Die US-Wetterbehörde rechnet mit über 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit damit, dass sich bis Juli ein El Niño bilden könnte. Der östliche Pazifik erwärmt sich in Äquatornähe rapide. Es ist eigentlich keine Frage mehr, ob der El Niño in diesem Jahr kommt, sondern eher, wie stark er ausfällt, sagt Klimaforscher Karsten Haustein von der Universität Leipzig. Für einen Super-El Niño müsste die Temperatur des Pazifiks mindestens zwei Grad über dem Durchschnitt liegen, erklärt er. „Wir wissen, dass es einen starken oder auf jeden Fall einen El Niño geben wird, weil sich in den oberen 300 Metern vom tropischen pazifischen Ozean ein extremes Wärmepotential, ein Wärmereservoir, aufgebaut hat.“

Stärke von mehreren Faktoren abhängig

Die Stärke zu bestimmen, bleibe aber ein Problem. „Weil die Atmosphäre mitspielen muss“, so Haustein. „Es ist nicht nur ein Ozeanphänomen, sondern die Atmosphäre spielt auch immer eine Rolle wegen der sogenannten Passatwinde.“ Die sind entscheidend für das Wetterphänomen, das im Schnitt alle drei bis fünf Jahre auftritt: Wenn sich die Oberflächentemperatur des Ozeans durch die Sonneneinstrahlung im östlichen Pazifik überdurchschnittlich stark erwärmt, dann werden die Passatwinde in der Region schwächer. Die transportieren aber normalerweise die aufgewärmten Wassermassen von der südamerikanischen Küste nach Westen in Richtung Asien. Werden die Passatwinde schwächer oder ändern sie sogar ihre Richtung, dann schafft es das kalte Wasser aus der Tiefe nicht mehr nach oben.

Die Wärme wird in die Atmosphäre abgegeben und dadurch verändert sich das Klima über dem Äquatorialpazifik. „Und ein ganz großer Faktor in dem Spiel ist, wie die Atmosphäre auf so einer schwer vorhersagbaren, relativ kleinräumigen Ebene funktioniert“, erläutert Forscher Haustein. „Die Frage ist nämlich, ob sich durch dieses warme Wasser im Ostpazifik sogenannte tropische Zyklone entwickeln können. Die drehen sich in eine bestimmte Richtung. In diesem Fall auf der Nordhemisphäre drehen sie sich so herum wie ein Tiefdruckgebiet. Und damit hat man an der Südseite von diesen tropischen Zyklonen ganz starke Winde, die gegen die eigentlichen Passatwinde wehen.“

Vielerorts drohen Dürren oder Hochwasser

Das führt wiederum dazu, erklärt Haustein, dass die Grenze zwischen warmem und kaltem Wasser noch weiter nach unten gedrückt werde. Die Folgen eines starken El Niño sind aufgrund von Fernwirkungen der atmosphärischen Luftzirkulation fast auf dem ganzen Planeten zu spüren, sagt der Forscher: „Die haben definitiv Folgen für Südamerika, die haben Folgen für Australien, die haben Folgen für Amerika, die haben Folgen für Asien.“

Was passieren kann, ist, dass es in bestimmten Regionen extrem feucht wird und gleichzeitig in anderen Ecken eine ganz ganz starke Dürre auftritt.

Dr. Karsten Haustein, Universität Leipzig

Besonders trocken werde es unter anderem in der Sahel-Zone, in Australien, im Amazonas-Gebiet und auf dem Indischen Subkontinent. Andernorts drohen starke Regenfälle. Und auch Naturkatastrophen werden während eines El-Niño-Zyklus häufiger. „Auch die Vereinigten Staaten sind betroffen. Dazu zählt Washington State, dann runter Seattle, Portland und bis runter nach Kalifornien und Mexiko. Da ist im Moment absolute Dürre. Wir sehen, dass der Colorado River in so einer kritischen Situation ist, dass er tatsächlich Gefahr läuft, wirklich auf absolut rekordniedrige Stände zuzulaufen.“

Wie heiß wird 2027?

Auf den ausgedörrten Boden droht mit El Niño heftiger Regen zu treffen. Infolge des Klimawandels sei in den Wolken rund 20 Prozent mehr Feuchte verfügbar, sagt Haustein. Im Süden der USA und in Mexiko drohten Überschwemmungen und Hurrikans. Europa dagegen ist kaum direkt von El Niño betroffen. Erst nachdem er Ende dieses Jahres sein ganze Kraft entfaltet hat, verteilt die Zirkulation die Wärme über den ganzen Globus. Deshalb bringt uns El Niño etwas wärmere Winter.

Aber: Direkt betroffen sind wir durch die Folgen auf die globale Durchschnittstemperatur, erläutert der Leipziger Klimaforscher Haustein: „Was die globale Temperatur als Ganzes angeht, da kann man sich absolut sicher sein, dass 2027 einen neuen substanziellen Rekord bringen wird.“ Er gehe von mindestens 1,6 Grad Temperatursteigerung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter aus. „Das ist dann nur für ein Jahr, aber damit ist dann mehr oder weniger die 1,5 Grad-Grenze gerissen“, so Haustein. „Und die Konsequenzen sind dann über so ein El-Niño-Jahr hinaus spürbar, denn das Potenzial für Extremwetter ist mit jedem Zehntelgrad deutlich größer und das gilt logischerweise dann auch für uns.“

Und dann sind wir auch in Mitteldeutschland Teil eines global vernetzten Wirtschaftssystems: Fällt etwa die Soja-Ernte im Norden Brasiliens aus, dann fehlt uns hierzulande das Tierfutter in der Landwirtschaft. „Wir haben schon diese globalen Nahrungsketten und die sind ziemlich eng miteinander verbunden“, erläutert Haustein das Problem. „Wir sind global miteinander vernetzt und Warenströme bzw. Mangel machen sich bei uns bemerkbar.“ Und das gilt eben für alle Waren, die wir aus den betroffenen Weltregionen importieren. Deshalb dürfte sich ein Super- El Niño nicht zuletzt auch bei uns in der Geldbörse bemerkbar machen.