Ein Abend im Konzert oder in einer Tanzvorführung sorgt für eine kleine Auszeit vom Alltag, die uns vielleicht ein wenig Leichtigkeit mit auf den Weg gibt und neue Perspektiven eröffnet. Dass dahinter aber nicht nur die Freude am Kunstschaffen steht, sondern viel Organisationswille und Idealismus der Künstlerinnen und Künstler, ist den wenigsten bewusst.
Als ausgebildete Tänzerin in klassischem Ballett und zeitgenössischem Tanz arbeitet Judith Geibel seit über 25 Jahren überwiegend in Konstanz freischaffend als Tänzerin, Choreografin sowie als Tanz- und Ballettpädagogin. Man komme nicht umhin zu sagen, dass dies „oft nur selbstausbeuterisch funktioniert“, sagt sie.
Freie Tanz- und Theaterszene kämpfen um Anerkennung
Aktuell unterrichtet und choreografiert sie in der Czerner Dance Academy in Konstanz und entwickelt zudem eigene Tanztheaterproduktionen, in denen sie Tanz mit Sprache und Literatur kombiniert. An Judith Geibels Seite steht hier Georg Kistner, Dramaturg und Regisseur. Ihre letzte Produktion, „Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde“, feierte Premiere im Wolkenstein-Saal.
Sowohl die freie Tanz- als auch die freie Theaterszene kämpfen um Anerkennung. Kistner sagt sogar: „Die Situation verschärft sich.“ Durch die wirtschaftliche Situation herrsche Geldknappheit, wodurch Förderbedingungen schwieriger werden. Oft bekomme man wegen der vielen Bewerber für Fördergelder keine Unterstützung, sagt Judith Geibel.
Nicht nur Gelder zu beschaffen, auch geeignete bezahlbare Spielorte zu finden, ist schwierig: „Tanz braucht Platz“, sagt sie. Am 6. Juni können sie dank guter Vernetzung in der Theaterszene „Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde“ im Kleinen Theater – Kammerspiele Landshut zeigen. Gastspiele seien eine Seltenheit geworden, bei der man meist sogar noch draufzahle.
Unterricht und Proben in Schaffhausen
Davina Wölfle-Obitz ist ebenfalls freischaffende Tänzerin, Choreografin und Ballettlehrerin. Sie unterrichtet in Schaffhausen, und dort probt sie auch meist, denn geeignete Proberäume seien ein weiteres Problem in der Region Konstanz. Sie stammt ursprünglich aus Berlin und lebt in Engen. Wie Judith Geibel ist es ihr ein Anliegen, professionellen Tanz in die Region zu holen, da dieser hier „schwach vertreten“ sei.
Eigene Produktionen ermöglicht ihr eine Kooperation mit dem Kulturzentrum Gems in Singen, wo sie ein Tanzreihe veranstaltet, da die Gems als Verein andere Möglichkeiten der Kulturförderung hat. Die ehemalige Ballerina lobt zudem die Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Konstanz. „Das Kulturamt ist eine große Hilfe und steht beratend zur Seite“, sagt sie, denn die Förderungsvoraussetzungen seien komplex.
Es gibt Fördertöpfe, die sich nur an freischaffende, selbstständige Kunstschaffende richteten, für andere brauche es eine Vereinsstruktur. Davina Wölfle-Obitz und Judith Geibel freuen sich, ihre Produktionen als Gastspiel in der Werkstatt des Theaters Konstanz zeigen zu können, was laut Wölfle-Obitz bis vor Kurzem auch eher auf Widerstände gestoßen sei. Positiv hebt Judith Geibel Menschen hervor, „die uns mit Unterbringung der Künstler oder Transportmöglichkeiten unterstützen“, davon gebe es einige in Konstanz.
Stadt zahlt jährlich für „Jazz im Kulturzentrum“
Patrick Manzecchi erlebt ähnliches als freischaffender Musiker. Gut vernetzt als Profi-Musiker holt er häufig Stars aus der internationalen Jazzszene nach Konstanz. Hier fühlt er sich nicht immer gesehen für sein Engagement, doch auch er arbeitet gut mit dem städtischen Kulturamt zusammen. Für die Reihe „Jazz im Kulturzentrum“ erhält er seit 2007 eine jährlich wiederkehrende verlässliche Summe von der Stadt.

Icon vergrößern
Patrick Manzecchi ist glücklich, von der Musik leben zu können, auch wenn viel guter Wille dahintersteht.
Foto: Judith Schuck
Schließen
Icon Schließen
Icon vergrößern
Icon verkleinern
Icon Pfeil bewegen
Patrick Manzecchi ist glücklich, von der Musik leben zu können, auch wenn viel guter Wille dahintersteht.
Foto: Judith Schuck
In der Konstanzer Kulturszene spürt auch er einen guten Zusammenhalt. Diesen „großen Teamgeist“ sieht er als ein Geschenk, denn „die Bedingungen für freischaffende Musiker sind schwierig“. Dennoch schaut er mit Dankbarkeit auf seine Musikkarriere: „Für mich läuft es einigermaßen gut. Ich habe die Ehre, mit großen Jazzmusikern zusammen auftreten zu können.“
Der Konstanzer Schlagzeuger spielt im Schnitt 60 bis 80 Konzerte pro Jahr. Etwa elf Stunden pro Woche arbeitet er als Musiklehrer. Viele seiner Kollegen hätten aber auch aufgegeben im Laufe der Jahre und würden nur noch unterrichten.
Aufmerksamkeit der Corona-Zeit brachte wenig
Während der Corona-Zeit rückte die unsichere Lebens- und Arbeitslage freischaffender Künstlerinnen und Künstler mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein. Bewegt habe sich seitdem aber kaum etwas, sind sich alle vier einig. „Ich habe damals sehr viele Anfragen von verschiedenen Medien erhalten“, erinnert sich Patrick Manzecchi. Dieses politische und mediale Interesse wünschte er sich auch heute, wenige Jahre nach Corona.
Profi-Tanz in der Werkstatt Konstanz
Anlässlich des 100. Geburtstages von Ingeborg Bachmann kommt das Tanztheater „Man kann die Wahrheit nicht erzählen“ von Judith Geibel und Georg Kistner noch zweimal auf die Werkstattbühne im Theater Konstanz: am 10. und 11. Juli um 20 Uhr. Davina Wölfle-Obitz zeigt ihre neue Produktion „Macht | Freiheit“ am 23. und 25. Juli um 20 Uhr ebenfalls auf der Werkstattbühne. Sie verhandelt darin zwei Aussagen über Freiheit, eine von Jean Jacques Rousseau und eine von Pippi Langstrumpf, um das Verhältnis der beiden Pole zueinander tänzerisch auszuloten.
Davina Wölfle-Obitz bekommt seit der Pandemie weniger Tanz-Engagements. Judith Geibel berichtet, wie ihr durch Corona ihr Beruf komplett verboten wurde: kein Unterricht, keine Proben, „ich war komplett ausgeschaltet.“ Dass sie trotz der fordernden Bedingungen an ihrer Tätigkeit als freischaffende Künstlerinnen und Künstler festhalten, hängt mit der Liebe zu ihrer Kunst zusammen, aber auch den vielen guten Erfahrungen, die sie mit ihrem Netzwerk und der Bevölkerung machen.