Wie der Architekt Oliver Fischer eine verbastelte Doppelhaushälfte aus den 80ern auf der Stuttgarter Halbhöhe samt Garten überzeugend umgebaut und energetisch saniert hat. Ein Besuch.
Aküfi. Nein, bei diesem Begriff handelt es sich nicht etwa um eine neu entdeckte mediterrane Leckerei, sondern um eine sehr deutsche Spezialität. Aküfi oder auch der Abkürzungsfimmel ist eine weit verbreitete, besonders in der Immobilienwirtschaft auftretende Neigung zur Abkürzung.
In Deutschland gibt es fast 20 Millionen Einfamilienhäuser
Tatsächlich leben ziemlich viele von uns in einem EFH oder DHH. 19,4 Millionen Wohngebäude existieren in Deutschland, von denen rund 16 Millionen entweder ein EFH oder ein DHH sind. Trotzdem haben diese Gebäudetypen mittlerweile einen ziemlich schlechten Ruf, vor allem jene, die nicht gedämmt sind und keine klimafreundliche Heizung besitzen – das betrifft die Mehrheit all dieser 16 Millionen EFH und DHH.
Oliver Fischer, Architekt von Fischer Rüdenauer Architekten aus Stuttgart, hat reichlich Erfahrung beim Hausumbau. Foto: Fischer Rüdenauer Architekten
Oliver Fischer ist nicht einer dieser Architekten, die in jedem Einfamilienhaus den ökologischen Untergang des Abendlandes vermuten, im Gegenteil. Der Stuttgarter Architekt sieht in der Sanierung und im zeitgemäßen Umbau dieses Gebäudetypus eine echte Chance – für die Gesellschaft einerseits und für seine eigene Zunft andererseits. Investoren und Bauherren entscheiden sich immer noch viel zu oft für Abriss und Neubau, ohne zu berücksichtigen, wie sich die dabei ignorierte Graue Energie in der Öko- und Klima-Bilanz niederschlägt.
Neu erfunden wird die DHH auf der Stuttgarter Halbhöhe
Deswegen ist er auch rückblickend so glücklich, dass ihn die aus Aachen nach Stuttgart gezogene Familie gebeten hat, die frisch erworbene und dennoch traurig wirkende Doppelhaushälfte am Killesberg neu zu denken. Alles neu, vom Keller bis zum Dachfirst – und zwar ohne Abriss! „Die Eigentümer kamen nicht mit fertigen Ideen, sie haben uns machen lassen. Genau das wünscht man sich als Planer“, sagt Oliver Fischer.
Der Wunsch der Bauherrschaft war ein modernes Einfamilienhaus mit hellen großzügigen Räumen und einem schwellenlosen Außenraumbezug im Erdgeschoss. Gleichzeitig sollte die Architektur zeitgemäß, aber gleichzeitig zeitlos und „wohnlich“ sein, auch und vor allem in den Innenbereichen. Das Beeindruckende an einer bereits sanierten Doppelhaushälfte ist ja, dass man den ungefähren Vorher-Zustand beim Besuch vor Augen hat, schließlich ist das Nachbarhaus ja noch vorhanden. Das ist ein echter Wow-Effekt.
Reibungsarme Planung des Umbauprojekts in Stuttgart
Man kommt aus dem Staunen kaum heraus, da bietet einem die Bauherrin eines sonnigen Morgens auf dem offenen Vorplatz vor der Küchenbereich erst einmal einen Kaffee an und wundert sich ein wenig über den Besucher. Für sie ist das Haus längst Alltag geworden, man wohnt halt und ist glücklich, dass beim Umbau alles gut geklappt hat. „Die Zusammenarbeit mit unserem Architekten war so sehr konstruktiv, angenehm und reibungsarm“, sagt die Bauherrin.
Oliver Fischer sitzt neben ihr und nickt, man ist freundschaftlich verbunden geblieben, was keineswegs so selbstverständlich ist nach so einem anspruchsvollen Projekt. Schließlich musste alles neu gemacht und geordnet werden, was aber dem Bauherrenpaar schon beim Kauf der heruntergewohnten Doppelhaushälfte klar war. „Der Grundriss war total verschachtelt und überfrachtet. Aber das Potenzial des Hauses habe ich schon nach der ersten Besichtigung gesehen“, sagt die Bauherrin.
Freie Hand bei der Sanierung auf dem Stuttgarter Killesberg
Also ging es los. Und Oliver Fischer hatte für den Umbau eine carte blanche, was einfach perfekt ist, wenn man etwas realisieren will, was nicht nur ökologisch, sondern auch formal-ästhetisch überzeugt. „Das Haus war vor dem Umbau sehr geschlossen, mit kleinen Fensteröffnungen und wenig Außenraumbezügen. Konsequente Eingriffe waren notwendig, um ein offenes Wohnkonzept zu realisieren und dem Gebäude eine Leichtigkeit zu verleihen.“ Das Problem ist nur, dass das Leichte immer am schwersten ist. Wo also anfangen?
