Der Beitrag erschien bereits im Nordkurier. Aufgrund des großen Interesses veröffentlichen wir ihn erneut.

„Noch einmal, Mama“, ruft der Junge und klatscht in die Hände, wippt erwartungsvoll. Seine Mutter holt tief Luft – doch dann stockt sie. „Die Affen rasen durch den Wald“, das Lied war in ihrer Kindheit „ganz normal“. Jetzt ist sie unsicher: Kann man das singen – oder steckt in den Zeilen mehr als eine aufgekratzte Tierhorde? Debatten um politisch korrekte Sprache haben Kinderzimmer und Kitas längst erreicht.

„Drei Chinesen mit dem Kontrabass“, der „spannenlange Hansel“ und die „nudeldicke Dirn“ gehörten lange ins Repertoire jeder Bildungseinrichtung – gehören es teils immer noch. Letzteres ist aus Sicht des Musikethnologen Nepomuk Riva ein Problem.

Der Musikethnologe Nepomuk Riva stellt das Liedgut für Kinder auf den Prüfstand.Bild vergrößern

Der Musikethnologe Nepomuk Riva stellt das Liedgut für Kinder auf den Prüfstand. (Foto: nepomuk-riva.de)

„Rassismus passt nicht zu inklusiver Pädagogik“

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Er hat zuletzt das Projekt „Fairplay in der Musikpädagogik – Kultursensibler Umgang mit Kindermusik“ geleitet, eine Fortbildungsinitiative für Pädagogen, gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Thüringer Landesmusikakademie Sondershausen. „Dinge wie Rassismus, Bodyshaming oder Gewalt passen nicht mehr zu unserem Anspruch einer inklusiven Pädagogik“, erklärt Riva.

Der Reiter darf nicht vom Pferd fallen. Hier wird das Spiel drohend mit einem Kindstod verbunden – das ist nicht mehr zeitgemäß.

Nepomuk Riva, Musikethnologe

Auch scheinbar harmlose Reime wie „Hoppe, hoppe Reiter“ fallen für den Forscher in diese Kategorie. „Das Lied hatte früher eine pädagogische Funktion“, erläutert er: „Der Reiter darf nicht vom Pferd fallen. Hier wird das Spiel drohend mit einem Kindstod verbunden, das ist nicht mehr zeitgemäß.“

Dorota Wilke, Pressesprecherin des Vereins Deutsche Sprache, warnt davor, Kinderlieder zu verwoken.Bild vergrößern

Dorota Wilke, Pressesprecherin des Vereins Deutsche Sprache, warnt davor, Kinderlieder zu verwoken. (Foto: privat)

Kinderlieder anders lesen als Kafka

Klassiker wie „Hoppe, hoppe Reiter“ zu tabuisieren, davon hält die Sprecherin des Vereins Deutsche Sprache, Dorota Wilke, hingegen eher wenig. Im Gegenteil: „Die Tradierung alter Lieder und Ausdrucksweisen ist eine Bereicherung für Kinder und vermittelt ihnen ein tieferes Verständnis auch für die Entwicklungen, die eine moderne Sprache durchläuft“, sagt sie. „Sprache ist facettenreich und sollte es auch bleiben. Es ist schlicht realitätsfern, alles zu canceln und bei jeder Kleinigkeit pädagogisch durchzudrehen.“

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Sicher seien bestimmte Ausdrücke auszuklammern, allen voran rassistische. Aber die Unterstellung, der Reiter-Reim würde Gewaltfantasien vermitteln, gehe über das gewünschte Ziel hinaus. Im Lied „Die Affen rasen durch den Wald“ eine fremdenfeindliche Gesinnung zu vermuten, sei ebenso „absolut fehl am Platz“, mahnt Wilke. „Das sind Stellvertreter-Befindlichkeiten. Es geht hier um Tiere und nicht um Menschen, das ist nicht Kafka, sondern immer noch ein Kinderlied.“

Viele wollen alte Lieder nicht loslassen

Das sieht Riva anders. Entscheidend sei, welches Weltbild man Kindern vermitteln wolle. Bei Kinderbüchern sei eine inklusive Sprache bereits weit verbreitet, bei Liedern sehe das anders aus, beklagt der Pädagoge. „Vielerorts wehren sich Menschen beharrlich dagegen, alte Lieder nicht mehr zu singen“, hat er beobachtet. „Die alten Lieder verbinden viele mit schönen Kindheitserinnerungen. Deshalb fällt es schwer, sie kritisch zu betrachten.“ Dafür habe er durchaus Verständnis.

Lieder zu ‚verwoken‛, mag einer guten Gesinnung entspringen, tut aber weder Kindern noch Erwachsenen einen Gefallen.

Dorota Wilke, Sprecherin des Vereins Deutsche Sprache

Wichtig ist ihm aber: „Es geht nicht um das gesamte klassische deutsche Liedgut, sondern nur um etwa ein Dutzend der bekannten Kinderlieder. Viele der wirklich kritischen sind im Übrigen erst im 20. Jahrhundert entstanden, waren also nicht schon immer da.“ Um Rhythmus und Melodie zu erhalten, existieren von den meisten heiklen Texten inzwischen angepasste Versionen — oft als „woke“ verschrien. Das sieht Riva wiederum kritisch: Sinnvoller sei es, Neues zu schaffen, das mehr der heutigen Lebensrealität von Kindern entspreche.

Reflexion als Erziehungsaufgabe

Dorota Wilke hält dagegen: „Lieder zu ‚verwoken‛, mag einer guten Gesinnung entspringen, tut aber weder Kindern noch Erwachsenen einen Gefallen.“ Kinder vor Worten, die nun einmal existierten, beschützen zu wollen, nehme ihnen ein Stück Freiheit in ihrer Entwicklung und sei schlicht realitätsfern. „Es ist vielmehr Aufgabe der Eltern, mehr zu erklären und einzuordnen“, so Wilke.

Einig sind sich die beiden Fachleute darin: Am Ende liege die Verantwortung bei den Eltern. Entscheidend sei ein reflektierter Umgang mit Kultur. Und ein wenig mehr Gelassenheit und Reflexion statt pauschaler Urteile – das täte generell wohl auch anderen gesellschaftlichen Bereichen gut.