Vor einigen Jahren rief ein Bekannter an, er spielte früher Kontrabass bei den Göteborger Symphonikern und geht als Ruheständler privat in die Premieren. Neulich habe er eine Sensation erlebt, nämlich eine „Götterdämmerung“, in der er sich keine Sekunde gelangweilt habe. Diese Formulierung bleibt natürlich hängen, denn die letzte Oper aus Wagners „Ring“-Vierteiler hat Längen; mit Pausen dauert eine Aufführung bisweilen mehr als sechs Stunden. Es kommt vor allem auf den Dirigenten an, damit das Monsterstück nicht wie ein Wackerstein auf dem Publikumsgemüt lastet.
Der Mann am Pult war damals, im Dezember 2021, der deutsch-amerikanische Dirigent Evan Rogister. Im Internet gibt es Szenenausschnitte von damals, die den 46-jährigen Künstler als einen vitalen, dynamischen Wagner-Dirigenten ausweisen. Die Opernfreunde im Rheinland dürften diese biografischen Details interessieren, denn Rogister wird zur Spielzeit 2027/2028 neuer Generalmusikdirektor (GMD) der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg. Die künftige Generalintendantin Ina Karr hat ihn in Abstimmung mit den beiden Orchestervorständen ausgesucht, jetzt wurde er dem Aufsichtsrat vorgestellt.
Die Vorschusslorbeeren sprießen gewaltig: Karr lobt Rogisters „außergewöhnlich breites Repertoire – von Mozart bis hin zur zeitgenössischen Musik“ sowie die „große Wagner- und Strauss-Expertise“. Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephen Keller preist, dass der neue Mann „international erfahren“ sei, der Duisburger Amtskollege Sören Link die „große Vertrautheit mit dem Opernbetrieb“.
Die entscheidenden Fragen lauten stets: Was hat jemand wo mit welchem Erfolg gemacht? Nun, Rogister dirigierte an großen Häusern und bei wichtigen Festivals mit schöner Konstanz; häufig gab es Wiedereinladungen: an der Metropolitan Opera in New York, dem Opernhaus Zürich, der Semperoper Dresden, an der Sydney Opera, der Deutschen Oper Berlin, beim Glyndebourne Festival im Süden Englands oder beim Festival d‘Aix-en-Provence. Das alles sind erste Adressen. Von 2018 bis 2025 war er Chefdirigent der Washington National Opera und verließ das Haus, bevor US-Präsident Donald Trump sich vehement einzumischen begann.
Nun wird Rogister also GMD eines deutschen Hauses. Dass er gleich die Brücke eines Riesentankers betritt, ist ihm bewusst: „Die Deutsche Oper am Rhein ist ein Leuchtturm mit außergewöhnlicher Strahlkraft, enormer künstlerischer Vielfalt und starker regionaler Verankerung.“ Aus internationaler Perspektive sei insbesondere die langjährige Theaterpartnerschaft beider Städte „ein Modellbeispiel für gelingende Zusammenarbeit“, so Rogister: „Mit den Düsseldorfer Symphonikern und den Duisburger Philharmonikern, dem Chor, einem großen Ensemble, Ina Karr und einem engagierten Team langfristig etwas aufzubauen – darauf freue ich mich sehr.“
Rogisters Werdegang kündet von einem spannenden Spagat, er nennt ihn sein „Lebensglück“. Er erzählt: „Ich bin in zwei musikalischen Welten zuhause – wegweisend waren meine deutsche Großmutter, eine Sängerin, später dann die Ausbildung an der Juilliard School sowie die Zeit als Kapellmeister an der Deutschen Oper Berlin.“ Das deutsch-amerikanische Spannungsfeld „zwischen Tradition und Moderne, zwischen deutschen Klangwelten und amerikanischer Innovationskraft“ habe sein Berufsleben geprägt: „Ich bin eine Melange: Deutscher und Amerikaner, Dirigent und Fußballfan, Wagner und Weill, Washington und Berlin – und künftig Düsseldorf und Duisburg.“ Nun, der Fußballfan Rogister wird bei seinen beiden künftigen Heimmannschaften, der Fortuna und dem MSV, seine Leidensfähigkeit und seinen Optimismus trainieren können.
Bevor er an den Rhein kommt, hat Rogister in der kommenden Saison transatlantisch einiges zu tun: Zunächst kehrt er zum Glyndebourne Festival zurück, wo er das Orchestra of the Age of Enlightenment in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ leitet. Das ist ein aufschlussreiches Detail, denn dieses Orchester spielt auf historischen Instrumenten und wurde von Dirigenten wie Roger Norrington, Frans Brüggen, Ton Koopman, Philippe Herreweghe oder Charles Mackerras geprägt. Über seinen „Don Giovanni“ von 2023 schrieb der „Guardian“: „Rogister bevorzugt oft halsbrecherisches Tempo statt dramatischer Schwere; das Orchester spielt mit drahtiger Schlankheit und bewundernswerter Klarheit.“
Weitere Höhepunkte der nächsten Spielzeit: Konzerte mit dem Opernorchester in Kopenhagen (dort hat er jüngst George Benjamins „Written of Skin“ verantwortet), Verdis „Rigoletto“ am Teatr Wielki (Polnische Nationaloper), Debussys „Pelléas et Mélisande“ in Philadelphia sowie Bizets „Carmen“ in Bordeaux. Und dann dirigiert Rogister erneut an der New Yorker Met.
Rheinopern-Fans treibt natürlich die Neugier um, wie gut Rogister seinen Wagner denn wirklich beherrscht. Von 2018 bis 2022 leitete er jenen vollständigen „Ring“-Zyklus in Göteborg; die Kritikerkollegen von „Svenska Dagbladet“, der wichtigsten schwedischen Tageszeitung, attestierten ihm ein „Gold von höchster Karat-Stufe“. Darüber hinaus dirigierte Rogister „Tannhäuser“ und „Rienzi“ in Berlin sowie „Lohengrin“ am Bolschoi-Theater Moskau und in Stockholm.
Nicht minder freut man sich, dass Rogister die Ränder des Repertoires nicht verschmäht: Dazu zählen Schönbergs „Erwartung“ (in Göteborg und Seattle), Szymanowskis „König Roger“ (in Santa Fe) oder André Previns „A Streetcar Named Desire“ (Chicago). Und immer wieder modernes Repertoire mit jungen Musikerinnen und Musikern sowie Meisterklassen und Coachings im Rahmen der Education-Abteilung der New Yorker Met.
Der Nachwuchs und ein cooles Programm für das jugendlich-kindliche Publikum liegen ihm ohnehin am Herzen. Das umfasst ja weit mehr als „Hänsel und Gretel“ zur Weihnachtszeit. Apropos: Dieses Meistermärchen von Humperdinck hat er 2008 bei seinem Debüt in Houston dirigiert.