„Die goldenen Jahre sind vorbei“, konstatierte jüngst Reinhold Würth, der 91 Jahre alte Schrauben-Milliardär aus Künzelsau (Hohenlohekreis). „Die Deindustrialisierung Deutschlands ist eine Spirale Richtung Keller“, so das bittere Fazit des bekannten Unternehmers, der Ende 2024 sein 75-jähriges Arbeitsjubiläum im eigenen Betrieb gefeiert hat.
Hintergründe zu den Aussagen des Milliardärs sehen Sie oben im Video.
In einem Essay schreibt Würth nun: „Die Bundesrepublik Deutschland steuert auf das Ende des Seins zu und ist in großer Gefahr, in den Modus des Vergehens zu rutschen.“ Seine Begründung unter anderem: Die Betriebe seien wegen der „unmäßigen Lohnforderungen der Gewerkschaften“ nicht mehr konkurrenzfähig – entsprechend gehen laut Würth zahlreiche Arbeitsplätze hierzulande verloren. Auch beklagt der Schwabe einen „Mentalitätswechsel“ zur Jahrtausendwende: Die Kinder und Enkel der Babyboomer-Generation würden „die Bequemlichkeit lieben“, kritisiert Würth.
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„Seit Kriegsende war die Lage noch nie so dramatisch“
Harte Worte eines betagten Mannes, aber auch jüngere Experten wie der Ökonom Daniel Stelter sehen Deutschland seit Langem im „Sinkflug“ und befürchten inzwischen sogar den kompletten „Absturz“ des Landes und seiner Volkswirtschaft. Ifo-Präsident Clemens Fuest konstatiert, dass sich Deutschland „seit Jahren in einem wirtschaftlichen Niedergang“ befindet. Auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) spricht von einer noch „nie dagewesenen Lage“. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht den Wirtschaftsstandort gar im „freien Fall“. Doch wie bedrohlich gestaltet sich die Lage des Landes tatsächlich?
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Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller, eine schwäbische Familienunternehmerin, die keineswegs für Panikmache steht, zeichnet inzwischen ebenfalls ein düsteres Bild. „Seit Kriegsende war die wirtschaftliche Lage in Deutschland noch nie so dramatisch. Da war Corona nichts dagegen“, sagte die Managerin des Ditzinger Maschinenbauers jüngst in einem Interview mit dem „Handelsblatt“. Es komme alles zusammen: „Marode Strukturen in jeder Hinsicht. Hohe Zinsen, Inflation, Rezessionsgefahr, hohe Energiepreise und die gigantische chinesische Welle, die den europäischen Markt flutet. Gleichzeitig bröckelt die Allianz mit Amerika“, beschreibt die Managerin die Lage.
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„Verdammte Pflicht, eine Strategie aufzustellen“
Nun sei es die „verdammte Pflicht und Schuldigkeit der Bundesregierung, eine vernünftige Strategie für dieses Land aufzustellen“, fordert Leibinger-Kammüller. Kanzler Friedrich Merz müsse die Reformgeschwindigkeit jetzt „deutlich erhöhen“ – das Kräfteverhältnis zwischen Union und SPD sei eindeutig, fügt sie an.
Viele Kennzahlen bestätigen die negative Einschätzung der Manager und Wirtschaftsexperten: Die Produktivität in Deutschland stagniert, Bürokratie hemmt Investitionen, Wachstum gibt es nur noch im öffentlichen Dienst und bei den Staatsschulden. Während in der EU mehr Menschen arbeiten, geht die Beschäftigung in Deutschland immer weiter zurück. Allein im ersten Quartal des Jahres 2026 sank die Zahl der Erwerbstätigen im Vergleich zum Vorquartal um 486.000 Personen oder 1,1 Prozent auf nur noch 45,6 Millionen Menschen, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Bereinigt um die zum Jahresbeginn üblichen Saisoneffekte bleibt immer noch ein Rückgang um 61.000 Menschen.
