Harzerroller und andere Vögel dienten Bergarbeitern früher als "Kohlenmonoxid-Gassensoren". Weil das meist nicht gut für die Tiere ausging, konstruierten Ingenieure später technische Gassensoren - wie hier im Hintergrund. Foto: Heiko WeckbrodtHarzerroller und andere Vögel dienten Bergarbeitern früher als „Kohlenmonoxid-Gassensoren“. Weil das meist nicht gut für die Tiere ausging, konstruierten Ingenieure später technische Gassensoren – wie hier im Hintergrund. Foto: Heiko Weckbrodt

Uni-Forscher zeigen in Technischen Sammlungen Dresden elektronische Nasen und die „Zukunft des Riechens“

Dresden, 28.05.26. Sieht so der Arztbesuch der nahen Zukunft aus? „Alarm“, schellt der Computer beim Doktor drinnen, kaum ist der Patient durch die Praxistür gegangen. Oder: „Achtung: Verdacht auf Diabetes!!!“ – und der Doc sucht schon mal die Therapiepläne heraus. Möglich machen soll dies eine neue Generation elektronischer Nasen, die die TU Dresden entwickelt hat. Ein denkbares und machbares Szenario, meinen Professor Gianaurelio Cuniberti von der TU Dresden und Professor Thomas Hummel vom Uniklinikum Dresden. Gemeinsam mit Künstlern und Kuratoren haben sie nun in den Technischen Sammlungen Dresden eine Sonderausstellung „Die Zukunft des Riechens – Von der Nase zu riechenden Maschinen“ eröffnet.

„Riechen ist eine unterschätzte Superkraft“
Chefkommunikations-Offizierin Marion Schmidt von der TU Dresden

Prof. Gianaurelio Cuniberti. Foto: Cuniberti/TUDProf. Gianaurelio Cuniberti. Foto: Cuniberti/TUD

„Manche Hunde können Krebs und andere Krankheiten an Menschen riechen, sogar Wut“, erläutert Prof. Cuniberti die dahinter stehenden Konzepte. Mit modernen Sensorkonzepten lässt sich diese Fähigkeit auf biomedizinische Geräte übertragen: auf Prothesen, technische Analytik oder gar Roboterhunde, die nimmermüde nach Erdbeben oder Bränden eingestürzte Häuser nach Überlebenden durchschnüffeln.

Prof. Thomas Hummel vom Uniklinikum Dresden gilt auch überregional als Riechexperte. Foto: Heiko WeckbrodtProf. Thomas Hummel vom Uniklinikum Dresden gilt auch überregional als Riechexperte. Foto: Heiko Weckbrodt

Nanoröhrchen-Nase riecht Krankheiten genauer als der Hund

Als Mediziner und Riechexperte sieht wiederum Prof. Hummel sehr interessante Einsatzfelder in der Diagnostik: Bis zu 15 Jahre, bevor die ersten klinischen Symptome sichtbar werden, könnten E-Nasen womöglich riechen, ob ein Mensch an Parkinson erkrankt. Denn ähnlich wie Angst, Zorn und Stress verändern auch viele neurodegenerative Krankheiten, aber auch simple Infekte unsere Körperchemie. Menschen können das im Regelfall nicht riechen, manche Hunde durchaus – und künstliche Nasen wie die an der Uni Dresden entwickelten Sensorsysteme könnten selbst unsere vierbeinigen Freunde darin noch übertreffen.

"Smell Inspektor" hat das Team aus Dresden und Freital die künstlichen Nasen genannt. Hier ein Blick ins Innenleben. Foto: Smartnanotubes Technologies„Smell Inspektor“ hat das Team aus Dresden und Freital die künstlichen Nasen genannt. Hier ein Blick ins Innenleben. Foto: Smartnanotubes Technologies

E-Nasen-Produzent von Uni Dresden ausgegründet

Konkret gelingt dies hier durch Kohlenstoff-Nanoröhrchen (CNTs), die die Dresdner Nanowissenschaftler und Ingenieure auf kleinstem Raum zu Dutzenden Sensorkanälen anordnen. Jeder dieser programmierbaren Kanäle analysiert einen anderen Gasstrom, aus dem sich Gerüche zusammensetzen. Durch diese Miniaturisierung und die innovative Sensorik können diese E-Nasen aus Sachsen viele frühere Riechersatz-Systeme deutlich übertreffen. Entwickelt hat dieses Technologie ein Team um Prof. Cuniberti. Inzwischen hat sich mit „Smart Nanotubes Technologies“ in Freital auch eine Ausgründung der TU Dresden auf dieser Basis etabliert.

