Claudia Schaefer, Direktorin der cubus-Kunsthalle, scheut sich nicht, auch heikle Ausstellungen zu zeigen: Nach den Ausstellungen „#2states.NOW“ des Mailart-Künstler Reiner Langer, der sich explizit für die Zweistaatenlösung Israel-Palästina positioniert, sowie „Lebendige Erinnerungen“ der Holocaust-Überlebenden Sara Atzmon ist nun eine weitere künstlerische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt zu sehen. Die Ausstellung „Besetzte Leben“ von Heiner Schmitz richtet den Blick auf Menschen, deren Alltag seit Jahrzehnten von Besatzung, Entrechtung und Gewalt geprägt ist.

Seit 1997 beschäftigt sich der Fotograf Heiner Schmitz, ehemaliger Professor für Fotografie an der Fachhochschule Dortmund, intensiv mit Israel und Palästina. 17-mal hat er im Laufe der Jahre die entsprechenden Gebiete bereist, nie bloß als Tourist, sondern immer als Forschender – unter anderem für ein Buchprojekt.

Während zweier längerer Aufenthalte im Jahr 2017 dokumentierte er die Lebensbedingungen palästinensischer Beduinen im westlichen Jordantal. Viele dieser Familien waren nach der Staatsgründung Israels 1948 aus der Negev-Wüste in das Gebiet der heutigen Westbank geflohen. Heute leben sie in der sogenannten Zone C, die vollständig unter israelischer Militärkontrolle steht.

Unterstützung aus Duisburg

Unterstützt und mit Informationen versorgt wurde Heiner Schmitz dabei von dem in Duisburg lebenden Vizepräsidenten der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, Ribhi Yousef. Yousef half bei der Kontaktaufnahme und der Recherche der Lebensgeschichten der Familien, die Heiner Schmitz auf einfühlsame Weise fotografierte. Bei jeder Aufnahme spürt man, dass zwischen dem deutschen Fotografen und der abgebildeten beduinischen Familie ein tiefes Vertrauensverhältnis besteht.

Konkrete Lebensrealitäten

Mit seinen technisch und künstlerisch anspruchsvollen Fotografien möchte Schmitz keine abstrakten politischen Konflikte dokumentieren, sondern konkrete menschliche Lebensrealitäten: Familien, Kinder, ältere Menschen, deren Alltag von Unsicherheit, Kontrolle, Einschränkungen und wiederkehrenden Übergriffen geprägt ist.

Die Interviews, die mit Unterstützung eines arabischen Freundes des Künstlers geführt wurden, geben den Betroffenen eine Stimme. Sie erzählen von Demütigungen, zerstörten Lebensgrundlagen, militärischer Präsenz und der Gewalt militanter Siedler. Beim Pressegespräch brachte Kostenpflichtiger Inhalt Claudia Schaefer den Sinn dieser Ausstellung auf den Punkt: „Wo Politik versagt, soll Kunst eine Brücke zwischen den Menschen bauen.“

Besatzung greift ins Leben ein

Zu jedem Familienfoto gibt es einen Text, den Yousef und Schmitz, die seit einer Veranstaltung der Duisburger Uni miteinander befreundet sind, gemeinsam geschrieben haben. Diese Texte widersprechen romantisierenden Vorstellung eines freien Beduinenlebens. Sie machen sichtbar, wie tiefgreifend Besatzung in das Leben der Menschen eingreift – sozial, wirtschaftlich und psychisch.

Einer dieser „Bild-Berichte“ zeigt einen Familienvater, dem ein Bein amputiert wurde, weil er in verbrecherischer Absicht mit einem Auto angefahren wurde und nicht rechtzeitig medizinisch versorgt wurde. Heiner Schmitz hat diesen Mann und seine Familie nicht nur fotografiert, sondern für ihn auch Geld gesammelt, damit die größte wirtschaftliche Not gelindert werden konnte.

Obwohl die Fotoarbeiten bereits 2017 entstanden sind, haben sie angesichts der aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten erschütternde Aktualität gewonnen. Die humanitäre Katastrophe, das unermessliche Leid der Zivilbevölkerung und die weltweiten Debatten über Krieg, Vertreibung und mögliche völkerrechtliche Verbrechen verleihen den Bildern heute eine neue Dringlichkeit. Claudia Schaefer: „Die Ausstellung versteht sich als klare Haltung gegen Krieg, gegen Hass, gegen die Zerstörung menschlichen Lebens – und gegen jede Form von Völkermord.“