Unmenschliche Aufgabe: Das letzte Album machen. Nach mehr als 40 Jahren Bandgeschichte final liefern. Aber bitte nicht allzu wehmütig werden, sondern auch mal nach vorne gehen und durchbrechen. Die Gitarren ballern lassen und textmäßig immer on point, also: zur Lage der Nation. Und: gerne paar Hymnen. Wer kriegt sowas hin? Im Grunde keiner. Ein gutes letztes Album ist eigentlich nicht zu schaffen.
Umso schöner, dass den Toten Hosen genau das nun doch gelungen ist. „Trink aus, wir müssen gehen!“ nennt die Band ihren Abschiedsgruß aus dem Studio. Zu den 15 Stücken des regulären Albums gibt es 25 Coverversionen, bei denen Campino mit Weggefährten und alten Helden unter dem Motto „Alles muss raus!“ im Duett singt. 40 Lieder auf einen Schlag also. Notreserve. Bevorratung für die Zeit danach.
Ohoho-Stadion-Hits, Weckrufe, Schlachtrufe
Geht auch gleich gut los: Gitarren sensen den Weg frei, „Mach mal Platz da“, lautet der erste Vers. Und dann fächert die Band so etwas wie ein Best of ihrer Kernkompetenzen auf. Dreschflegel-Punkrock, Ohoho-Stadion-Hits, Weckrufe, Schlachtrufe und Herzensergießungen. Campino singt ein Lied für seinen Sohn („Glück“). Und dichtet den Hammer-Reim „Müde Augen, Kaffee Crema / Macht die Welt jetzt auch nicht schöner“.
Es gibt ein tief bewegendes Stück über den Abschied von einem Freund, hinter dem sich der vor zehn Jahren gestorbene frühere Schlagzeuger Wölli verbirgt („Augen zu. Es regnet Blumen“). Und zwischendurch ein ungestümes Lied, das den alten Zeiten zuzwinkert. Den Titel kann man sich auf ein T-Shirt drucken: „Keine Macht den Proben“.
Ach, es ist emotional schon sehr dicht, was hier präsentiert wird. Man höre sich nur mal „Nur nach vorn“ an. Wie Campino den Song mit der Zeile „Es kommt mir so vertraut vor / Ich muss hier schon mal gewesen sein“ beginnt: Da ist man gleich drin in diesem Kosmos, das ist so 100 Prozent Campino-esk. Und dann schwingt der Song sich auf, wird von Gitarren fortgetragen und vom Schlagzeug angefeuert, bis es Campino zerreißt. „Ohoho“, ruft er, weil er erstmal keine Worte findet. Und dann: „Hab in mir diese Hoffnung / Es kommt alles in Ordnung“.
Die neue Düsseldorf-Hymne ist eine Art „Westerland“ der Hosen
Die Hosen präsentieren sich als Leute, die ein bisschen traurig sind, aber mit sich selbst doch unbedingt im Reinen. Sie sorgen sich um das Land, in dem sie leben, sie wollen ihr Publikum für die Zukunft bereit machen und ihm trotzdem nicht die Gegenwart verderben. Und sie haben eine Mission: „Was ist mit uns los“ mutet an wie der endgültige Wachrüttler. Campino schreit sich in Rage, er schreit sich geradezu weg: „Stoppt den Krieg gegen die Wahrheit / Kommt aus den Echokammern raus“, fordert er. Der Song verwandelt sich in eine Rocksinfonie, Weltuntergangs-Vision, totales Drama. „Wie kann es sein, dass wir nicht begreifen, wie groß unsere Freiheit ist / Dass wir wegschmeißen, wonach die halbe Welt sich sehnt?“
Zu den künftig meistgespielten Songs dürfte die neue Stadthymne gehören, eine Art „Westerland“ der Hosen: „Düsseldorf, ich komme immer wieder / Ganz egal, wie weit der Weg auch ist“. Wer das gehört hat, ist bereit für „Schicksal“, die Kumpel-/Freundschafts-/Umarmungsnummer der Platte: „Glaubst Du an Zufall oder ist das Schicksal / Dass wir jetzt hier sind, füreinander bestimmt“.
Duette mit Wolf Biermann, Blixa Bargeld, Vicky Leandros
Die Hosen würdigen auf dem selbstironischen, bewundernden, bierernsten und total überdrehten Bonus-Album Bettina Wegner und singen mit ihr gemeinsam „Kinder“. Sie stellen sich mit Wolf Biermann, Hannes Wader und Blixa Bargeld zusammen. Campino singt „Forever Young“ und macht daraus ein Karaoke-Freakout: „Willst du wirklich immer Hippie bleiben / Für immer Punk“. Sie umarmen Vicky Leandros, lieben mit ihr das Leben, und dieses Duett klingt echt so schrill, wie man es sich vorstellt.
Das Duett-Album ist so etwas wie das tönende „Sgt. Pepper“-Covermotiv der Hosen: Alle, die für sie wichtig sind, kommen vor. Und ganz am Ende bringen die alten Kumpel Kuddel und Campino ein Lied ihrer früheren Band ZK, mit der alles begann. Es dauert nur 49 Sekunden. Dann ist der Kreis geschlossen.
Und nun? „Es ist auch gut, dass es vorbei ist / Ich schwöre, dass es stimmt / Wir werden nie vergessen, woher wir gekommen sind“, heißt es in „Was früher einmal war“. Wer die Band schon lange begleitet, dürfte einen Kloß im Hals spüren. Und ansonsten denken: Gut, dass es sie gibt.