Die Theaterregisseurin Anne Lenk im Portrait

AUDIO: Anne Lenk und ihre Stoffe für die Bühne (54 Min)

Stand: 26.05.2026 11:21 Uhr

Anne Lenk entstaubt Klassiker und wagt jetzt Gegenwartstheater. Im Interview spricht die Regisseurin über Sprache, Humor und den Moment, wenn Texte auf der Bühne lebendig werden.

von Katja Weise

Anne Lenk kennt Hamburg, hat viele Male schon am Thalia Theater inszeniert, auch schon, als Joachim Lux dort noch Intendant war, zuletzt Lessings „Emilia Galotti„. Seit der Spielzeit 2025/26 ist sie nun leitende Regisseurin am Thalia Theater. Die erste Saison von Sonja Anders hat sie ganz klassisch mit Shakespeares „Was ihr wollt“ eröffnet. Klassiker „entstauben“ gehört zu den Spezialitäten von Anne Lenk.

Jetzt steckt sie gerade mitten in den Proben für ein zeitgenössisches Stück: „The Boys Are Kissing“ von Zak Zarafshan. Anfang Juni ist Premiere und deutsche Erstaufführung. Das Stück ist eine scharfsinnige, bissige Komödie und wurde bereits mit großem Erfolg in London gefeiert. Über die großen Klassiker der Bühne, über Sprache und Gattungen spricht Anne Lenk in NDR Kultur à la carte mit Katja Weise.

Zuletzt haben Sie vor allem Klassiker inszeniert. Ist es schwieriger für Sie, sich mit einem aktuellen Stoff zu befassen?

Anne Lenk: Ja. Ich hätte das nicht erwartet, aber ich bin überrascht, wie aufwendig das inhaltlich ist. Vielleicht ist das ein Komplex, den wir Künstlerinnen und Künstler haben, dass man dann immer denkt, man müsse es anfüttern und sich gedanklich ganz viel bereichern und unterfüttern.

Ich habe mich viel mit Sprache beschäftigt, zum Beispiel mit Kleist und Schiller, da habe ich, glaube ich, viel gelernt, was Rhythmus betrifft. Das suche ich wahrscheinlich jetzt und arbeite so lange, bis Inhalt und Rhythmus etwas miteinander zu tun haben, so lange bis es Bögen und Strukturen gibt. Das ist auch in einer Komödie sinnvoll.

Frau legt ihren Kopf auf einen riesigen Pfirsich

Die Inszenierung ist gut und zeitgemäß. Dennoch, der gut zweieinhalbstündige Abend findet schwer zu einem Rhythmus.

In dem Stück „The Boys Are Kissing“, das Sie gerade am Thalia Theater proben, geht es um eine ganz bestimmte Szene, die für wahnsinnig viel Aufsehen sorgt. Es sind zwei neunjährige Jungen, die sich auf dem Schulhof küssen. Es geht um Vorurteile und Erwartungen. Es ist lange her, dass Sie einen aktuellen Stoff inszeniert haben. Was hat Sie zu diesem Stück bewegt?

Lenk: Meistens spielt in Stückentscheidungen ganz vieles mit rein. In dem Fall hat das damit zu tun, dass ich das Gefühl habe, dass es für unser Publikum schön ist, wenn Themen vorkommen, die uns beschäftigen und die wichtig sind. Man sollte ihnen mit Humor begegnen. Ich habe Lust auf direkte Sprache gehabt. Manchmal wollen die Theater auch unbedingt Klassiker, da gibt es einen Markt. Insofern ist es total schön. Es ist wie eine Kur.

Was passiert bei Ihnen, wenn Texte anfangen, Körper zu bekommen?

Lenk: Ich habe schon viel darüber nachgedacht. Ich kenne das vom Lesen und vom Auf-die-Bühne-Gehen. Mittlerweile lese ich Stoffe anders, weil ich weiß, die werden später im Raum stattfinden: Sprache im Raum. Das ist das, was mich an diesem Gesamtkunstwerk interessiert, das ist wie Architektur. Ein Bühnenbild ist auch immer ein Rahmen für eine Zeitlichkeit.

Am extremsten ging es mir so bei Jelinek. Da habe ich am Thalia Theater vor einigen Jahren die „Winterreise“ gemacht. Ich finde, die Theaterstücke von Elfriede Jelinek zu lesen, ist sehr schwer. Man muss irgendwann laut lesen. Es ist trotzdem eine Qual. Man findet es klug und toll und trotzdem ist es anstrengend. Wenn so ein Text plötzlich im Raum stattfindet, fand ich es wahnsinnig faszinierend, dass man merkt: Dafür ist der Text gemacht.

Der muss klingen. Dann wird dieses Netz, das sie aus Sprache spinnt, erst plastisch greifbar. Das zu proben war wahnsinnig aufregend. Ich weiß, dass ich da fast schlaflos durch die Wochen gegangen bin und dachte, was erlebe ich hier gerade?

Wenn zwei Leute miteinander sprechen, ist es etwas anderes, als wenn das nur niedergeschrieben ist. Das würde ich immer mit reindenken. Trotzdem gibt es die Überraschung, wenn man probt. Man kann sich nicht alles vorstellen. Es gibt oft einen Aha-Moment und dann weiß man plötzlich, worum es geht.

Das Gespräch führte Katja Weise.

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