. Zu „Phantásien“ hin, so lautet der Sinn. In das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dorthin schickt Herr Koreander das Mädchen Baya, die von ihren Mitschülern geärgert wird. Und so verkriecht sich die Hauptfigur in Michael Endes Kultroman „Die unendliche Geschichte“ in das Reich der Träume.

Zunächst flieht Baya mit einem Buch hinter den schweren roten Vorhang auf der großen Bühne im Düsseldorfer Schauspielhaus. Für sie beginnt hier ihre abenteuerliche Reise. Voller Poesie und minimalistischer, aber wunderschöner Bilder (Bühne: Ansgar Prüwer) – in Szene gesetzt von Roger Vontobel. Der Theatermacher, der, als Hausregisseur, vor zehn Jahren die Intendanz von Wilfried Schulz mit dem Mythos „Gilgamesch“ im Zelt auf der Kö eröffnet hatte, kehrt zum Abschluss zurück.

Und setzt mit der „Unendlichen Geschichte“ einen letzten glanzvollen Punkt unter die Ära Schulz. Mit einem Klassiker, der nach seinem Erscheinen 1979 zig Millionen Mal verkauft, in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde und weltweit begeistert. Und bis heute beinah als Pflichtlektüre gilt, nicht nur für Kinder und Jugendliche, die so gerne in ihre Fantasy-Welt abheben.

In einem Zwei-Teiler entfacht Vontobel träumerisch schwerelose Tableaus mit Baya (Caroline Cousin) und ihrem Begleiter Atreju (Moritz Klaus), zunächst im Theater, dann schickt er sie und das Publikum, nach der Pause, an die frische Luft – auf den Gustaf-Gründgens-Platz. Auf die Betonbühne die Mimen, in die Opern-Air-Mini-Arena die Zuschauer, die am nach dreieinviertel Stunden noch in lauer Sommerluft verharren und die Künstler herzlich feiern. Ebenso die röhrende Live Band draußen und das Duo innen (Matthias Herrmann, Tobias Sykroa). Für die meisten Künstler war es die letzte Premiere.

Karl Konrad Koreander (mit unverkennbar wiegender Stimme: Sebastian Tessenow) ist zunächst Bühneninspizient. Sein Regiebuch nimmt Baya vom Regiepult weg, liest im Buch, entdeckt Türme von Kostümen und alten Gegenständen und taucht in „Phantásien“ ein. Schnell erscheinen die drei Boten – das Irrlicht Blubb, die Rennschnecke Ückück und der Felsenbeißer Pjörnrachzarck. In knallbunten Kostümen erscheinen die Fabelwesen, die die jüngsten Zuschauer in lautstarke Begeisterung versetzen. Ganz still wird es indes, wenn die Gestalten plötzlich ins Nichts springen – in ein großes schwarzes Loch und die ‚kindliche Kaiserin‘ sich für immer verabschiedet.

Später „draußen“, in der rohen Beton-Welt, übernimmt Koreander die Rolle des Erzählers, die im ersten Teil die junge Baya Balthasar Bux spielt. Sie begleitet ihren Helden Atreju und sein Pferd Atrax (wiehernd, trappelnd und steppend: Jonas Friedrich Leonhardi) auf die Suche nach der kindlichen Kaiserin (Claudia Hübbecker).

Häufig als Retter an des Helden Seite: der Glücksdrache Fuchur (Alexander Wanat). Der Drache, dragon, kommt hier als aufgetakelte Drag-Queen in weißem Glitzerfummel über die Rampe. Atreju und Fuchur hängen an Seilen, gleiten wie Geister durch die Lüfte – Wanat und Moritz Klaus demonstrieren, in einigen Szenen, an einem Trapezseil wahrlich artistische Begabung. Dem Regisseur gelingt damit eine spielerische Leichtigkeit, die die Zuschauer verzaubert und Teil werden lässt von Bayas und Atrejus Flucht aus dem Alltag, hin in die Welt von „Phantásien“.

Nach der Pause wird es laut mit Rock und Pop. Aufwendiger Video-Eineinsatz, schwarze Roboter-Kämpfer (wie aus einem Videospiel) und ein rollender, pechschwarzer Kleinbus als Symbol für gnadenlose Herrschaft über die einstigen Fabeltiere. Hier zieht die Zauberin Xayide mit allen märchenhaften Gesten (Friederike Wagner) die Strippen.

Sie verwandelt Baya in eine Kämpferin und Amazone mit Schwert, die kurze Zeit ihren Allmachts-Fantasie erliegt und Atreju verrät. Am Ende plötzlich alles bereut und ihren Helden will. Ein Happy End, wenn auch mit leichter Einschränkung, gehört zu Vontobels Mischung aus Märchen, Hightech und Fantasy. In den letzten 20 Minuten zieht sich die Handlung – unendlich wird es, das Stück verliert an Spannung und Drive.

Doch, wie Erzähler Tessenow/Koreander zum Schluss rät: Jeder sollte nach „Phantásien“ reisen. Genauso wichtig sei es, wieder zurückzukommen. Klar, dass am Ende Bayas Papa mit der Vespa auf dem Gründgens-Platz anrollt und seine Tochter mit nach Hause nimmt. Und eine neue Geschichte, ein neuer Lebensabschnitt beginnt – auch für zahlreiche Darsteller und den Intendanten. Einen Gruß von oben erhielten alle am Premierenabend – erstmals seit dem Jahr 2020, als Schulz und sein Team das Sommer-Open-Air wegen Corona-Bestimmungen einführten: Oh Wunder, es war sommerlich. Erstmals gab es keinen Nieselregen, keine plötzlich auftretende „Schafskälte“ mit Zwang zum Wintermantel.

„Die Unendliche Geschichte“. Im Düsseldorfer Schauspielhaus und auf dem Gustaf-Gründgens-Platz. Bis Juli. Tickets unter Telefon: 0211/ 369911.