Verlockend sieht er aus, der Glasflakon mit dem schweren Boden. Vor einer rosafarbenen Wand auf einer kleinen Konsole präsentiert, zieht er die Blicke sofort auf sich. Künstlerin Franzi Goralski ermuntert dazu, näherzutreten und auf den Gummiballon zu drücken, der an einem Schlauch aus dem Verschluss ragt.

Sofort verteilt sich ein angenehmer Duft: Süß, frisch und irgendwie aufregend. „Ich hab’ mich gefragt, wie steht’s eigentlich um die olfaktorische Vergangenheit queerer Orte?“, erläutert die 34-Jährige. Sie befasst sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit der Dokumentation dieser Räume, zu denen sie auch immaterielle, wie Lesekreise oder Partys, zählt.

In einer raumgreifenden Installation im MdbK gibt sie Einblick in ihr Projekt. Der Duft ist eine Eigenkreation, mit der Goralski an die Poolpartys erinnern möchte, zu denen sich im New York der 80er-Jahre der erste Motorradclub für Frauen traf. Dafür recherchierte sie in New Yorker Archiven, und traf sich mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Ihre Duftkomposition ist eine Art künstlerische Suche nach der verlorenen Zeit.

Der Duft einer längst verklungenen Party

„Man versucht sich wo zu treffen, wo es eigentlich unmöglich ist, sich zu treffen“, sinniert die in Radebeul geborene Künstlerin. „Und das ist, finde ich, ein ganz sensibler und ein total schöner Bereich.“ Eine Ahnung von dieser Offenheit und Zartheit möchte sie durch den Duft ins Museum holen.

Franzi Goralski ist eine von vier Preisträgerinnen des frisch aus der Taufe gehobenen Kunstpreises MdbK [jetzt] . Eine fünfköpfige Jury wählte in diesem Jahr zudem die Medienkünstlerin Mahshid Mahboubifar, die Fotografin und Installationskünstlerin Anna Perepechai und Bildhauerin Theresa Rothe für die Auszeichnung aus. Gestiftet vom Förderverein des Museums der bildenden Künste, soll die mit viermal 5.000 Euro dotierte Auszeichnung künftig alle zwei Jahre verliehen werden.

Der Preis steht für das Engagement des Museums der bildenden Künste und des Fördervereins, diese jungen KünstlerInnen ganz aktiv zu fördern.

Katrin Klietsch, Kuratorin

160 Bewerbungen für neuen Preis in Leipzig

Die freie Kuratorin Katrin Klietsch, die für die Erstauflage der Auszeichnung die Projektleitung übernahm, erklärt: „Der MdbK [jetzt] Preis der Förderer wurde quasi aufgelegt, als junger Kunstpreis für KünstlerInnen unter 35 aus der Region, und steht so ein bisschen für das Engagement des Museums der bildenden Künste und des Fördervereins, diese jungen KünstlerInnen ganz aktiv zu fördern.“ Zum einen geschehe dies durch das Preisgeld, so Klietsch. „Aber auch durch die Möglichkeit, in so einem großen Museum, wie dem MdbK, ausstellen zu können.“

Aus 160 Bewerbungen schafften die vier Künstlerinnen die Hürde der Auswahlkriterien. Für ihre Wahl einigte sich die Jury auf einige grundlegende Kriterien, erläutert Katrin Klietsch. Neben Originalität etwa eine Konsistenz in der Bearbeitung des Themas. „Also, dass man von den KünstlerInnen davon überzeugt wird, dass das Gewählte, das Mittel ist, um zu diesem Ausdruck zu kommen.“ Auch eine Prognose darauf, wie sich die künstlerische Position nach diesem Preis und der Ausstellung weiter entwickeln wird, sei in die Bewertung eingeflossen. Und: „Am besten eine ganz klare Handschrift, die wir meiner Meinung nach jetzt bei allen vier Preisträgerinnen auch sehen können“, resümiert sie.

Plüsch und Parfüm, Fotos vom Krieg und die Suche nach Vorgängerinnen

So zeigt Anna Perepechai in zwei Räumen Dokumentarfotografien und private Erinnerungsstücke aus ihrer Ukrainischen Heimat, die zeigen, wie sich der Krieg in die Landschaft und die Gesichter der Menschen eingegraben hat.

Mahshid Mahboubifar kam aus dem Iran nach Leipzig. In einem Video geht sie unter anderem der Geschichte des Gemäldes „Die Iranerin M.M.“ nach, das Inge Wunderlich in den 70er-Jahren malte. Theresa Rothe hat einen ganzen Raum in eine Mischung aus Kinderzimmer und Gruselkabinett verwandelt. Aus Silikon und knallbuntem Plüsch gestaltet sie Figuren mit überlangen Armen oder sich bewegenden Köpfen. Stellvertreter für ihre eigenen, oft ambivalenten Gefühle.

„Gerade die Gefühle oder die Gedanken, die einfach schwer aussprechlich sind. Wenn man mit sich hadert. Psychische Probleme, die immer mehr werden oder auch schon immer da sind“, zählt Theresa Rothe auf. Betroffene täten sich selber oft schwer damit, diese Gefühle zu verbalisieren, sich selbst gegenüber einzugestehen. „Und dann ist es natürlich noch viel schwieriger, das anderen gegenüber einfach klar zu machen, ohne sich verrückt zu fühlen oder zu schämen“, meint sie.

Rothe hofft, mit ihren haarigen Gesellen ein bisschen mehr Weichheit und Sensibilität im Umgang mit Gefühlen zu ermöglichen. Hat man sich erstmal an eine der von ihr im Schachbrettmuster mit Plüsch bezogenen Museumswände gekuschelt, fühlt man von ihrer wunderbar skurrilen und zugleich zutiefst menschlichen Kunst verstanden.

Ob emotional aufgeladener Plüsch oder ein Parfüm für eine längst verklungene Party. Fotos einer harten Kriegsrealität oder die subtile Suche nach Vorgängerinnen auf dem Weg ins Unbekannte: Die Ausstellung zum Kunstpreis MdbK jetzt zeigt, wie vielfältig und lebendig junge Kunst zurzeit ist.