Ob mit Pinsel, Bleistift oder Kreide, ob auf Holz, Karton oder Packpapier, ob Batik, Häkeleien oder Aquarelle: Die Techniken und Materialien, die der Düsseldorfer Künstler René Moraldo nutzt, sind vielfältig – genau wie seine Kunstwerke, die die ganze Bandbreite seines Schaffens von den 1960er-Jahren bis heute abbilden. Darunter sind neben Fotografien, Selbstbildnissen und eigens geschneiderten Kostümen auch Porträts berühmter Musiker wie etwa Jim Morrison sowie eine Nachbildung von Claude Monets berühmtem „Seerosenteich“ – aus Wolle und Tüll. Zeitkritische Gemälde oder Plakate, mit denen Moraldo etwa den Ukraine-Krieg oder „Queerness“ künstlerisch verarbeitet, gehören ebenfalls zur beeindruckenden Werkschau. Zu sehen ist diese unter dem Titel „Retrospektive“ noch bis Ende Juni im Caritas Zentrum plus an der Eugen-Richter-Straße – als Zeugnis eines bewegten, facettenreichen Lebens und Künstlerdaseins.

Von Baden-Baden an die Kaiserswerther Straße

Geboren wurde der heute 80-jährige Moraldo in Baden-Baden als Sohn einer Deutschen und eines französischen Soldaten mit italienischen Wurzeln. Zwei Jahre später zog er nach Düsseldorf ins Haus der Großeltern an der Kaiserswerther Straße, wo er als Junge den Bau der Theodor-Heuss-Brücke im Jahr 1957 hautnah miterlebte. Schon im Kindergarten entdeckte Moraldo seine Leidenschaft fürs Verkleiden. Lieber als mit Autos habe er mit Puppen gespielt, ihnen Zöpfe geflochten und Kostüme geschneidert, wie er erzählt. Seine erste Puppe sei ein Geschenk seiner Mutter gewesen. Schon früh bemerkte sie, dass ihr Sohn „anders“ ist und bestärkte ihn darin. Jahre später begleitete sie ihn sogar in Bars zum Tanzen. „Sie hat mich immer unterstützt und war die Kraft gegen meinen Vater, der sehr streng war“, sagt Moraldo. In seiner Schulzeit förderten Lehrer der Montessori-Schule sein Talent fürs Malen und Modellieren. „Sie ließen mich zu Weihnachten Strohsterne und Krippenfiguren basteln, während die anderen Kinder rechnen mussten“.

Ballettschüler, Lehrling und Lehramtsstudent

Bisher habe er noch nie seine Kunst ausgestellt, „einzigartig und einmalig“ sei deshalb die Möglichkeit, die ihm Nana Buadze biete, die Leiterin des Zentrum plus in Mörsenbroich. Wie er verrät, sei sein Traumberuf als Jugendlicher eigentlich nicht Künstler, sondern Balletttänzer gewesen. Gerne habe er Aufführungen im Fernsehen angeschaut, mit zwölf Jahren habe er dann selbst zwei Jahre lang klassischen Ballettunterricht genommen – eingeweiht war nur seine Mutter.

Nur widerwillig begann Moraldo danach seine Lehre zum Schaufensterdekorateur im Kaufhof an der Kö – lieber hätte er weitergetanzt. Stattdessen lernte er, zu nähen und Schaufenster zu bespannen. Es war keine einfache Zeit, wie er sich erinnert. „Uns Lehrlinge hat man ganz schön herumgescheucht, der Umgangston war rau.“ Nach einer weiteren Lehre zum Verkäufer war er in verschiedenen namhaften Häusern tätig – und stieg schließlich zum Berater und Verkäufer für junge Herrenmode auf. Doch Moraldo wollte mehr und holte mit Anfang 30 auf dem Abendgymnasium sein Abitur nach, um Kunst und Textilgestaltung auf Lehramt an der pädagogischen Hochschule in Neuss zu studieren.

Auftritte als Josephine Baker

In seiner Freizeit ging er gerne in Bars wie das Nähkörbchen in der Altstadt oder in Diskotheken wie das Le Pirate auf der Berger Straße. Besonderen Spaß hatte er daran, an Karneval im Kleid und mit Stöckelschuhen durch die Stadt zu laufen – und die Blicke auf sich zu ziehen. „Travestie und Collagen“ lautete dann später auch der Titel seiner Examensarbeit. Normalerweise habe er sich nur an Karneval als Frau verkleidet, sagt er. Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre aber macht er daraus eine Inszenierung im Café Namenlos an der Kölner Straße, dem ersten queeren Zentrum Düsseldorfs – und schlüpft hierbei in die Rolle der Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin Josephine Baker, die neben der Designerin Vivienne Westwood eine seiner Ikonen ist.

Ein Plakat zum ersten CSD in Kassel

In der Laudatio eines Freundes auf Moraldo, anlässlich der Vernissage zur Ausstellung, sagt er, Moraldo habe sich selbst ausgestellt, ausgehalten „als schwuler Mann begafft und bewertet zu werden“ – und sich damit aktivistisch für die Sichtbarkeit queerer Menschen eingesetzt. Und das tat Moraldo nicht nur auf künstlerische Weise, sondern auch im Schwulenreferat an der Uni Düsseldorf und später an der Uni Kassel. Dort organisierte er den ersten Christopher Street Day im Jahr 1992 mit und entwarf dafür ein Plakat, das ebenfalls Teil seiner Ausstellung im Zentrum plus ist: „Schwule raus aus Euren Löchern!“ steht darauf, zu sehen sind Mäuse im Versteck vor einer Katze, die über ihnen lauert – doch eine Maus attackiert sie mutig mit einem Pfeil.

Mehr als 20 Jahre lang blieb Moraldo in Kassel, wo er sich zum Ergotherapeuten umschulen ließ und in diesem Beruf bis zur Rente arbeitete – um 2007 wieder nach Hause zurückzukehren. „Düsseldorf ist und bleibt meine Heimatstadt“, ist er überzeugt.

Als Renter hat er hier nun viel mehr Zeit für seine Kunst, sein Wohnzimmer in Derendorf ist sein Atelier. Körperlich hält er sich mit Schwimmen und Gartenarbeit, geistig beim Rummikub- und Kartenspielen fit. Er trifft regelmäßig Freunde, die er teils seit Jahrzehnten kennt – und engagiert sich weiterhin sozial. So vielfältig wie seine Kunst und seine Interessen ist übrigens auch sein Musikgeschmack, der von Klassik über französische Chansons von Edith Piaf oder Charles Trenet über Jazz von Billie Holiday bis hin zu Rock von Led Zeppelin oder Pink Floyd reicht und ihn auch zu seiner Kunst inspirierte.

Bemerkenswert ist Moraldos positiver Blick auf sein Leben, das nicht immer einfach war. Es habe etwa Arbeitgeber gegeben, die ihm nicht wohlgesonnen waren. Er erinnert sich auch an die Eltern eines Freundes, die ihrem Sohn den Kontakt zu ihm verboten hätten. Doch alles in allem überwiege das Positive. Noch heute ist René Moraldo gespannt darauf, immer wieder etwas Neues zu entdecken, sagt er. Und die Ausstellung sei nicht das Ende seiner Kunst, ist er sich sicher: „Ich mache weiter“.