Schülerinnen schreiben auf einen Block.

AUDIO: Lehrkräfte werden zu Ermittlern: So wird mit KI an Schulen betrogen (1 Min)

Stand: 02.06.2026 17:15 Uhr

Es ist längst nicht mehr der Spickzettel in der Federmappe: Betrug mit Künstlicher Intelligenz (KI) beschäftigt viele Schulen in Niedersachsen – und ist für Lehrkräfte oft nur schwer nachweisbar.

von Kristin Häfemeier, Isabel Lerch und Svenja Nanninga

Als Kai Kämmerer vor zwei Jahren eine Abiturprüfung im Fach Englisch korrigiert, fällt ihm etwas auf. „In diesem Fall gab es eine Abweichung, die weit über das hinaus ging, was ich in 25 Jahren Diensterfahrung gesehen habe“, sagte der Lehrer der Goetheschule Hannover dem NDR Niedersachsen. Ihm sei bewusst geworden, dass er näher hinschauen müsse – und die Vermutung sei aufgekommen, dass der Text mit KI erstellt wurde. Kämmerer nahm die Sprache daraufhin genauer unter die Lupe, glich sie mit KI-Antworten ab. Im Gespräch mit dem NDR vergleicht er diese Arbeit ein wenig mit Polizeiarbeit. Das sei frustrierend für Lehrer, die Menschen bilden und fördern möchten.

NDR Umfrage: Verdachtsfälle zu KI-Betrug gab es an zahlreichen Schulen

Eine nicht repräsentative Umfrage des NDR zeigt, dass Kämmerer mit seinem Erlebnis nicht allein ist. Fast 70 Prozent der teilnehmenden Schulleiterinnen und Schulleiter gaben an, dass es an ihrer Schule bereits einen Verdachtsfall von Betrug mit KI gegeben habe. Eine Entwicklung, die auch unter Schülerinnen und Schülern nicht überrascht: „Ich habe eigentlich nur darauf gewartet, dass es auch mal in einer Abiturprüfung passiert“, sagte etwa Schülerin Nele Scharf dem NDR Niedersachsen. Dass es Betrug in normalen Klausuren gebe, bezeichnete sie als „Gang und Gäbe“.

Für die Auswertung hat NDR Data gemeinsam mit dem NDR Niedersachsen im Sommer 2025 eine nicht repräsentative Umfrage unter allen weiterführenden Schulen in Niedersachsen durchgeführt.

Dabei wurden Schulleitungen und Lehrkräfte jeweils einzeln zu verschiedenen Fragestellungen rund um KI befragt. Es ging dabei etwa um Einsatzmöglichkeiten von KI, Vorgaben oder Mobbing. Geantwortet haben mehr als 500 Lehrkräfte und über 100 Schulleitungen.

Verdachtsfälle müssen mit Beweisen belegt werden

Ein Lehrer steht mit einem Tablet in der Hand vor einer Tafel.

Lehrer Kai Kämmerer wünscht sich für die Zukunft Änderungen bei den Prüfungsformaten.

Besteht so ein Verdachtsfall, wird es allerdings schwierig. Korrigierende Lehrer sind in der Beweispflicht. Im Fall der Abiturprüfung auf dem Korrektur-Tisch von Kai Kämmerer legte die betroffene Person Widerspruch gegen die Bewertung mit Null Punkten ein. „Es gibt dann keine wortwörtliche Quelle“, sagte Kämmerer. Jeder Text sei einzigartig, werde nicht ein zweites Mal in genau gleicher Form generiert. „Rein rechtlich sah sich die Behörde nicht in der Lage, das als nachweislichen Täuschungsversuch zu werten,“ so der Lehrer weiter. Es musste die Chance auf eine mündliche Nachprüfung geben.

Betrug mit Mini-Kopfhörern und Kameras

KI-Einsatz nachzuweisen sei schwierig, teilte das zuständige Regionale Landesamt für Schule und Bildung (RLSB) mit. In sehr seltenen Fällen könnten Zeugenaussagen Aufschluss geben oder genutzte Geräte mit entsprechenden Dateien würden entdeckt, sagte Bernd Kaufmann vom RLSB. Mit technischen Mitteln könne KI-Nutzung noch nicht nachgewiesen werden. Technik wiederum ist beim Schummeln selbst eines der Stichwörter: Im Internet werben Anbieter offensiv mit kleinen Kameras und Kopfhörern, die etwa in Prüfungssituationen zum Einsatz kommen können. Entsprechende Anleitungen gibt es in Videoform dazu, wie die Recherche des NDR Niedersachsen zeigte.

Schulleiter: Schülern darf nicht hinterher spioniert werden

Ein Mann mit Brille und Bart sitzt mit dem Rücken zu einem Schreibtisch.

Schülerinnen und Schülern dürfe auch nicht hinterher spioniert werden, sagte Schulleiter Michael Schneemann.

Dass es solche Mittel gibt, ist auch an der Goetheschule in Hannover bekannt. Lehrerinnen und Lehrer haben das im Auge. „Als ich so alt war, wie Abiturientinnen und Abiturienten jetzt, hat 007 mit so etwas Bösewichte gejagt“, sagte Schulleiter Michael Schneemann. Man könne aber auch nicht „in eine Situation reinkommen, wo wir Schülerinnen und Schülern hinterher spionieren“, so Schneemann. Sie seien in Prüfungssituationen und stünden unter Stress.

Änderung bei Prüfungsformaten nötig?

„Wir bräuchten Aufgaben, die viel, viel enger zugeschnitten sind auf das, was im Klassenraum passiert ist“, sagte Lehrer Kai Kämmerer. Das Land Niedersachsen arbeitet derweil an neuen Prüfungsformaten, wie das Kultusministerium mitteilte. KI kann den Angaben zufolge ein Hilfsmittel bei neuen Formaten sein, etwa in der gymnasialen Oberstufe. „Entscheidend ist dabei, dass die Schülerinnen und Schüler nicht nur ein Produkt vorlegen, sondern den Entstehungsprozess kritisch reflektieren“. Entscheidungen müssten begründet und KI-Einsatz transparent dargestellt werden.

Ein Schüler einer fünften Klasse macht sich Notizen, während neben ihm ein Tablet zu sehen ist.

Eine Auswertung zeigt: KI bietet neue Chancen im Schulalltag. Gleichzeitig wächst die Sorge vor neuen Betrugsmöglichkeiten.

Auf einem Smartphone ist die Seite der Beratungsplattform "JUUUPORT" aufgerufen.

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Vier Schüler sitzen in einem Klassenraum und arbeiten an einem Projekt.

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