Maryan Ali Barre sitzt mit dem Rücken zum Stand der Somalischen Gemeinde an einer Biergarten-Garnitur. Sie gönnt sich eine Pause, es läuft alles, auch ohne sie. Die Sambus, die mit Hackfleisch, kleingeschnittenen Zwiebeln, Karotten, Knoblauch gefüllten Dreiecke, finden großen Anklang. Es fliegen ihr Komplimente zu. Bis tief in die Nacht hat die Verkäuferin nach der Arbeit mit anderen Frauen in der Küche der Moschee am Frankfurter Ring gestanden, Teig ausgewalzt, gefüllt und gefaltet. Auch ihre Tochter Zaynab war dabei. Die Krankenschwester, die ihren Hijab fest um ihr Gesicht gebunden hat, verkauft die Teigtaschen, gegrilltes Huhn und Reis mit Freundinnen unter einem Partyzelt. Sie blickt auf die vorbeiziehende Menschenmenge und sagt lachend: „Es macht großen Spaß, dass hier so viele verschiedene Leute zusammenkommen.“
Das Essen beim Münchner Opferfest wird von den verschiedensten Nationen zubereitet und ist selbstverständlich halal. Johannes Simon
Es ist Samstagnachmittag, auf den Grünflächen des Riemer Parks wird Eid al-Adha gefeiert. Das mehrtägige Opferfest, arabisch Īd ul-Adha, türkisch Kurban Bayramı, ist für Musliminnen und Muslime neben dem Zuckerfest am Ende des Ramadan die wichtigste Feierlichkeit. Das Fest wird vor allem mit der Familie gefeiert, seine Bedeutung ist vergleichbar mit der von Weihnachten. Es richtet sich nach dem islamischen Mondkalender und findet an keinem festen Datum statt. Im vergangenen Jahr war „München feiert Eid“ am Pfingstmontag im Schwabinger Luitpoldpark. Nach acht Jahren hatte der Muslimrat München 2025 die Veranstaltung erstmals wieder für eine große Öffentlichkeit organisiert. Ein Kritikpunkt: viel zu wenig Platz. Hier im Münchner Osten sind die Flächen nun wesentlich weitläufiger. Erstmals wird an zwei Tagen, Samstag und Sonntag, gefeiert.
Rechts vom Eingang sind Stände mit Tüchern, Kleidern, Modeschmuck, Gebetsteppichen oder Parfümölen zu finden. Für Kinder gibt es einen Spielbereich mit Hüpfburg und Bogenschieß-Aktion. Menschen treffen und das gemeinsame Essen stehen aber im Vordergrund. Besonders an den Burger-Ständen, an denen es an den Grills kräftig raucht, bilden sich lange Schlangen. Ein Stand mit Erdbeeren ummantelt von flüssiger Schokolade, aber auch Eis und Softgetränke sind begehrt. Es gibt äthiopische Sauerteigfladen, Injera, türkische Lahmacun und Köfte. Alles halal, alles für Muslime erlaubt.
Ähnlich wie auf Tollwood sucht sich jeder aus, worauf er Lust hat. Man setzt sich dann am Rand des Platzes auf mitgebrachte Decken oder trifft sich in der Mitte, wo Biertisch-Garnituren aufgebaut sind. Großer Unterschied allerdings zu anderen Münchner Festen: Hier funkelt weder orangeroter Aperol-Spritz aus Gläsern noch Bier. Alkohol ist kein Thema hier, und Rauchen ist auf dem gesamten Gelände verboten. „Wir waren in enger Abstimmung mit dem KVR. Uns ist wichtig, dass wir alles beachten, den Umweltschutz einhalten“, sagt Rowan Yacoub, eine der ehrenamtlichen Helferinnen. Die Informatik-Studentin nennt sich selbst „Eventflächen-Koordinatorin“ und man merkt ihr an: Sie möchte unbedingt vermeiden, dass es Ärger gibt.
Viel Platz, aber wenig Schatten: Am Rand des großen Geländes im Riemer Park sitzen Familien auf mitgebrachten Decken zum Picknicken. Johannes Simon
Alkohol werde oft zum Problem bei Festen in München, vor allem auf der Wiesn, wo sich ja eigentlich alles nur darum drehe, sagt eine junge Frau in einem langen weißen Kleid. Sie ist zusammen mit ihrer Cousine und Tante hier. Die beiden jüngeren sind in München geboren, die Tante kam vor 40 Jahren aus Afghanistan. „Ich finde es großartig von der Stadt, dass wir hier feiern dürfen“, sagt sie. Ihre Begleiterinnen betonen, dass sie sich heute hier besonders sicher und gut aufgehoben fühlen, geschützt auch vor bösen Kommentaren. „Früher hat man mit Freude und Stolz erzählt, woher man kommt“, sagt die Tante, heute schweige sie lieber. Man müsse heute vorsichtiger sein. Mit feinen Sinnen registrieren die drei Fremdenfeindlichkeiten. Wenn von einem Anschlag irgendwo die Rede sei, dann hofften sie inständig, dass es kein Moslem war, sagen die jungen Frauen dann noch.
Vor den Tischen ist eine Bühne aufgebaut, auf der es den Nachmittag über Musikprogramm gibt. Hier verkündet auch ein Rufer die Gebetspausen. Zum Beten gibt es für Frauen und Männer getrennt ruhigere Orte. Die Tische leeren sich währenddessen ein wenig, aber offensichtlich fühlen sich nicht alle angesprochen. Auch nicht alle Muslima haben ihr Haar bedeckt, von manchen aber sind nur die Augen zwischen Stoffschlitzen zu sehen.
Das Opferfest Eid al-Adha ist vergleichbar mit Weihnachten für Christen. Viele Frauen haben sich deshalb besonders fein gekleidet. Johannes Simon
Zur Eröffnung des Eid, was Fest bedeutet und in etwa wie das Englische aid (Hilfe) ausgesprochen wird, sind auch Vertreter der Stadt gekommen: Marian Offman (SPD), ehemaliger Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde, als Beauftragter für den interreligiösen Dialog, Stadträtin Barbara Likus (SPD), Dimitrina Lang, Vorsitzende des Migrationsbeirates, und der neugewählte Stadtrat Nihat Demir (CSU). „Wir hätten gerne Oberbürgermeister Dominik Krause hier gehabt“, sagt Sokol Lamaj, Erster Vorstandsvorsitzender des Muslimrats München. „Wir wollen Brücken bauen und zeigen, dass Muslime gerne und friedlich feiern. Der Islam gehört zu München, etwa 200 000 Menschen muslimischen Glaubens leben in der Stadt.“ Etwa 9000 Leute waren allein am Samstag da, schätzt er.
Getragen wird „München feiert Eid“ durch Spenden, an denen sich die gut 50 muslimischen Gemeinden der Stadt beteiligen. „Unser Ziel ist, das Fest zu etablieren“, sagt Lamaj. Er ist überzeugt: „Das stärkt die Stadtgesellschaft.“ Und es könne Vorbild für andere sein.
Vorteil in München-Riem ist der Kopfbau, hier können Gegenstände gelagert werden und sich die Helfer besprechen. Johannes Simon
Etwa 200 Helfer koordiniert Mustafa Abdalla. Der große, kräftige Mann sprudelt am Ende des ersten Tages gegen 19 Uhr, während andere um ihn herum Teppiche oder Tische in den sogenannten Kopfbau tragen: „Ich habe noch nie so viele verschiedene Menschen gesehen, Akzente und Dialekte gehört wie heute.“ Seine Eltern erzählten immer, wie fröhlich das Zucker- und das Opferfest im Sudan gefeiert werden: mit vielen, vielen Leuten. Die meisten aber hätten hier nur wenig Familie. Heute aber fühle er sich in einer großen, schönen Gemeinschaft.