Fast wäre er an dem Mann am Marktplatz Neugereut vorbeigerannt, da dreht Frank Nopper sich noch auf dem Absatz um, scannt aus den Augenwinkeln den Aufdruck auf der Fensterscheibe und sagt: „Hallo! Wie geht’s mit der Fahrschule?“ – „Ich wollt scho‘ sagen, der läuft einfach vorbei!“, antwortet der Angesprochene scherzhaft. Und dann: „Ach, es kommt doch alles net so schlimm wie gedacht!“ – „Jaja“, sagt Nopper, „manches kommt nicht ganz so dramatisch wie es aussieht.“ Dann geht’s weiter im Eilschritt, einen Stapel Stadtteilblättle im Arm.

Der Oberbürgermeister – Anzug, Krawatte, Einstecktuch – hat sich an diesem Nachmittag bei leichtem Schauer für ein Stündchen in den nördlichen Außenbezirk kutschieren lassen. Er trägt mit dem Stadtseniorenrat Gerd Schmid den „Treffpunkt Neugereut“ aus, und wahrscheinlich lassen sich bei diesem Kleinklein rechts vom Neckar gleich ein paar Merkmale der Nopper’schen Kommunikationsstrategie beobachten: Der OB will ran an die Leut’, zumindest verbal, weshalb er jedem, der direkt oder am Rande seine Wege kreuzt sein „Hallo! Hallo! Hallo!“ entgegen ruft.

Da stört es ihn auch nicht, dass zwischen den 70er-Jahre-Hochhäusern Neugereuts tote Hose herrscht und nur wenige bestaunen können, wie bewundernswert rasant ihr OB das Blättle in die Briefkastenschlitze verteilt. Für ihn habe sich der Termin trotzdem gelohnt, wird Nopper, der schon mit 16 Jahre Wahlwerbung für den FDP-Grandseigneur Ralf Dahrendorf austrug, danach sagen. Als Zeichen der Wertschätzung für die ehrenamtliche Blättle-Redaktion, aber auch als PR-Instrument: „Unterschätzen Sie die Mund-zu-Mund-Propaganda nicht.“

Nopper verglich Stuttgarter Grabkapelle mit dem Taj Mahal

Seit vier Jahren ist der CDU-Mann nun im Amt und man tritt ihm nicht zu nahe, wenn man bilanziert, dass es zuletzt kommunikativ nicht immer ideal lief – zumindest auf den großen Bühnen. Mit seiner „Abschied-vom-Schlaraffenland“-Aussage löste Nopper viel Wut unter Menschen mit Behinderung aus. Die bezogen diese auf sich, dabei hatte der Oberbürgermeister angeblich nur klar machen wollen, dass die fetten Haushaltsjahre halt vorbei sind – und zwar für alle. Auch die Rede beim Bundesparteitag der CDU im Februar in Stuttgart kam anders an als geplant: Frank Nopper verglich Stuttgart mit San Francisco und die Grabkapelle auf dem Württemberg mit dem Taj Mahal. Was eigentlich lokalpatriotisch und vielleicht sogar leicht augenzwinkernd gemeint war (der OB bekommt laut Büroleiter Winfried Klein Redeentwürfe, aber überarbeitet diese mit eigenen Ideen), entwickelte sich zum viralen Fremdschäm-Hit.

Nun muss man fairerweise erwähnen, dass Fettnäpfchen für Politiker heute an jeder Social-Media-Ecke lauern. Bei Noppers Vorvorgänger Wolfgang Schuster (CDU) fiel es wohl weniger auf, wenn dieser mal einen unglücklichen Satz formulierte. Es berichteten vielleicht die Lokalzeitungen, kurz darauf beherrschte eine andere Schlagzeile die Debatte. Auch auf Bundesebene kämpfen Politiker damit, dass das Internet nichts vergisst. Wenn Friedrich Merz in Angola deutsches Brot vermisst, verfängt sich das – millionenfach skaliert – im virtuellen Gedächtnis. Frank Noppers Sprecher David Rau sagt, dass die Herausforderungen heute darin bestehen, teils in Echtzeit komplexe Sachverhalte prägnant und trotzdem differenziert auf den Punkt zu bringen. In dieser Dialektik liegt denn wahrscheinlich auch ein gewisses Fettnäpfchenpotenzial.

