„Das hat sich rasant verändert“, heißt es in einem aktuellen Bericht der Stadtverwaltung: Derzeit sind 38 Familien betroffen, zu denen 150 Personen gehören, davon 75 Kinder. Die Stadt braucht deshalb zusätzliche Unterbringungskapazitäten.

Auch allgemein steigen die Fallzahlen im Bereich Obdachlosigkeit. Die Zahl der Übernachtungen von Männern in städtischen Unterkünften hat sich innerhalb von zehn Jahren fast verzehnfacht: von knapp 2650 im Jahr 2015 auf 25 300 im vergangenen Jahr. Bei den Frauen hat sich die Übernachtungszahl mehr als verdreifacht von 3450 auf 11 150. Die Übernachtungszahl bei Familien hat sich verfünffacht von knapp 6000 auf fast 33 000. „Ein weiterer Anstieg ist wahrscheinlich, bereits jetzt werden Prognosen aus 2025 übertroffen“, so der Bericht.

Sozialdezernentin Annette Berg betont: „Wir nehmen die Thematik ernst, was obdachlose Familien und Kinder angeht, aber auch das Thema Obdachlosigkeit insgesamt. Wir müssen das Thema offensiv angehen.“ Dazu gehört der Ausbau der Unterkünfte. Die Stadt sucht derzeit nach weiteren Unterbringungsmöglichkeiten.

Schon jetzt seien die bisherigen Obdachlosenunterkünfte voll ausgelastet – obwohl bereits einige Unterkünfte und Wohnungen, die für Geflüchtete vorgehalten wurden, nun für Obdachlose genutzt werden. Die Notschlafplätze für Männer an der Friedrich-Ebert-Straße wurden ausgebaut, ebenso die für Frauen an der Deweerthstraße. Dazu gibt es an der Hermannstraße ein Häuserkomplex mit zahlreichen Unterkünften, die zum Teil von Geflüchteten, zum Teil von obdachlosen Männern und inzwischen auch Frauen bewohnt werden, weil die bisherigen Unterkünfte nicht mehr reichen.

Familien wurden bisher in eigenen Wohnungen untergebracht, die in der Stadt verteilt sind. Doch inzwischen müssen einige Familien auch in der Unterkunft an der Hermannstraße leben, was insbesondere für Kinder nicht angemessen ist. Sie begegneten dort Obdachlosen, die uns psychischen oder Suchterkrankungen litten, zudem komme es zu Gewaltvorfällen, Straftaten und „hygienisch belastenden Situationen“, heißt es in dem Bericht. Kinder bräuchten aber Sicherheit, Stabilität und die Chance auf ein kindgerechtes Aufwachsen.

„Vier-Zimmer-Wohnungen
sind sehr rar gesät“

Ursachen für die Obdachlosigkeit von Familien seien neben individuellen Gründen auch die schwierige Lage auf dem Wohnungsmarkt. Besonders große Familien fänden schwer bezahlbare große Wohnungen. Die Hälfte der von Obdachlosigkeit betroffenen Familien besteht laut dem Bericht aus sechs oder mehr Personen. Sozialamtsleiter Michael Lehnen sagt: „Vier-Zimmer-Wohnungen sind in Wuppertal sehr rar gesät.“

Auch Cornelia Lieto, Bereichsleiterin Soziale Teilhabe bei der Diakonie, sagt: „Familien mit drei oder mehr Kindern finden zunehmend keine geeigneten Wohnungen mehr. Viele der betroffenen Haushalte leben zudem in größeren Familienverbänden und sind daher auf Wohnraum angewiesen, der auf dem aktuellen Markt kaum verfügbar ist.“ Außerdem hätten besonders Alleinerziehende schlechte Chancen, würden häufig benachteiligt.

Sie weist auf die Inflation, höhere Energiepreise und steigende Lebensmittelkosten hin. Zudem kämpften viele Familien mit finanziellen Unsicherheiten, Überschuldung, psychischen Belastungen oder instabilen Beschäftigungsverhältnissen. Auch familiäre Überlastungssituationen und erschwerte Zugänge zu Unterstützungsangeboten während der Pandemie wirkten bis heute nach und verschärften bestehende Notlagen.

Michael Lehnen erläutert, dass die Stadt viel tue, um Obdachlosigkeit besonders von Familien zu verhindern. Dazu versuchten sie, über mögliche Hilfen aufzuklären. „Leider sind manche Menschen schwer zu erreichen“, sagt Annette Berg. Das gelte gerade für Menschen, die nicht mehr in der Lage seien, ihren Alltag zu bewältigen.

Oft erfährt die Stadt erst spät von Problemen: „Bei jeder anstehenden Räumung werden wir vom Gericht informiert“, sagt Michael Lehnen. Dann versuchten sie, mit dem Vermieter zu reden, die Räumung abzuwenden. Sie könnten ein Darlehen für die Miete geben, ebenso für Energieschulden. Denn; „Wohnraum zu erhalten, ist das Beste, was man tun kann.“ Leider ließen die Vermieter oft nicht mit sich reden.

Wer in eine Obdachlosenunterkunft zieht, erhält Unterstützung dabei, sein Leben zu sortieren und eine reguläre Wohnung zu finden. Darum kümmern sich Mitarbeiter des Sozialamts. Michael Lehnen verweist auch auf das Diakonie-Angebot der Wohnraumvermittlung und ein spezielles Unterstützungsangebot der Caritas für Obdachlose mit Suchterkrankungen. Er betont außerdem: „Wenn Kinder da sind, ist immer das Jugendamt involviert.“

Cornelia Lieto von der Diakonie berichtet, dass die Diakonie seit 2023 im Auftrag der Stadt regelmäßig Familien in Unterkünften aufsucht und diese aktiv bei der Suche nach einer Wohnung hilft. „Dieses Angebot hat sich als sehr erfolgreich erwiesen, und wir konnten bereits zahlreiche Familien in Wohnraum vermitteln“, berichtet sie. Jedoch stehe ihnen dafür nur eine halbe Stelle zur Verfügung. „Gemeinsam mit der Stadt arbeiten wir aktuell intensiv an Lösungsansätzen für diese Entwicklung, um dem Bedarf gerecht zu werden.“