- Die Choreografin Irina Pauls erforscht Gemeinschaftsrituale wie das Maibaumtanzen.
- Aus ihren Recherchen entstand das Tanzstück „Sieben Brücken“ am Leipziger Lofft Theater.
- Es thematisiert die Veränderung von Landschaft und Menschen nach dem Kohle-Abbau.
Seit einigen Jahren fährt Irina Pauls in die ehemalige Bergbau-Region, um den Spuren des Maibaumtanzens zu folgen. Während ihrer Recherchen entdeckte die Choreografin großes Potenzial in diesen einfachen Tanzformen und „viel Miteinander“.
Und so hat sie begonnen, die Menschen vor Ort zusammenzubringen und bei dem Ritual des Maibaum-Setzens genau dieses Maibaum-Tanzen wiederzubeleben sowie „eine tanzende Gemeinschaft zu bilden“. In Orten wie Zwenkau, Großpösna oder Espenhain hinterließ sie mit ihrer künstlerischen Arbeit Spuren.
Ich nehme nach wie vor ein Stolz auf die Arbeit und Lebensverhältnisse damals wahr, ein Stolz auf den Bergbau, auf das, was sie für die Menschen im Land geschaffen haben.
Choreografin Irina Pauls
Maibaum-Tradition auf Leipziger Theaterbühne
Aus diesen regionalen Recherchen ist ein neues Tanzstück entstanden: „Sieben Brücken“. Der Maibaum auf der Bühne besteht aus Stoff und Farbe: An der Decke ein Ring, von dem pinkfarbene Seile herabhängen, der Bühnenraum ist schwarz – eine Black Box. Auch der Maibaum im Theater ist ein Symbol für Gemeinschaft, für das, was uns zusammenhalten kann, wenn die Erde ringsherum wegbricht.
Symbiose aus Volkstanz und modernem Tanz
Für ihre Choreografie bedient sich Irina Pauls beim Volkstanz: festes Auftreten der Füße, das Unterhaken, das gemeinsame Drehen. Dann mischt sich zeitgenössischer Tanz in die Folklore: Körper biegen sich, gehen zu Boden und suchen neuen Halt. Es handelt sich um eine Transformation, und sie funktioniert durch den Rhythmus.
Zwei Musiker treiben die Tanzenden mit Percussion und Schlagwerk, Zupfinstrumenten und Akkordeon voran. Verstaubte Volksmusik würden sie jedoch nicht spielen, erzählt Komponist und Musiker Eric Busch, sondern die Musik sezieren und den Ur-Puls freilegen.
Damit meine er das Einschwingen von mehreren Menschen auf einen Grundpuls. Das habe der Menschheit offensichtlich geholfen, sich nicht gegenseitig an die Gurgel zu gehen, sondern zusammenzuarbeiten und so in größeren Gruppen zu überleben. Darin sieht Busch den Ursprung und auch die Funktion von Volkstanz.
Menschen stolz auf Bergbau und Region
Gemeinsames Tanzen verbindet, damals wie heute. In einer Landschaft, die sich durch den Kohle-Abbau so sehr verändert hat, gibt es immer noch etwas Verbindendes. Stolz auf den Bergbau habe sie wahrgenommen, erzählt Irina Pauls, ein Stolz auf die Arbeit und Lebensverhältnisse von damals. Man habe etwas für die Menschen im Land geschaffen.
Intensiv sei es gewesen, in diesen ehemaligen Bergbau-Regionen gemeinsam mit den Menschen zu tanzen und zu sprechen. Es sei wichtig, „Erinnerungen wach zu halten und trotzdem einen Neuanfang möglich zu machen. Aber der ist nur möglich, wenn ich wirklich weiß, wo ich herkomme.“
Gemeinsames Tanzen als älteste Kunstform
Um diesen Grundpuls geht es, um die Verbindung, die sich herstellt im gemeinsamen Tun der Menschen, in Ritualen. Mit dem Tanzstück „Sieben Brücken“ sucht die Choreografin Pauls nun nach der Essenz ihrer Arbeit mit dem Leipziger Südraum, die vor 30 Jahren angefangen hat. Dabei setzt sie auf die älteste Kunstform der Welt: auf das gemeinsame Tanzen.