2008 begann die Stadt, solche Stellen zu analysieren, in einem Angstraumkonzept zu dokumentieren und an Verbesserungen zu arbeiten. Doch das ist inzwischen ins Stocken geraten. Jetzt will die Stadt das Thema neu angehen.

33 Orte listete das „Angstraumkonzept“ von 2015 auf, abgestuft bewertet von „leicht angstbesetzt“ bis „deutlich angstbesetzt“. Am schlechtesten kamen Karlsplatz und Berliner Platz weg. Die Einstufung beruhte auf Gesprächen mit Polizei, Bundespolizei, Ordnungsamt, Bahn, Stadtwerken und sozialen Verbänden.

In der Folge gab es Verbesserungen, etwa mehr Lampen am Schönebecker Busch, die Unterführung Heidter Berg wurde gesäubert und verschönert, am Karlsplatz wurden die Rankgerüste entfernt, der Berliner Platz bekam eine neue Beleuchtung.

Eine Neuerung 2023 zog dann Unmut auf sich: Damals stellte die Verwaltung ein „Angstfreiraumkonzept“ vor. Der Fokus auf Menschen der Obdachlosen-, Drogen- oder Trinkerszene, die anderen Angst machten, führe zu Diskriminierung und einem Negativimage solcher Plätze. Es sollte ein Perspektivwechsel stattfinden, man wollte Plätze suchen, die Bürgerinnen und Bürger positiv bewerten.

„Wir fanden das damals unzureichend“, kommentierte das Anja Vesper (CDU) vor einiger Zeit. 25 Ratsfrauen taten sich zusammen und forderten im Ausschuss für Ordnung, Sicherheit und Sauberkeit, dass Bürgerinnen und Bürger in den Stadtbezirken befragt werden sollten, insbesondere Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund, etwa bei Workshops. Es sollten Möglichkeiten gesucht werden, Angsträume zurückzugewinnen.

Gespräche mit Sozialpolitikern
der Fraktionen

Ein gemeinsamer Antrag aller demokratischen Parteien griff das auf, forderte eine Neuausrichtung des Konzepts, die Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Der Antrag wurde 2023 im Ausschuss für Stadtentwicklung beschlossenen, weil die Ergebnisse für die Stadt- und Raumplanung genutzt werden sollten.

Inzwischen hat der Bereich Soziales, in dem das Angstraumkonzept von Anfang an angesiedelt war, das Thema wieder aufgegriffen. „Wir wollen den Dialog dazu wieder anstoßen“, erklärt Sozialdezernentin Annette Berg. Sie seien bereits mit den sozialpolitischen Sprechern der Ratsfraktionen im Gespräch. „Wir überlegen, das in neuer Form anzugehen“, ergänzt Sozialamtsleiter Michael Lehnen, „das noch einmal neu zu denken.“

Die Gespräche hätten deutlich gemacht, dass es dabei unterschiedliche Sichtweisen gebe. Außer etwa Frauen und Senioren könnten auch Menschen mit Migrationshintergrund, queere Personen oder Menschen mit Behinderung in der Stadt Ängste haben. Als Nächstes will man Kontakt mit dem Seniorenbeirat und dem Beirat der Menschen mit Behinderung aufnehmen.

Den Vorschlag des Beschlusses von 2023 vollständig umzusetzen, werde schwierig, räumt Michael Lehnen ein, eine Bürgerbeteiligung in allen Stadtbezirken unter anderem mit Workshops sei sehr aufwendig. Daher sei die Frage, ob es noch einen anderen Weg gebe.

Diana Ertel (Linke), Vorsitzende des Sozialausschusses, bestätigt: „Wir sind im Austausch.“ Sie hält es für wichtig, an dem Thema weiterzuarbeiten: „Das ist ein guter Impuls.“ Dabei hat sie nicht allein praktische Veränderungen im Fokus, sondern auch die Beschäftigung mit den Ursachen für das Unwohlsein. „Oft ist es Angst vor Gewalt anderer Menschen“, erklärt sie. Vor Tieren habe man in der Stadt normalerweise keine Angst. Daher brauche es auch eine gesellschaftliche Diskussion über diese Gewalt, etwa sexistische Gewalt. An anderer Stelle beruhe die Angst vielleicht auf Stereotypen und sei gar nicht angemessen.

Bei der FDP und der CDU hält man das Thema weiterhin auch für eines im Bereich Ordnung und Sicherheit. Karin van der Most (FDP) wünscht sich eine baldige Behandlung im entsprechenden Ausschuss. Von der CDU ist zu hören: „Das steht mit Sicherheit im Hausaufgabenheft des neuen Beigeordneten.“ Nachdem Ordnungsdezernent Mattias Nocke nicht wiedergewählt wurde, steht aktuell die Neubesetzung dieser Position an. Sobald die erfolgt ist, wolle man das Thema angehen.