Frank Nopper als „radikalstes Gegenteil“ von Fritz Kuhn

Für den Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider ist gerade Noppers Taj-Mahal-Rede symptomatisch für das, was ihm zufolge schief läuft in der Kommunikation des Rathauschefs. „Zu viel Schönwetterkommunikation, zu wenige große politische Linien“, analysiert der Hohenheimer Forscher. Es werde nicht klar, welche Vision der Oberbürgermeister für seine Stadt habe, wie er sie aus den multiplen Krisen dieser Zeit führen wolle. Stattdessen lege er großes Gewicht auf die „Kümmerer-Rolle“, will sich der Sorgen der Leute annehmen. Das sei wichtig und richtig, Brettschneider lobt diese Bürgernähe explizit. Aber darin dürfe sich das Tun und Reden eines Großstadt-Oberhaupts nicht erschöpfen.

Müll, marode Schulen, Wohnungsnot – an drei Samstagen nimmt sich der Oberbürgermeister in diesem Jahr Zeit für eine Bürgersprechstunde. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Tatsächlich hat Nopper eine wahre Charmeoffensive bei den Stuttgarterinnen und Stuttgartern gestartet – und hebt sich insofern von seinem Vorgänger Fritz Kuhn (Grüne) ab, der Beobachtern eher als stringent, strategisch und wenig volksnah galt. Ein ehemaliger Bürgermeister soll gesagt haben, der aktuelle Amtsinhaber sei das „radikalste Gegenteil“ von Fritz Kuhn. Bei öffentlichen Reden spricht Nopper laut, bei Festivitäten wie dem Wasen oder dem Weindorf zeigt er sich gerne. Weiß er von jemandem den Namen, spricht er ihn fast schon penetrant damit an, zum Beispiel auf seinen Sommer-Spaziergängen mit Bürgerinnen und Bürgern durch die Bezirke.

In diesem Jahr empfängt er außerdem an drei Samstagen von 9 bis 21 Uhr die Stuttgarter im 15-Minuten-Takt, wenn auch nicht die ganzen zwölf Stunden lang durchgängig. Es ist vielleicht seine Auslegung einer direktdemokratischen „Politik des Gehörtwerdens“ à la Winfried Kretschmann. Die Kommunikationswissenschaft würde wohl sagen, er lege einen Draht zwischen Sender und Empfänger ohne störende Kanäle dazwischen.

Nopper verspreche gerne Hilfe, aber diese komme nicht immer

Einer, der nicht bei der Stadt Stuttgart arbeitet, aber in den vergangenen Jahren viele berufliche Termine mit ihm hatte, sagt: „Nopper will wirklich mit den Leuten reden“, sei extrem bürgernah. Allerdings erreiche er damit vor allem ein bestimmtes Klientel. „Bei Jüngeren, die am Marienplatz abhängen, steht in deren Gesicht ein großes Fragezeichen, wenn Nopper spricht“, sagt der Mann. Außerdem monieren manche, der OB verspreche oft Hilfe („Wir nehmen es mit!“), diese komme aber nicht immer an oder die Anliegen versandeten in der Verwaltung. Noppers Sprecher David Rau hingegen schickt auf Nachfrage eine Liste mit zehn exemplarischen Wünschen und Klagen der Bürger aus der Sommertour 2025 (E-Roller-Chaos, Parkplätzeschwund, Bädle-Sanierung), die erfolgreich bearbeitet wurden.

Es ist aber längst nicht so, dass Nopper sich nur um die „kleinen Leute“ kümmern will. Sein Terminkalender ist übervoll mit Vereinstreffen, Firmenbesuchen, Kulturveranstaltungen. Auf jedes Treffen bereite sich der OB inhaltlich sorgfältig vor, sagt sein Büroleiter. Wobei er mit manchen Blasen etwas mehr fremdelt als mit anderen. Bei einer Podiumsdiskussion der Schriftstellervereinigung PEN Berlin Ende Februar im Stuttgarter Literaturhaus freut sich der Moderator über Noppers Anwesenheit in der ersten Reihe. Auf die Frage, warum er da sei, sagt der Oberbürgermeister dann etwas reserviert: „Weil Sie mich eingeladen haben.“

