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Umbruch bei Union Berlin! Marie-Louise Eta (34) war die erste Chef-Trainerin in einem Bundesliga-Klub, jetzt übernimmt Senkrechtstarter und Meistermacher Mauro Lustrinelli (50). Präsident Dirk Zingler (61) erklärt im großen BILD-Interview, was der Schweizer verändern soll. Und warum er sich wünscht, dass alle Gegner wieder genervt sind von den Eisernen.
Herr Zingler, was war Ihr schönster Moment in dieser historischen Saison?
Dirk Zingler: Der Sieg am vorletzten Spieltag in Mainz, weil er so viel Gutes im gesamten Klub erzeugt hat. Er war gut für die Männermannschaft, gut für die Anhänger unseres Klubs, es war der erste Sieg unser Trainerin Marie-Louise Eta. Das hat weniger mit dem Erreichen des Klassenerhalts zu tun, sondern mit der Freude in den Gesichtern aller Unioner.
Was war dagegen der härteste Moment?
Die 1:2-Niederlage gegen Heidenheim Ende November. Wir verloren unglücklich in der Nachspielzeit. Bei der anschließenden Weihnachtsfeier war die Stimmung auf dem Tiefpunkt. In der Nacht ist mein Freund schwer erkrankt und später an der Krankheit gestorben.
Auch sportlich gab es harte Zeiten für Sie. Trainer Steffen Baumgart wurde entlassen, Marie-Louise Eta übernahm für fünf Spiele. Warum haben Sie sich nun für Mauro Lustrinelli als neuen Trainer entschieden?
Sein Profil passte zu unserer Entscheidung, etwas verändern zu wollen. Es kommt nicht oft vor, dass man mit einem neuen Trainer in eine Saison starten kann. Wir waren sieben Bundesliga-Jahre mit unserer Art, Fußball zu spielen, erfolgreich. Unsere Frage war: Wie bleiben wir erfolgreich? Ist es riskanter, den bisherigen Weg noch weiterzugehen, oder ist es riskanter, etwas Neues zu probieren? Mauro Lustrinelli war sehr erfolgreich in der Schweiz, ist Meister mit Thun geworden, war U21-Nationaltrainer. Er hat einen modernen Ansatz, ist sprachlich und kommunikativ sehr begabt. Alles Qualitäten, die gefragt sind, wenn du mit Jüngeren arbeiten möchtest. Den Beckenbauer-Ansatz ‚Geht’s raus und spielt’s Fußball‘ oder Rauchen und Skatspielen im Bus, das gibt es nicht mehr.
„Bei uns steht die menschliche Komponente im Vordergrund“
Lustrinelli soll Unions Spielweise modernisieren. Wie viel Geduld werden Sie haben, aus Ihrer Umschaltmannschaft eine Ballbesitzmannschaft zu machen?
Was ist Geduld? Tabelle, Klassenerhalt, Punkte sind die entscheidenden Kriterien im Profifußball. Aber ein Gegenbeispiel: Wir waren über einen sehr langen Zeitraum bereit, mit Urs Fischer in die 2. Liga zu gehen, auch wenn es dann anders gekommen ist. Grundsätzlich nehmen wir uns immer vor, geduldig zu sein.
Gibt es weitere Gründe für Lustrinelli?
Es waren sehr angenehme Gespräche. Die menschliche Ebene ist immer die Tür, die sich öffnen muss, um sportliche Gespräche zu führen. Also nicht sportliche Gespräche führen, und dann mal gucken, ob es auch menschlich passt.

Union-Manager Horst Heldt (56, l.) zeigt Neu-Trainer Mauro Lustrinelli (50) das Stadion Alte Försterei
Foto: picture alliance/dpa
Woher kommt dieser Ansatz?
Je länger du mit einer Person zusammenarbeitest, desto eher überstehst du Krisen. Schwerwiegender als Ergebniskrisen sind menschliche Krisen. Wenn sich eine Person plötzlich verändert, wenn du nicht mehr gerne mit der Person nach Lösungen suchst, weil man sich nicht mehr riechen oder leiden kann, dann fällt es schwerer, Krisen zu überwinden. Wenn man sich aber gegenseitig unterstützt, dann schleppt man sich viel länger durch die Täler. Bei uns war es noch nie nur die Tabelle, die allein gezählt hat. Bei unseren Führungskräften im Klub steht die menschliche Komponente im Vordergrund.
