Historisch sei die Rüstungsproduktion stark von Manufakturstrukturen geprägt, sagt Germar Schröder, Partner und Lead Defense, Security & Justice bei Deloitte Deutschland. „Traditionelle Rüstungsproduktion ist in vielen Fällen Werkstattfertigung“, sagt er. Viele Systeme entstehen in kleinen Stückzahlen mit hohem Individualisierungsgrad – ganz anders als in klassischen Konsumindustrien. Gleichzeitig drängen neue Akteure aus dem Dual-Use-Umfeld in den Markt. Sie bringen industrielle Skalierungserfahrung aus zivilen Branchen mit und sehen darin einen Wettbewerbsvorteil. Produktionslinien, die ursprünglich für zivile Produkte ausgelegt waren, könnten mit vergleichsweise geringen Anpassungen auch militärische Güter herstellen. Der zentrale Engpass liegt nach Schröders Einschätzung weniger in fehlender industrieller Kompetenz als in der Unsicherheit über zukünftige Volumina. Investitionen in Serienfertigung rechnen sich nur bei langfristig gesicherten Abnahmen. Gerade mittelständische Zulieferer stehen vor der Herausforderung, in Vorleistung gehen zu müssen, ohne klare Planungssicherheit.
Die Diskussion über Produktionssteigerungen werde häufig auf Lagerbestände reduziert. Schröder warnt vor dieser Verkürzung. Entscheidend sei nicht nur, vorhandene Bestände aufzufüllen, sondern auch die Fähigkeit, im Krisenfall kontinuierlich nachzuliefern. „Es geht um die Abwägung zwischen Lageraufbau und Produktionskapazität“, sagt er. Vorhaltekapazitäten – also ungenutzte, aber aktivierbare Produktionsressourcen – sind teuer, aber strategisch unverzichtbar..
Die wirtschaftliche Schwäche einzelner Industriezweige eröffnet gleichzeitig Chancen. „Leerkapazitäten stehen zur Verfügung und sollen genutzt werden“, sagt Schröder. Metallverarbeitung, Maschinenbau oder Fahrzeugtechnik könnten mit überschaubaren Anpassungen militärische Komponenten produzieren.
Brisante Transformation: Warum Werkstattfertigung nicht einfach zur Serie wird
Ein bemerkenswerter Trend ist die zunehmende Rekrutierung von Managern aus der Automobilindustrie. Sie bringen Erfahrung mit hochautomatisierten Produktionssystemen, Lean-Methoden und Kostenoptimierung mit. Aus Schröders Sicht kann dieses Know-how entscheidend sein, um die Effizienz zu steigern. „Shopfloor-Know-how aus der Automobilindustrie kann nur helfen“, sagt er. Gerade bei Automation und Prozessmanagement habe die Autoindustrie enorme Fortschritte erzielt. Gleichzeitig hängt der Nutzen stark von der Ausgangslage ab. Wer bereits über industrielle Serienfertigung verfügt, kann diese optimieren. Wer jedoch von einer Werkstattproduktion startet, steht vor einer grundlegenden Transformation.
Die Modernisierung bestehender Anlagen ist nicht immer der effizienteste Weg. Schröder hält es in vielen Fällen für realistischer, neue Produktionslinien parallel aufzubauen, statt vorhandene Strukturen vollständig umzubauen. „Eine Werkstattfertigung in eine Serienfertigung zu transformieren, ist eine Herausforderung“, betont er.
Digitale Technologien spielen ebenfalls eine wachsende Rolle. Digitale Zwillinge ermöglichen kostengünstige Tests und Simulationen, bevor reale Prototypen gebaut werden. Gleichzeitig stellen Fragen der Datensouveränität – etwa bei Cloud-Lösungen – oft noch ein Hindernis dar. „Wir sind noch weit weg vom Software-Defined-Defense-Paradigma“, sagt Schröder. Insbesondere komplexe Systeme bestehen aus isolierten Steuerungen, die nur schwer integriert oder aktualisiert werden können.