Dominik pachtet – wie viele andere – selbst keinen Garten. Der Vorstand der Genossenschaft, die die Anlage vermietet, ist der Auffassung, dass es nicht gerecht sei und zu Neid führe, wenn nicht alle einen Garten haben können. Dominik wünscht sich ein Gespräch mit dem Vorstand, um zu erklären, dass die Gärten auch für ihn als „Nichtnutzer“ wichtig sind.

Soziologe: Treffpunkte wichtig für Nachbarschaft

In den Gärten wurden vor Jahrzehnten Zäune entfernt, um Treffpunkte zu schaffen. Solche Treffpunkte seien sehr wichtig für die Strukturierung von Nachbarschaft, erklärt der Soziologe Sebastian Kurtenbach. „Denn man muss sich gegenseitig in der Rolle des Nachbarn wahrnehmen und dann wird der nachbarschaftliche Verhaltenskanon aktiviert. Es können Grüßen oder ein Plausch im Treppenhaus sein, aber dafür muss man sich gegenseitig in der Rolle des Nachbarn wahrnehmen.“

Viele scheinen angesichts der vielen Negativnachrichten und Krisen müde und bekommen das Gefühl, dass gesellschaftlich nichts mehr funktioniert. Nachbarschaft bietet die Möglichkeit, sich verbunden zu fühlen.

Aron Boks

Kurtenbach hat das Buch „Soziologie der Nachbarschaft“ geschrieben, in dem auch erklärt wird, dass Treffpunkte nicht immer Bibliotheken, sondern auch Hausflure oder Gartenzäune sein können. Es gehe vor allem immer um die Frage, wo sich Menschen überhaupt begegnen können. Dieses Thema wird von Städteplanern immer wieder aufgebracht, um dem wachsenden Gefühl der Vereinzelung und der Vereinsamung entgegenzuwirken. Auch in Halle-Süd. Eigentlich.

Neumieter in Halle-Süd wünschen sich Parkplätze und Balkons

Die Mieter der Elsa-Brändström-Straße fühlen sich von der Genossenschaft bevormundet. Dominik weiß aus unternehmerischer Erfahrung, dass manche Entscheidungen wirtschaftlich getroffen werden müssen und will auch deswegen einen gemeinsamen Dialog. „Vielleicht können wir einen Kompromiss finden, das würde ich mir wünschen!“

Ein paar Tage später spreche ich mit einer Vorsitzenden der Genossenschaft. Sie erklärt, dass das Haus seit den 1930er-Jahren existiert, aber nicht unter Denkmalschutz steht. Die Gärten sollen nicht primär wegen der Parkplätze weichen. Man brauche die Fläche zunächst während der Sanierung für die Baufahrzeuge. Aber ja: Danach soll dort ein Parkplatz entstehen. Damit wolle man den Ansprüchen von Neumietern gerecht werden, die sich oft einen Parkplatz und Balkone wünschen. Man plane jedoch neue Gemeinschaftsflächen.

Der Soziologe Sebastian Kurtenbach ist nicht überrascht von dieser Argumentation. Parkplätze und Balkone seien sehr oft Bedürfnisse, die von Neumietern formuliert werden. Wenn es jedoch um das langfristige Wohlbefinden gehe, würden andere Attribute in den Vordergrund rücken – solche, die das Gefühl vermitteln, in der Nachbarschaft angekommen zu sein. Zum Beispiel: Gärten, in denen gemeinsam gegrillt werden kann.

Nach vielem Hin und Her, einem Treffen, Telefonaten und Mailbox-Ansagen scheint es, als würden Genossenschaft und Hausgemeinschaft der Elsa-Brändström-Straße aufeinander zugehen. Vorerst müssen die Mieterinnen und Mieter der sofortigen Räumung der Gärten nicht zustimmen. Nur weiß niemand, wie lange und was das für die Zukunft bedeutet. Ich habe das Gefühl, Vermieter und Mieter vereint vor allem der Wunsch nach Frieden, der gerade noch wackelig ist.

Garten als Symbol für Zusammenhalt in unsicheren Zeiten

Wenn ich mit anderen Menschen in Halle über den Fall spreche, kommen viele gleich auf die Unzuverlässigkeit der Regierung zu sprechen und rennen schnell auf das große Ganze zu. Denn genau darum geht es in den Gärten: Viele scheinen angesichts der vielen Negativnachrichten und Krisen müde und bekommen das Gefühl, dass gesellschaftlich nichts mehr funktioniert. Nachbarschaft bietet auch die Möglichkeit, sich verbunden zu fühlen.

Ein Psychologe erklärte mir, dass der derzeitige Zusammenhalt unter den Mietern in der Elsa-Brändström-Straße durch die drohende Räumung typisch sei. Um Gemeinschaft aber ohne Krise zu aktivieren, bräuchte es ein aktives Tun, ein gemeinsames Projekt, eine gemeinsame Richtung.