unserem Bericht »End Academic Complicity« zeigen wir, dass alle fünf israelischen Partneruniversitäten der Universität Leipzig in Militärforschung, Besatzungsstrukturen oder staatliche Ideologieproduktion eingebunden sind. An der Ben-Gurion-Universität in Be´er Scheva etwa gibt es sehr enge Verbindungen zum Militär: Kriegsgerät wird auf dem Campus gelagert, Studierende, die in Militäreinsätzen dienen, bekommen Leistungspunkte. Die Universitäten stehen auf besetztem Gebiet und wurden auf den Ruinen palästinensischer Dörfer erbaut. Kooperationen und Austauschprogramme normalisieren und legitimieren das. Israelische Universitäten sind keine Bastionen der akademischen Freiheit – ganz im Gegenteil.

Könnte die Leipziger Vollversammlung Signalwirkung für andere Hochschulen haben?

Uns haben bereits viele Leute aus anderen Städten kontaktiert, und es gibt Bestrebungen, solche Vollversammlungen auch an anderen Universitäten einzuberufen.

Obwohl es sich um die erste Abstimmung dieser Art an einer deutschen Universität handelt, wird bislang kaum darüber berichtet. Wie ist die mediale Zurückhaltung zu erklären?

Das ist angesichts der Thematik nicht überraschend, aber in diesem Fall schon besonders auffällig. International ist die Resonanz deutlich größer. Vor diesem Hintergrund wirkt die fehlende Berichterstattung in Deutschland umso bemerkenswerter.