Zuletzt gab es ein Murren über Unions biedere Spielweise.
Schauen Sie sich die erste Saison 2018/19 unter Urs Fischer an, wo wir im Dezember standen. Das ruckelte und ruckelte und ruckelte, das war kein schöner Fußball. Ich habe neulich eine Mail aus dieser Phase von mir an Oliver Ruhnert und Urs Fischer gefunden. Oha, sage ich nur. Also, der Erfolg der Jahre danach deckt alles ein bisschen zu. Wir sind überzeugt, mit Mauro Lustrinelli und Marie-Louise Eta beide Mannschaften gut besetzt zu haben. Dazu kommt das neue Profitrainingszentrum. Ich habe die Fantasie, dass das gut gehen kann. Darauf freue ich mich schon.
Gibt es den Wunsch, unter Lustrinelli attraktiver zu spielen?
Ich wünsche mir, dass die Neuausrichtung, die wir personell vorgenommen haben, uns gelingt. Dass junge Spieler aus dem Nachwuchszentrum zu den Profis hochkommen. Über allem steht: Spiele gewinnen. Es gibt kein schöneres Erlebnis als das gewonnene Spiel. Also mehr Freude geht ja nicht. Zu gewinnen gegen eine besser spielende Mannschaft. Lange Zeit waren alle genervt, wie wir Fußballspielen. Aber noch mehr genervt hat sie, dass sie gegen uns verloren haben.
Welche Rolle wird Unions Profi-Nachwuchs spielen?
Bei dem rasanten Wachstum unserer Männermannschaft war es kaum möglich, Nachwuchs für dieses Niveau im gleichen Tempo zu entwickeln. Urs Fischer wollte dann Spieler, die international spielen können. Wir hatten das hochveranlagte Talent Oluwaseun Ogbemudia im Verein, er wollte Leonardo Bonucci für die Champions League. Das war verständlich. Uns war klar, dass wir im Nachwuchs das Niveau erhöhen mussten. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, Nachwuchs und Profis zu verzahnen. Und wer kann so etwas gut? Das war das Profil von Lustrinelli.
„Wir haben den Wert unserer Offensivspieler nicht gesteigert“
Wie beurteilen Sie Unions Kader?
Wir sind auf einem guten Weg. Querfeld, Rothe, Kemlein, Ansah, Burcu, Bogdanov, Gray, Güther, Preu, Markgraf und Rückkehrer Ogbemudia – das sind elf Spieler unter 22 Jahren, die alle im Kader oder sogar in der Startelf stehen können. Es ist nicht so, dass wir bei Null anfangen. Aber ich brauche jemanden, der auch Spaß daran hat, diesen Weg zu gehen. Und ich glaube, daran hat Mauro Lustrinelli Spaß. Wir sind ein Klub, der sich auch über Transferlöse finanziert. Und Transferlöse erziele ich nur, wenn ich jungen Spielern den Raum gebe, in dem sie sich entwickeln können.
Ist Union das zuletzt nicht gelungen?
Wenn wir sehr häufig durch Tore nach Standardsituationen gewinnen, und überwiegend mit langen Bällen spielen, habe ich wahrscheinlich den Wert unserer offensiven Spieler nicht gesteigert. Sie treten ja gar nicht in Erscheinung. Das heißt, unser neuer Weg, einen anderen Fußball zu spielen, soll auch die Wahrscheinlichkeit von Transfererlösen erhöhen.
Wo landet Union nächste Saison?
Wir haben zwei Lager in der Bundesliga. Wir haben die Vereine, die international spielen. Da springt mal einer rein, so wie wir 2023/24 in die Champions League. Aber im Grunde sind es immer die gleichen sechs. Bei den zwölf anderen kannst du Achter oder Achtzehnter werden.
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