
(Bild: Oleksandr Polonskyi / Shutterstock.com)
Selenskyj benennt eine Militäreinheit nach der UPA. Polen ist empört. Die historische Einordnung fehlt in deutschen Medien fast völlig. Ein Leitartikel.
Wolodymyr Selenskyj hat am 26. Mai per Dekret einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte den Ehrennamen „Helden der UPA“ verliehen.
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Die Begründung klingt harmlos: Es gehe um die „Wiederherstellung der historischen Traditionen der nationalen Armee“ und die „vorbildliche Erfüllung der übertragenen Aufgaben bei der Verteidigung der territorialen Integrität der Ukraine“.
Kein Wort über die Massaker von Wolhynien. Kein Wort über Zehntausende ermordete polnische Zivilisten. Kein Wort über die Beteiligung an der Verfolgung jüdischer Überlebender. Das Dekret liest sich, als hätte die historische UPA lediglich für die Freiheit gekämpft – und sonst nichts getan.
Genau das macht es so problematisch. Und genau darüber liest man in der deutschen Berichterstattung fast nichts.
Die Welt berichtet über den diplomatischen Streit zwischen Warschau und Kiew, zitiert Polens Ministerpräsident Tusk mit den Worten „Wir haben ein sehr ernstes Problem“ und erwähnt die mögliche Aberkennung des Ordens des Weißen Adlers.
Doch die historische Tiefe fehlt. Man erfährt, die UPA sei „umstritten“. Was genau sie getan hat, bleibt im Ungefähren.
Was die Forschung über die UPA sagt
Die Fakten sind allerdings nicht „umstritten“ – sie sind dokumentiert. Die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) war der militärische Arm der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN).
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Historiker wie Alexander Statiev beschreiben die OUN als „nationalsozialistische Variante einer faschistischen Partei“, deren Führung „von Anfang bis Ende“ faschistisch agierte. Per Anders Rudling charakterisiert beide OUN-Flügel als „totalitär, antisemitisch und faschistisch“.
Grzegorz Rossoliński-Liebe, Historiker an der Freien Universität Berlin, ordnete gegenüber Telepolis die OUN explizit als faschistische Bewegung ein.
Die Forschung verwirft die in der Ukraine verbreitete Deutung eines „spontanen Bauernaufstands“ in Wolhynien. Die Massaker an bis zu 100.000 polnischen Zivilisten in den Jahren 1943 bis 1945 waren eine zentral organisierte „Entpolonisierung“ – geplant von der OUN-Führung, durchgeführt von UPA-Einheiten, die Dorfbewohner teils mit Gewalt als Hilfstrupps mobilisierten.
UPA-Kader beteiligten sich zudem an der Ermordung jüdischer Überlebender, viele der UPA-Täter hatten zuvor in der ukrainischen Hilfspolizei gedient, die an der Auflösung von Ghettos und an Erschießungen mitwirkte.
Polens Empörung ist begründet
Polens Präsident Karol Nawrocki nannte Selenskyjs Schritt „Glorifizierung von Banditen und Mördern“ und erklärte, die Ukraine sei „im Hinblick auf die Glorifizierung der UPA mental nicht bereit, Teil der europäischen Familie zu sein“.Er will am 8. Juni die Aberkennung des Ordens des Weißen Adlers für Selenskyj vorschlagen.
Unterdessen hat Polen bereits auf diplomatischem Weg protestiert: Am 28. Mai bestellte das Außenministerium in Warschau den ukrainischen Botschafter ein, am 29. Mai sprach der polnische Geschäftsträger in Kiew mit Vize-Außenminister Olexandr Mischenko. Kiew entgegnete, die Benennung stehe für den Widerstand gegen Moskaus Imperialpolitik und richte sich nicht gegen Polen. Aber auch das ist eine einseitige Geschichtsdeutung.
Der polnische Premierminister Donald Tusk warnte seinerseits, wenn beide Präsidenten zu „Anführern historischer Streitigkeiten“ würden, gebe es im Kreml „wirklich Grund zur Freude“.
Die Warnung ist berechtigt – aber sie entbindet niemanden davon, die Dinge beim Namen zu nennen. Die Ukraine hat 2015 ein Gesetz verabschiedet, das OUN und UPA offiziell als „Kämpfer für die Unabhängigkeit“ einstuft und öffentliche Leugnung der Legitimität dieses Unabhängigkeitskampfes für rechtswidrig erklärt.
Selenskyjs Dekret ist also kein Ausrutscher, sondern Konsequenz einer seit Jahren kodifizierten Geschichtspolitik, die eine Organisation mit faschistischer Ideologie und dokumentierter Massenmord-Bilanz zu Nationalhelden verklärt.
Deutsche Medien müssen einordnen, nicht nur berichten
Wer die Ukraine gegen Russlands Angriffskrieg unterstützt – und dafür gibt es gute Gründe –, muss trotzdem klar benennen, was hier passiert. Solidarität kann nicht bedeuten, bei der Verklärung von Täterorganisationen wegzuschauen.
Deutschland trägt als Haupttäterland des Holocausts und als zentrale Unterstützermacht der Ukraine eine doppelte Verantwortung. Deutsch-polnische Erfahrungen zeigen, dass belastete historische Konflikte nur dann lösbar werden, wenn beide Seiten die Kernfakten der Gewalt anerkennen.
Strafrechtliche „Erinnerungsgesetze“ – ob das polnische IPN-Gesetz oder das ukrainische „Helden-Gesetz“ – produzieren dagegen neue Konflikte, weil sie alternative Deutungen kriminalisieren.
Am Beispiel Babyn Jar zeigt sich, wie schwer das Gedenken an verschiedene Opfergruppen schon innerhalb der Ukraine ist. Die Ehrung der UPA als „Helden“ macht es nicht leichter. Sie macht es unmöglich.
Ein verkürztes Etikett wie „umstrittene Partisanen“ reicht nicht. Wer über die UPA schreibt, muss über Wolhynien schreiben. Über 100.000 tote Zivilisten. Über die Beteiligung am Holocaust. Über faschistische Ideologie. Alles andere ist kein Journalismus – es ist Auslassung.