Der Clou: Der Eingang wird versetzt in dem Stuttgarter Haus
Oliver Fischer erklärt anhand des Nachbargebäudes, was entscheidend bei der Planung war: „Die größte Veränderung war die Verlegung des Eingangs von der Straßenseite auf die Giebelseite.“ Tatsächlich konnte mit diesem mutigen Eingriff alles neu gedacht werden. „Wir haben die Räume im Erdgeschoss geöffnet. Durchblicke in Längsrichtung erweitern den Grundriss ins Freie“, sagt Oliver Fischer, während er das Haus erklärt, sichtlich stolz, als wäre es sein eigenes. Ins Erdgeschoss gelangt nun viel Tageslicht, die Fensterflächen sind groß, die Terrassentüren erlauben einen Durchblick nach Art der typisch holländischen Häuser. Stützen und Träger aus Stahl ersetzen die entfernten tragende Wände.
Grundriss wird geöffnet, das Stuttgarter Reihenhaus soll atmen
Das Draußen und das Drinnen kommuniziert, wofür auch die Außenhaut komplett verändert wurde. „Die Fassaden wurden neu geordnet und mit großzügigen Fensterelementen versehen. Sämtliche Außenwände wurden gedämmt und mit einer Holzfassade bekleidet. Gerade bei der Fassade gab es keine Kompromisse“, sagt der Planer, der mit dem Stuttgarter Büro Fischer Rüdenauer Architekten reichlich Erfahrung bei der Sanierung von privat genutzten Altbauten hat.
Wobei Altbauten ein reichlich schwammiger Begriff ist. Früher verstand man darunter meist Villen oder Wohnhäuser aus der Gründerzeit. Heute aber sind auch schon Doppelhaushälften aus den 80er Jahren sehr häufig Sanierungsfälle, mit ganz spezifischen Anforderungsprofilen.
Mediterrane Befreiung des Außenraumes
Das fängt schon bei der Frage der viel zu kleinen Lichteinlässe in viel zu viele zu kleine Räume an und endet auch bei der Organisation des Gartens noch lange nicht. „Vorne musste natürlich der Jägerzaun weichen, der komplette Außenbereich wurde entrümpelt“, erklärt Oliver Fischer, der diese Maßnahme als eine „mediterrane Befreiung“ bezeichnet.
Plötzlich wehen Gräser im Wind. Man braucht weder Zäune aus Holz noch aus Maschendraht. „Der alte Baumbestand konnte erhalten werden und kommt jetzt wunderbar zur Geltung. Auf der Rückseite machen Terrassen, Treppen, Stützmauern und entsprechende Pflanzungen den Garten zum attraktiven Außenraum und vor dem Wohnbereich zum Sommerzimmer“, sagt Oliver Fischer. Alles wirkt stimmig und unaufdringlich souverän, kein modischer Schnickschnack ärgert das Auge.
Skulpturale Treppe ist „einfach genial“
Individuell geplante Einbaumöbel schaffen nicht nur Stauraum, sie verleihen der Raumfolge Ruhe und Struktur. Das neue, alte Haus wirkt wie aus einem Guss, und zwar auf allen Stockwerken, wozu auch die skulpturale Treppe im Haus beiträgt. „Die Treppe im Haus ist genial entworfen“, findet auch die Bauherrin, die bei der neuerlichen Besichtigung ihres eigenen Zuhauses nur lobende Worte findet, auch wenn sie ganz zu Beginn ihrer Suche nach einem Haus mit einem Neubau geliebäugelt hat, wie sie sagt.
Doch jetzt ist sie froh über ihre Entscheidung für einen Umbau, der in der Planung und Abstimmung viel Geduld und auch Verständnis für bauliche Herausforderungen voraussetzt, schließlich gibt es bei jeder Sanierung Überraschungen. Hier hielten sie sich in Grenzen, ein Glück.
Ein Zuhause in Stuttgart für die ganze Familie
„Wir wollten ein Haus für unsere Familie gestalten, ein richtiges Zuhause für uns und unsere Kinder. Praktisch sollte es sein, gemütlich, offen, hell, klar gezeichnet. Einfach und flexibel. Und nun ist alles genau so, wie wir es wollten. Es ist wirklich stimmig“, bekräftigt die Bauherrin. Was aber noch wichtiger scheint: Dieser sensible Umbau eines vermeintlich langweiligen 0815-Wohnwürfels könnte eine tolle Blaupause für ähnliche Sanierungsfälle sein.
Das Verlegen des Eingangs von der Straßenseite zur Giebelseite, die Öffnung der Räume im Erdgeschoss, damit Durchblicke in der Längsrichtung möglich werden. Der Einbau einer Wärmepumpe und einer smarten Heizungssteuerung. Das Aufräumen des zugerümpelten Gartens. Und so weiter.
Ein Stuttgarter Prototyp für die Umbaukultur des ganzen Landes
Oliver Fischer fährt nicht erst seit diesem Projekt mit noch offeneren Augen durch Stuttgart und anderswo und fragt sich, warum sich in diesem Land immer noch so viele schwer damit tun: mit der Ertüchtigung der typisch deutschen DHH! Was soll man auch sonst mit diesen Häusern anstellen? Abreißen?
Am Ende der Besichtigung wird er politisch. „Unser Umbau dieses typischen Reihenendhauses samt energetischer Sanierung ist im Grunde prototypisch“, sagt der Architekt. „Möglicherweise gar vorbildlich, wenn man bedenkt, dass es von diesem Gebäudetyp Millionen in Deutschland gibt, die darauf warten, dass etwas passiert.“ Gut möglich, dass Oliver Fischer mit seiner Vermutung ziemlich richtig liegt.