Leopoldshöhe. Zerstörte Bushaltestellen, achtlos entsorgter Müll und wahllose Schmierereien sind der Gemeinde Leopoldshöhe ein Dorn im Auge, schließlich binden die Reparaturen und Instandsetzungen Gelder, die an anderer Stelle besser verausgabt werden könnten. Nachdem im Jahr 2023 ein für Leopoldshöher Verhältnisse vergleichsweises hohes Aufkommen an Vandalismus und Verschmutzung beobachtet werden konnte, plädierte Ratsmitglied Andreas Brinkmann für einen Strategiewechsel hinsichtlich der Causa.

Kurzerhand installierte Brinkmann einen Postkasten vor dem Rathaus, in den Leopoldshöher Bürgerinnen und Bürger Ideen, Impulse und Inspirationen für die Kommunalpolitik einwerfen konnten. „Die Idee dahinter war, einerseits eine Möglichkeit für Dialog zu schaffen und andererseits verschiedene kreative Zugänge und Perspektiven auf das Vandalismusproblem zu eröffnen“, erklärt Andreas Brinkmann. „Zu diesem Zeitpunkt hätte ich aber nicht erahnen können, worin dieses Unterfangen mal münden wird“, ergänzt Brinkmann.

Denn der Aufruf findet auf Umwegen seinen Weg zu Till Neuhaus. Neuhaus arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld und beschäftigt sich dort unter anderem mit Entscheidungsprozessen sowie Faktoren, die Entscheidungen beeinflussen können, wie es in einer Mitteilung heißt. Nach einem Blick in die Theorie sowie der Sichtung von bereits realisierten Praxisbeispielen schlägt Neuhaus ein Konzept vor, das unter dem „Nudging“ (vom englischen Verb „to nudge“, anstupsen) bekannt geworden ist.

„Anstupser“ erweisen sich als erfolgreich

„Die Idee ist, durch gezielte Impulse – zum Beispiel Ansprachen oder Veränderungen in der direkten Umwelt – erwünschte Entscheidungen wahrscheinlicher zu machen, wie es weiter heißt. Und das ohne Verbote oder Sanktionen auszusprechen, sondern lediglich durch ein gezieltes Anstupsen“, sagt Neuhaus. Bekannte Beispiele für erfolgreiche Nudges sind Aufkleber von Fliegen in Urinalen oder das Ausweisen eines Nutri-Scores auf Lebensmitteln.

„Obwohl es sich bei diesen Maßnahmen lediglich um Kleinigkeiten handelt, haben diese teils enorme Effekte. Die Fliege im Urinal führte beispielsweise zu einer 80-prozentigen Reduktion der Verschmutzung in Flughafentoiletten und spart so eine Menge Geld“, erklärt Neuhaus. Praxisbeispiele, theoretischer Unterbau und Statistiken schienen auch Andreas Brinkmann vom Ansatz des „Nudging“ zu überzeugen, doch früh wurde klar, dass noch weitere Akteure benötigt werden, um eine effektive Kampagne auf die Beine zu stellen.

„Bei einem Projekt im Bereich Vandalismus ist es ausgesprochen wichtig, nah an Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu sein“, sagt Andreas Brinkmann. Um diese Expertise mit abbilden zu können, wandte sich Brinkmann an das Jugend- und Familienzentrum Leos, dessen Leiterin, Sandra Linnenbecker, ebenso Teil des Projekts wurde.

Zusammen mit weiteren Akteuren der Gemeinde entwickelte die Gruppe Slogans und Designs für Plakate, Aufkleber und Sticker, die 2024 durch Mitarbeiter des Bauhofes in der Gemeinde angebracht wurden. Ein Jahr später, im Sommer 2025, konnte eine positive Bilanz gezogen werden.

„Der Bauhof und weitere Teile der Gemeinde meldeten zurück, dass Vandalismus und Vermüllung grundsätzlich abgenommen haben und so Geld gespart werden konnte“, sagt Andreas Brinkmann.

Doch kurz nachdem die Bilanz im Leopoldshöher Rat publik gemacht worden ist, kam es erneut zu einem erhöhten Aufkommen an zerstörten Bushaltestellen und Graffitis. „Impulse dieser Art können wirken, doch es besteht eben auch die Gefahr, dass diese sich mit der Zeit abnutzen und nicht mehr den gewünschten Effekt erzielen“, erklärt Neuhaus.

Jugendliche und junge Erwachsene einbeziehen

Und um das Thema Vandalismus, Vermüllung und Verschmutzung wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, entwickelte die Gruppe eine neue Idee. „Im zweiten Durchgang setzen wir bewusst stärker auf Partizipation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen“, sagt Sandra Linnenbecker. Um die Perspektiven von Jugendlichen einzubinden, kontaktierte Linnenbecker die Felix-Fechenbach-Gesamtschule und fragte, ob es Schüler gäbe, die Interesse hätten das Projekt mit Entwürfen und Ideen zu unterstützen.

Die Anfrage wurde an die Kunstlehrerin Seher Tunali weitergeleitet, die zusammen mit den Schülern der 9. Jahrgangsstufe Entwürfe zum Thema entwickelte. „Wir haben eine ganze Reihe starker Entwürfe vorgelegt bekommen. Leider können wir nicht alle umsetzen“, wird Sandra Linnenbecker in der Mitteilung zitiert.

Um zu entscheiden, welche Entwürfe zukünftig an den Leopoldshöher Mülleimern kleben werden, versammelte sich die Projektgruppe erneut und agierte dieses Mal als Jury. Unterstützt wurden sie dabei von dem Schüler Connor Smok. Er legt gegenwärtig die letzten Abiturprüfungen ab und beginnt im Anschluss seinen Bundesfreiwilligendienst im Jugend- und Familienzentrum Leos. Das Gremium konnte sich auf sechs Entwürfe verständigen, wobei vier als Sticker auf Mülleimern angebracht werden sollen, zwei weitere dienen als Grundlage für Plakate, die in der Gemeinde aufgehängt werden sollen.

„Wir übergeben Entwürfe jetzt einem Grafiker, der die Skizzen professionell umsetzt“, sagt Linnenbecker. „Ich bin gespannt, wie die finalen Produkte aussehen werden, und bin insgesamt begeistert von der Form, die das Projekt inzwischen angenommen hat. Vielleicht entsteht daraus auch ein jährlicher Wettbewerb“, sagt Neuhaus. Und natürlich wird auch an die Schüler der Felix-Fechenbach-Gesamtschule gedacht. „Für ihre Kreativität und Mühe wird das Leos ein kleines Dankeschön organisieren“, sagt Linnenbecker.