Riechsensoren vor der Endmontage. Foto: Heiko WeckbrodtRiechsensoren vor der Endmontage. Foto: Heiko Weckbrodt

Riecher für geplante sächsische Roboter-Offensive

Neben anderen Einsatzszenarien fokussiert sich das Unternehmen inzwischen auch auf künstliche Olfaktorik in der Robotik. Was heißt: Wenn die sächsische Regierung mit ihrem Plan ernst macht, humanoide und andere mobile Roboter als nächste große Schlüsselindustrie nach Mikroelektronik und Biotechnologie im Freistaat aufzupäppeln, könnten TUD und „Smart Nanotubes“ das künstliche Riechvermögen für robotische Hunde und Fabrikarbeiter beisteuern.

Die dystopische Seite: Überwachungsblick in die Vergangenheit denkbar

Neben all diesen hoffnungsvollen Perspektiven dürften Wissenschaft und Wirtschaft freilich auch nicht die dystopische Seite der E-Nasen-Technologie außer Acht lassen, warnen die Forscher, Künstler und Kuratoren: „Eine Kamera, die wir morgen hier aufbauen, vermag nicht nachträglich aufzunehmen, welche Menschen heute Abend hier waren – unsere elektronischen Nasen durchaus“, skizziert Prof. Cuniberti während der Ausstellungseröffnung Goldbergsaal des Striesener Technikmuseums eine womöglich problematische Anwendung. Die Technologie könne insofern Polizisten, Spionen und anderen Akteuren neue Ermittlungs- aber auch Überwachungsmethoden liefern. Prof. Hummel erinnert in diesem Zusammenhang an die Stasi und Volkspolizei, die große Geruchsproben-Sammlungen oppositioneller, krimineller oder anderweitig „verdächtiger“ DDR-Bürger aufgebaut hatten.

Geruchsproben in der Riechausstellung in den Technischen Sammlungen Dresden. Foto: Heiko WeckbrodtGeruchsproben in der Riechausstellung in den Technischen Sammlungen Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Olfaktorische Sonderschau mit Roboterhund, Kanarienvogel und einer großen, schwarzen Box

All diese und andere Aspekte der natürlichen und künstlichen Olfaktorik spiegelt nun die neue und zugleich letzte Sonderausstellung der Technischen Sammlungen Dresden vor der großen Sanierung. Sehen, riechen und erkunden können die Besucher dort unter anderem Schnüffelroboterhunde, sperrige Duftanalysegeräte früherer Jahre, Kanarienvögel, die früher die Bergleute vor „bösen Wettern“ warnten, eine Videostation mit Duftgeneratoren, die Filmszenen ruchbar machen, sowie Riechproben, die verdeutlichen, wie sich Gerüche aus Gasströmen zusammensetzen. Und in einer übermannsgroßen schwarzen Box können sich Neugierige mit speziellen Brillen und Taschenlampen einen zusätzlichen Ultraviolett-Sinn aneignen, um dann damit das Innere einer riesigen Nase zu erkunden.

Logo der Riechausstellung in den Technischen Sammlungen Dresden während einer Podiumsdiskussion. Repro: Heiko WeckbrodtLogo der Riechausstellung in den Technischen Sammlungen Dresden während einer Podiumsdiskussion. Repro: Heiko Weckbrodt

Die Ausstellung im Kurzüberblick:

  • Titel: „Die Zukunft des Riechens – Von der Nase zu riechenden Maschinen“
  • Ort: Technische Sammlungen Dresden, Ecke Junghans- und Schandauer Straße, 5. Obergeschoss im „Schaufenster Wissenschaft“
  • Öffnungszeiten: bis 25. Oktober, jeweils Di.–Fr.: 9-17 Uhr, Sa., So. und Feiertage: 10-18 Uhr
  • Beteiligte: TU Dresden, UKD, Uni Jena und zahlreiche Künstler
  • Eintrittspreise: Erwachsene 8 Euro, erm. 6 Euro, Kinder unter 7 Jahren gratis, außerdem freitags ab 12 Uhr frei für alle
  • Mehr Infos: tsd.de

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Vor-Ort-Besuch, TSD, Deutsche Spionagemuseum, Wikipedia, Oiger-Archiv

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt