
AUDIO: Ausstellung: Stadtgeschichtliches Museum zeigt Porträts aus dem Archiv Mittelmann (4 Min)
Ausstellung
Stand: 03.06.2026 07:25 Uhr
Über fünf Jahrzehnte verstaubte das Foto-Archiv Abraham Mittelmanns auf einem Leipziger Dachboden. 1939 war der jüdische Porträtfotograf vor den Nazis geflohen. Erst in den 1980er-Jahren erinnerte man sich an ihn und seine Fotos, erkannte deren dokumentarischen Wert. Heute lassen sich dank einer digitalen Datenbank auch viele der Geschichten und Namen hinter den Porträts rekonstruieren. Das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig zeigt dies in einer Ausstellung zum jüdischen Themenjahr „Tacheles“.
Abraham Mittelmann kam um 1900 nach Leipzig. Er stammte aus einer Stadt im heutigen Belarus. Um seine Familie zu ernähren, gründete er ein Fotostudio. Ab 1909 sind die meisten seiner heute noch erhaltenen Bilder entstanden, beziehungsweise deren Negative – wertvolle, lichtempfindliche Glasplatten.

Das Haus im Peterssteinweg 15 in Leipzig, hier hatte Abraham Mittelmann sein Atelier.
Stadtgeschichtliches Museum wertet Fotos aus
Seine Bilder zeigen Menschen als Künstler, beim Lesen einer Zeitung, mit verschmitztem oder konzentriertem Blick, mit verstohlenem Lächeln oder auch gezeichnet vom harten Leben. Wer damals ein Porträtfoto wünschte, ob Künstler, Arbeiter, Hochzeitspaare, ließ es im Fotoatelier Mittelmann in Leipzigs Süden fertigen.
Die heutige Sammlung, eine der wenigen, die aus der Zeit und in diesem Umfang erhalten ist, habe deshalb auch einen dokumentarischen Wert, so Johanna Sänger, Kuratorin der Ausstellung. Mehr als 2.000 Glasplatten gehören zu diesem Fotoarchiv Mittelmann.

Ein wertvoller Fund auf dem Dachboden: Viele der Glasplatten aus dem Fotoarchiv sind heute wieder zugänglich.
Dass man die Platten in gutem Zustand heute wieder zeigen und verwenden kann, ist ein Glücksfall, denn die Sammlung lagerte – vergessen und damit auch verborgen – auf einem Leipziger Dachboden. „Erst Ende der 80er-Jahre hat jemand die Leipziger Fotografin Gudrun Vogel darauf aufmerksam gemacht, dass dort alte Fotos liegen“, so Sänger bei MDR KULTUR. Die habe die Fotos gesichert, gereinigt, sich damit beschäftigt und so die ersten Fotos wieder an die Öffentlichkeit gebracht.
Leipzigs Stadtgesellschaft vor dem Zweiten Weltkrieg
Heute gehört die Sammlung – nach etlichem Hin und Her – der Enkelin von Abraham Mittelmann, Nadia Vergne, die in Frankreich lebt. Sie stellt nun Bilder zur Verfügung und freut sich, dass es in Leipzig so ein Interesse an dem Archiv ihres Großvaters gebe. Vergne wünscht sich, „dass Nachkommen ihre Familienangehörigen hier finden, dass sie uns helfen, sie zu identifizieren“, sagte sie MDR KULTUR. „Aber auch, dass Forschende und andere Menschen sich damit beschäftigen.“

Seit 1927 trafen sich jüdische Jugendliche an verschiedenen Orten und bereiteten sich auf ihre Auswanderung nach Palästina vor.
Zwischen 13.000 und 15.000 Menschen gehörten damals in den 1920er-Jahren der israelitischen Gemeinde an, so vermutet es Johanna Sänger. Es waren circa zwei Prozent der Bevölkerung. Heute weiß man, dass viele den Holocaust nicht überlebt, manche Angehörige jedoch auch die Flucht geschafft haben – so wie in der Familie Mittelmann.
Die beiden Söhne von Abraham Mittelmann konnten fliehen, seine Frau und die Tochter hingegen kamen in Auschwitz ums Leben. Abraham Mittelmann floh 1939 aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus Leipzig. In Belgien wurde er denunziert und ermordet.

Porträt von Abraham Mittelmanns Sohn Siegfried, der den Nazi-Terror überlebte.
Das große Interesse an dieser Sammlung ist auch der Tatsache zu verdanken, dass nunmehr viele der ungefähr 1.800 Porträtaufnahmen online in einer Datenbank des Stadtgeschichtlichen Museums zu finden sind. Man wollte wissen, ob es vor allem aus dem Ausland Hinweise von Nachkommen gibt, die Angehörige vermuten oder erkennen können. Und so kam es auch.
Es freut mich, dass es in Leipzig so ein Interesse an diesem Archiv gibt.
Nadia Vergne

Nadia Vergne (links), Enkelin des Fotografen, mit Johanna Sänger, Kuratorin der Leipziger Ausstellung.
Mittlerweile, so Johanna Sänger, konnten die Namen von circa 700 Menschen auf den Porträts rekonstruiert werden. Auch Nadia Vergne hat auf diese Weise etwa 200 eigene Familienangehörige und weitläufige Verwandte gefunden, von denen sie bislang nichts wusste. Nachkommen meldeten sich aus Israel, den USA, und selbst aus Argentinien kam vor wenigen Monaten Post.
Ihr Vater – er hatte das Handwerk noch bei seinem Vater Abraham in Leipzig gelernt – ließ sich später in Paris nieder und wurde ebenfalls Fotograf.

Porträt von Hedwig Platky (1862–1941), die jüdische Witwe eines Rauchwarenhändlers und Kunstsammlers, in ihrer Wohnung.
Ausstellung versteht sich als Momentaufnahme
Die jetzige Ausstellung versteht sich als Studioausstellung und ist als Wanderausstellung in Form großer Koffermodule konzipiert worden. Eine erste „Momentaufnahme“ soll es sein, mit der vor allem Porträts gezeigt werden: Stadtgesellschaft, ob jüdisch oder nicht jüdisch.
Im November wird es dann eine große Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum geben, die sich auch den Stadtansichten und der Architektur widmet, der politischen Zeitgeschichte (etwa dem Kapp-Putsch) und der freien Kunst. Denn manches Foto diente auch der Vorlage für Plakate, die als Collagen entstanden.

Der Fotograf Abraham Mittelmann um 1920.
Mehr Informationen zur Sonderausstellung
„Momentaufnahme. Das Fotoarchiv Mittelmann“
03.06.2026 – 04.04.2027
Eröffnung am 3. Juni um 14 Uhr mit Gespräch: „Der Schatz vom Dachboden“
Mit Nadia Vergne (Enkelin von Abraham Mittelmann) und Johanna Sänger (Kuratorin)
Öffnungszeiten:
Dienstag–Sonntag, Feiertage 10–18 Uhr
Eintrittspreise:
Erwachsene: 8 €, ermäßigt: 4 €, Abendkarte (1h vor Schließung): 4 €
Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18 Lebensjahr frei
An jedem 1. Mittwoch im Monat 3 €.
Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Haus Böttchergäßchen
Böttchergäßchen 3
04109 Leipzig
Redaktionelle Bearbeitung: lm, hki
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Stadtgeschichtliches Museum
Baden konnte man in Leipzig schon immer. Die vergessenen Flussbäder zeigt die neue Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum genauso wie Werbung für Eiscreme und Folgen des Klimawandels wie Hitze und Trockenheit.

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