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Jeder fünfte Selbstständige sorgt sich um Zukunft
Laut einer aktuellen Umfrage des Ifo-Instituts sorgt sich inzwischen jeder fünfte selbstständige Unternehmer in Deutschland um die eigene wirtschaftliche Zukunft. Das Geschäftsklima für Soloselbstständige und Kleinstunternehmen verschlechterte sich zuletzt auf minus 29,9 Punkte – und damit auf den geringsten jemals gemessenen Wert. Jedes zwölfte Unternehmen sieht seine wirtschaftliche Existenz bedroht.
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Angesichts ausbleibender Reformprojekte übt Ifo-Chef Fuest scharfe Kritik an der Arbeit der Bundesregierung. „Der entscheidende Fehler ist, dass die Koalition kein Konzept entwickelt hat, wo sie hin will. Im Koalitionsvertrag gibt es ein Sammelsurium von Einzelmaßnahmen, die man mehr oder weniger erfolgreich abarbeitet. Mehr gibt es nicht“, sagte Fuest dem „Stern“. Die Bundesregierung brauche eine glaubwürdige Gesamtstrategie, wie sie Deutschland in den nächsten Jahren wieder wettbewerbsfähig aufstellen wolle. Ein Plan, der die Menschen überzeuge und motiviere.
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Desaströses „Zeugnis“ aus Großbritannien
Auch die britische Denkfabrik „Centre for European Reform“ stellt der Bundesregierung ein desaströses Zeugnis aus: Statt dem Druck aus China etwas entgegenzusetzen, streuen deutsche Politiker demnach in Brüssel und im Rahmen der großen westlichen Wirtschaftsnationen G7 „Sand ins Getriebe“ – und schadeten der eigenen Wirtschaft. „Paris setzt sich häufig entschlossener für die Interessen der deutschen Industrie ein als Berlin“, so das ernüchternde Fazit der britischen Experten. Der Ausblick ist düster: Ohne besseren Schutz vor staatlich geförderten chinesischen Exporten stehe Deutschland eine Deindustrialisierung bevor – mit Schließungen von Fabriken und schwindenden Fähigkeiten, heißt es in dem Bericht.
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„Solange geopolitische Krisen ungelöst bleiben und der Mut zu umfassenden Reformen für bessere Standortbedingungen in Deutschland und in der EU fehlt, wird die Unsicherheit hoch bleiben“, prognostiziert auch Mathias Kammüller, Vorsitzender des VDMA Baden-Württemberg. Erst durch eine verlässliche Deeskalation der Krisen und klare wirtschaftspolitische Weichenstellungen im Inland könne die Investitionsbereitschaft nachhaltig gestärkt werden, kommentierte der oberste Maschinenbauer im Land.
Roell: Deutschland droht der „gefährlichste Zustand“
„Wenn bekannte Unternehmerinnen und Unternehmer Alarm schlagen, ist das ein Warnsignal. Das muss man ernst nehmen“, sagt Jan Stefan Roell, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK) in Stuttgart, zu den vielen prominenten Mahnern. „Viele investieren derzeit vor allem, um Substanz zu halten“, so Roell gegenüber der Schwäbischen Zeitung. Deshalb müsse jetzt spürbar etwas passieren. Die Wirtschaft fahre weiter „mit angezogener Handbremse“. Viele Betriebe kämpften mit strukturellen Risiken: schwache Inlandsnachfrage, hohe Energie- und Rohstoffkosten und Rahmenbedingungen, die Investitionen ausbremsen. Die Politik agiere „zu langsam und zu kleinteilig“. Ihr fehle es an Priorisierung, Geschwindigkeit und am Mut, Dinge „wirklich zu vereinfachen“.
„Wir haben noch die Substanz, um wieder auf die Überholspur zu kommen“, zeigt sich Roell trotz der massiven Probleme auch zuversichtlich. „Aber das klappt nur mit Reformtempo und einem echten Standort-Upgrade – für Deutschland und für Baden-Württemberg“, sagt der BWIHK-Präsident. „Wenn wir jetzt nicht entschlossen handeln, wird es zwar nicht über Nacht dramatisch. Aber der Standort wird dauerhaft schwächer. Und das ist für ein Industrieland der gefährlichste Zustand: ein schleichender Verlust an Substanz“, so Roell. „Das können wir uns nicht länger leisten.“