
AUDIO: Nachrichten aus dem Studio Kiel 16:30 Uhr – 26.05.2026 (2 Min)
Stand: 26.05.2026 18:42 Uhr
Die endlose Energie der Meereswellen will ein Forschungsprojekt Kieler Wissenschaftler abschöpfen. Sie bereiten derzeit das erste Wellenkraftwerk in Deutschland für einen Härtetest auf hoher See vor.
Es sieht ein wenig aus wie eine überdimensionale Boje und könnte ein Stück der Energiewende werden: Zwölf Meter lang und acht Tonnen schwer ist der Prototyp eines Wellenkraftwerks. Er liegt derzeit in einer der Hallen von German Naval Yards in Kiel. Nach einem Funktionstest soll er im Herbst zum Härtestest per Schiff Richtung Sylt gebracht werden. Etwa 80 Kilometer westlich der Insel soll installiert werden, um ein halbes Jahr lang unter Realbedingungen gestestet zu werden.
„Aurelia Wino“ – soll grünen Strom liefern
Im Projekt „Aurelia Wino“ soll das Wellenkraftwerk nahe der Forschungsplattform FINO3 verortet werden und Messdaten liefern. Der wissenschaftliche Leiter des Projekts, Professor Dr.-Ing. Christian Keindorf von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel (HAW) sagt: „Das schwimmende Wellenkraftwerk kann als eine Art mobile und autarke Tankstelle auf hoher See fungieren, um Endverbraucher wie etwa Forschungsplattformen, Messstationen oder Service-Schiffe mit Elektro-Antrieb mit grünem Strom zu versorgen.“
Prototyp funktioniert nach dem Prinzip eines Fahrrad-Dynamos
Dabei funktioniere es ähnlich wie ein Dynamo an einem Fahrrad; die Boje nutzt die Auf- und Abbewegungen der Wellen, um kinetische Energie in elektrische Energie umzuwandeln. Im Innern der Anlage befinden sich zwei Generatoren mit jeweils 16 Kilowatt Leistung. Es sei ein Anfang und sicherlich nicht die gleiche Größenordnung wie Sonne- und Windenergie.

In Kiel bereiten Wissenschaftler den Prototypen eines Wellenkraftwerks für den Funktionstest unter Realbedingungen vor.
„Natürlich messen wir die Stromerträge und die Kraft, die dann durch den Schwimmkörper in der Hubstange erzeugt wird und werden unsere Computermodelle abgleichen für die nächstgrößere Ausbaustufe“, sagt Professor Keindorf. Diese sei dann achtmal größer.
Schleswig-Holstein fördert innovativen Energiemix
Das Land Schleswig-Holstein unterstützt das innovative Forschungsprojekt der Projektpartner F&E GmbH, einer Tochtergesellschaft der HAW zur Förderung von Innovationen, mit der die HAW Kiel zusammenarbeitet und der O.S. Energy GmbH, einer Reederei mit Sitz in Glücksstadt, mit rund 922.000 Euro.
„Wir sind am Beginn der Technologieentwicklung. Deswegen ist das eine sehr kleine Anlage“, sagt Energiewendeminister Tobias Goldschmidt bei der Übergabe des Förderbescheides. „Aber in der Perspektive kann man das natürlich größer bauen und zur Versorgung von Plattformen, also Ölplattformen zum Beispiel oder von Inseln nutzen. Und wer weiß, vielleicht sind irgendwann mal sehr viele etwas größere Anlagen im Meer und man kann damit Städte und Küstenorte versorgen“, so der Minister.
„Ocean Energy“: EU sieht Marktpotential von Wellenkraftwerken
Die EU Kommission habe sich laut Klimaschutzminister ‚große Ziele‘ gesetzt; 40 Gigawatt sollen bis Mitte des Jahrhunderts auf See erzeugt werden – und das sei richtig viel. Bisher gebe es nur Prototypen von Wellen- und Strömungskraftwerken mit einer Nennleistung im Kilowatt-Bereich. Hersteller strebten zukünftig zwischen 200 bis 1.000 Kilowatt pro Offshore-Anlage an. Allein in Europa wird laut Klimaministerium mit einem Marktpotential von mehreren Zehntausend solcher Anlagen gerechnet. Die EU will bis 2030 mindestens 1 Gigawatt, bis 2050 sogar 40 Gigawatt aus Meeresenergie gewinnen.
Prototyp wird ab Herbst unter Extrembedingungen getestet
Klarheit darüber, in welchem Ausmaß künftig Wellenkraftwerke vor der Küste Schleswig-Holsteins zum grünen Energiemix beitragen können, soll der Funktionstest auf hoher See zeigen. Ein schwieriges Umfeld, bei dem auch Korrosion – bedingt durch die salzhaltige Luft – eine Herausforderung sei, sagt Professor Keindorf. „Es geht darum, möglichst wartungsarm eine Offshore-Anlage zu entwickeln, die dauerhaft auch unter Extremsituationen noch ihre Funktion beibehält. Das ist die große Herausforderung und das wollen wir demonstrieren.“

Das erste Wellenkraftwerk Europas wird am 13. November 1985 in Norwegen eingeweiht. Im Laufe der Jahre wurden solche Anlagen optimiert.

Erneuerbare Energien
In Deutschland stehen Wind- und Solarkraft klar im Fokus. Meeresenergie fristet dagegen ein Nischendasein. International sieht das anders aus. Wellen und Gezeiten enthalten genug Power, um den Strombedarf zu decken.