Auch mit der heimischen Wirtschaftselite läuft es diesen Krisenzeiten zwischen Stellenabbau und Gewerbesteuereinbruch nicht immer rund. Im Dezember 2025 ging IHK-Geschäftsführerin Susanne Herre in die kommunikative Offensive. Kritisierte die Erhöhung der Gewerbesteuer und die schleppenden Genehmigungsverfahren in der Ausländerbehörde und im Bauamt der Stadt. Sie nehme den OB „zu wenig wahr“, schalt Herre, ihr fehle die „Wirtschaftslinie“. Nopper reagierte verschnupft. Verwies darauf, dass er gegen die Gewerbesteuererhöhung gestimmt habe, aber als OB kein „wirtschaftspolitischer Wunderheiler“ sei.

Dünnhäutig im SWR-Interview

Kommunikationsprofi Frank Brettschneider findet denn auch, dass Frank Nopper sich schnell angegriffen fühle. Dass er viel dünnhäutiger ist als Fritz Kuhn, beobachten auch andere. Als Beispiel gilt das missglückten Interview mit dem SWR 2024, als der Rathauschef auf Fragen nach Problemen in der Stadtverwaltung schimpfend („Das ärgert mich sehr. Ich bin wirklich extrem verärgert!“) das Gespräch abbrach. Als OB sei er nun mal der Gesamtverantwortliche für das Verwaltungshandeln, damit müsse er souveräner umgehen, sagt Brettschneider: „Everybody’s Darling zu sein, funktioniert nicht.“

Dabei zeigt Nopper, dass er durchaus selbstironisch und locker sein kann, etwa auf seinem Insta-Account oder dem Tiktok-Auftritt der Stadt, wo er auch mal spielerisch mit Vorstellungen von seinem Arbeitsalltag umgeht. Als der Tiktoker @alper.46 schwadronierte, als Bürgermeister würde er alle Fahrradwege in Stuttgart sofort „wegreißen – nix Radwege überall“, lud der OB ihn kurzerhand zum Praktikum ein und zeigte das auf Instagram her. 

Bei seinen Terminen vor Ort in den Wirtschaftsbetrieben bemüht sich Nopper ebenfalls um gute Stimmung. Zum Beispiel an einem Freitagmorgen, als er in Zuffenhausen die Firma Siemens besucht. Um 9.30 Uhr steigt der 64-Jährige im blauen Anzug aus seinem Dienstwagen; einem Mercedes. „Siemens bringt Licht ins Dunkel“, verkündet er; an dem Tag scheint die Sonne. Kurz danach beginnt er mit seinem Fragenmarathon an die Vertreter des Unternehmens: „Was können wir tun, um Sie hier am Standort Stuttgart zu unterstützen?“, woraufhin ihm entgegnet wird: „Die Autoindustrie stärken!“ Später wird Nopper sagen, dass er überzeugt sei, dass sich die Autoindustrie „berappeln“ werde: „Sie wird anders und etwas kleiner zurückkommen.“

Dann will er wissen, wie „Siemensianer“ ticken. Welche Rolle Stuttgart und Baden-Württemberg bei Siemens spielten. Wo die erste Geschäftsstelle war. Wie viele Mitarbeiter 1894 für Siemens tätig waren, als die Firma ihren ersten Standort in Stuttgart eröffnet hat. Manches können ihm selbst die langjährigen Mitarbeitenden nicht beantworten. Ihnen geht es auch um etwas anderes: um Klimaneutralität, Fotovoltaik, Wärme, Energieneutralität, urbane Räume, ein Wasserstoffprojekt am Stuttgarter Hafen, um eine Kooperation von Siemens und den Stadtwerken. Da wird Nopper stiller, er nickt nur noch gelegentlich.

Titel sind für den Oberbürgermeister wichtig

Das Stilmittel der Vielfragerei setzt Nopper bei allen begleiteten Terminen ein. Ob das nun beim Blättleverteilen in Neugereut ist („Wie hoch ist die Auflage?“ – Wie oft erscheint das im Jahr?“ – „Wie viele Austräger gibt es?“) oder beim Treffen mit Andreas Hofer, dem Chef der Internationalen Bauausstellung IBA, bei der langen Nacht der Museen („Ist die Ausstellung etwas für Fachleute?“, „Was sagen Sie zum Tagblattturm?“). Wer viel fragt, erfährt viel, das ist gut. Aber er muss auch weniger Antworten geben.

