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Berlin – Ich verneige mich vor der großen alten B.Z., die vor 149 Jahren von der deutsch-jüdischen Familie Ullstein gegründet und später von Axel Springer weitergeführt wurde und die mir 21 Jahre lang Raum gab, meine Meinung frei zu verbreiten.
Liebe Leserinnen und Leser, heute verabschiede ich mich von Ihnen. Nach 21 Jahren verlasse ich die B.Z. In dieser Zeit habe ich an jedem Werktag meinem Ärger Luft gemacht, in der Kolumne „Mein gerechter Zorn“.
Insgesamt 4563 Kolumnen habe ich geschrieben. 4563 Mal habe ich heftige Kritik an den Verhältnissen in dieser Stadt geübt, in der ich vor 63 Jahren geboren wurde und in der ich mit meiner Frau, fünf Kindern, zwei Enkeln und unserem Hund lebe. Warum diese heftige Kritik? Nicht aus Abneigung, sondern aus Verbundenheit, aus Liebe.
Weil ich es nicht ertrage, wie diese Stadt verwahrlost und unsicher wird, wie sich alteingesessene Nachbarn nicht mehr wohlfühlen, weil so viele politische Fehlentscheidungen getroffen wurden und werden. Und weil ich denjenigen, die die Entscheidungen treffen, vorwerfe, mutlos, teilnahmslos, egoistisch oder ideologisch verbohrt zu sein.
Dabei habe ich nie behauptet, im Recht zu sein und einzig die richtige Meinung zu vertreten. Ich wollte immer einen Beitrag zur Debatte leisten, Gedanken anstoßen, Kontroversen auslösen. Opposition ist nicht schädlich, sondern notwendig, meine ich, oder um es mit Thomas Mann zu sagen: „Kritik ist der Motor des Fortschritts“ (Zauberberg).
Es gibt keine richtige und keine falsche Meinung – nur gut und schlecht begründete
Meiner Überzeugung nach gibt es keine richtige und keine falsche Meinung, sondern lediglich eine gut begründete und eine schlecht begründete. Ich habe deshalb immer auf die Meinungen der Leser reagiert, und mich auch eines Besseren belehren lassen.
Umgekehrt war das nicht immer der Fall. Ich wurde jahrelang massiv bedroht, hauptsächlich vonseiten der Linksextremisten. Sie haben zweimal meinen Privatwagen angezündet, um ihrer Drohung Nachdruck zu verleihen, sie haben mich in ihren Bekennerschreiben in der übelsten Art beschimpft, sie haben Lügen verbreitet und Rufmord begangen, sie haben mich ultimativ aufgefordert, meine Tätigkeit einzustellen.
Außerdem war ich heftigen Anwürfen vonseiten der Grünen, Linken und Teilen der SPD ausgesetzt. Immer wurde mir etwas unterstellt, immer stellte man mich in die rechte Ecke, ausgerechnet mich, der ich bekennender FDP-Wähler bin.
In den ersten Jahren galt meine Kolumne allgemein als „laut“, „sehr zugespitzt“ und „aggressiv“. Das war noch vor der Zeit der sozialen Medien. Heute sagt man mir, ich sei die „Stimme der Vernunft“ und würde mich wohltuend abheben vom Geschrei auf Instagram und TikTok.
So ändern sich die Zeiten. Ich habe meine Kolumne allerdings von vornherein als „vernünftig“ und dem gesunden Menschenverstand verpflichtet betrachtet. Mein Vorbild ist Hans Christian Andersen, der in seinem berühmten Märchen von „Des Kaisers neuen Kleidern“ beschreibt, wie lohnend und erhellend es ist, nicht mit dem Strom zu schwimmen.
Ich verneige mich vor der großen alten B.Z., die vor 149 Jahren von der deutsch-jüdischen Familie Ullstein gegründet und später von Axel Springer weitergeführt wurde und die mir 21 Jahre lang Raum gab, meine Meinung frei zu verbreiten.
Ich danke Ihnen, den Lesern, die mir durch den täglichen Kauf der Zeitung diese Arbeit ermöglicht haben. Auf Wiedersehen! Sie werden mich an anderer Stelle bald wiedersehen, auf jeden Fall in Berlin.
Hat Gunnar Schupelius recht? Schreiben Sie an: gunnar.schupelius@axelspringer.de