Eine andere Auffälligkeit ist der etwas anachronistisch wirkende Titel-Faible des Dr. Jur. Spricht er im Gemeinderat jemanden an, sagt er etwa „Stadträtin Schanbacher“, Bürgermeisterkollegen nennt er „Herr Verwaltungsbürgermeister“ oder „Herr Finanzbürgermeister“, zumindest, wenn Zuhörer im Raum sind. Wobei das auch nicht immer zur gewünschten Antwort führt. Während des Rundgangs mit dem IBA-Chef wendet sich Nopper zwischendurch an „unseren Baubürgermeister“, wie er Peter Pätzold nennt. Einmal sagt der Rathauschef: „Sie sind für alles zuständig, Herr Baubürgermeister, genau wie ich.“ Woraufhin Pätzold erwidert: „Nein, da unterscheiden wir uns.“

Als junger Azubi wollte Nopper keinen Urlaub nehmen

Bleibt noch der Anekdotenreichtum in der Nopperschen Kommunikation. Oder anders gesagt: Was dem Kretschmann die Arendt ist, ist dem Nopper seine Anekdote – wobei man ihn mit jeder ein bisschen besser kennenlernt. Zum Beispiel beim Besuch der Stauffenberg-Gedenkstätte. Als er hört, dass Stauffenberg auf dem Eberhard-Ludwigs-Gymnasium (Ebelu) war, erzählt er, dass sein Vater dieses Gymnasium besuchte. Und Loriot übrigens ebenfalls. Einer Frau vom Killesberg, die in der Bürgersprechstunde den Müll beklagt, erzählt Nopper, dass eine Ex-Freundin von ihm auch am Killesberg gewohnt habe. In Neugereut berichtet er im Nachhall der Fahrschulbegegnung, dass er als alter Bundeswehrler alle Führerscheine habe „außer Panzer“, bei Siemens, dass das Unternehmen seines Großvaters um die Ecke war. Ein anderes Mal gibt er zum Besten, dass er vor seinem Jurastudium eine Banklehre gemacht hat. Als die Ausbildungsleiterin ihn damals ermahnt, dass er seinen Urlaub eintragen soll, sagte er: „Nee, das brauche ich nicht, lieber will ich alle Filialen kennenlernen.“

Zu viel Schönwetter, zu wenig große politische Linie – das kritisiert der Forscher Frank Brettschneider von der Universität an der Kommunikation des OB. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Diese Alltagsplaudereien, in denen nicht jeder Begriff auf die Goldwaage gelegt wird, es mehr um verbale Griffigkeit denn um Political Correctness geht, bedient das Faible der Menschen für Volksnähe und Geschichtle. Aber während in der Einszueins-Kommunikation Leutseligkeit und zugespitzte Redewendungen oft gut ankommen, kann das auf offizieller Politikebene und auf den Erregungsplattformen des Internets mitunter nach hinten losgehen.

Man könnte diese Art der Kommunikation leicht als etwas onkelhaft, vielleicht auch oberflächlich abtun, andererseits spiegelt sich darin Noppers Methodik der anekdotischen Evidenz. Er will vom Erleben des Individuums aus Politik machen, sich den Dingen aus der Graswurzelperspektive heraus nähern. Am Rande eines Termins erzählt er beispielsweise, wie er in den 80er Jahren als Student zusammen mit Siegfried Schoch eine Ortschronik seines Heimatbezirks Degerloch recherchierte. Er habe dabei viel verstanden, sagt der OB, zum Beispiel aus welchen politischen Bewegungen heraus die Vereine entstanden, welche Bedeutung sie bis heute in der Geschichte der Stadt und deren Gefüge haben. Und warum es sich deshalb lohnt, für sie Politik zu machen. Von der kleinen Empirie ins Theoretische und Große zoomen: Frank Nopper kann das durchaus. Er sollte es wohl nur öfter tun.