Die Begegnungsstätte Alte Synagoge steht vor einem bedeutenden Wechsel: Leiterin Ulrike Schrader geht in den Ruhestand, nachdem sie die kulturgeschichtliche Institution mehr als drei Jahrzehnte maßgeblich mitgeprägt, mitentwickelt und über die Stadtgrenzen hinaus bekannt gemacht hat. Judith Brinkmann-Michalczyk tritt ab September ihre Nachfolge an.
„Ich freue mich am meisten auf die Menschen und darauf, mit ihnen in den Austausch zu gehen“, sagt die 35-jährige Historikerin und Kunsthistorikerin. Studiert hat sie an der Ruhr-Universität Bochum und forscht dort am Institut für Diaspora- und Genozidforschung zu Ikonografien genozidaler Gewalt. Nach einer Tätigkeit als Leiterin der Kunstvermittlung und der Museumspädagogik des Kunstmuseums Mülheim an der Ruhr leitet sie seit 2020 die Kulturinstitution „uzwei“ im Dortmunder U.
„Gedenken ist einem stetigen Wandel unterlegen“, erklärt die gebürtige Essenerin. „Das macht die Begegnungsstätte Alte Synagoge so besonders: Das Verständnis dafür, dass Gedenken und Museumsarbeit nichts Starres, sondern ein fortlaufender Prozess ist“. Spannend findet sie hier auch den Fokus auf die regionale Geschichte und darauf, komplexe Themen greifbarer zu machen. Besonders lobt sie auch die „herausragende Quellensammlung“, die das Team um Ulrike Schrader über Jahrzehnte zusammengetragen hat. „Ich freue mich sehr darauf, mich da einzuarbeiten“.
Sie betont auch den Ansatz der Begegnungsstätte Alte Synagoge, jüdische Geschichte nicht nur mit Blick auf den Holocaust zu vermitteln, sondern jüdische Menschen als eigenständige Akteure mit Träumen und Möglichkeiten in den Mittelpunkt zu rücken. Denn: „Jüdische Geschichte ist mehr als die Judenverfolgung“, so Judith Brinkmann-Michalczyk. „Was hier gut gelingt, ist, die Vielfalt und die Heterogenität des jüdischen Lebens zu vermitteln“. Das sei auch ein essenzieller Punkt, weshalb Begegnungsstätte wie dieser so wichtig seien. „Nur durch Bildung und Dialog kann man unsere Demokratie stärken“.
Museumsarbeit unterliegt
einem steten Wandel
Für sie muss Museumsarbeit ein offener Prozess sein. Dazu gehörten auch experimentelle und partizipative Ansätze. Das seien aber nicht nur potenziell neue, digitale Formate. „Ich bin nicht der Meinung, dass alles, was blinkt, besser ist“, sagt sie. Die Begegnungsstätte bringe eine „herausragende, wissenschaftlich fundierte Basis“ mit. Die Vermittlungsformate würden in die Stadtgesellschaft hineinwirken. Die Begegnungsstätte sei ein Ort für alle – und dieser Gedanke solle weitergeführt werden. Dazu gehört es, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Gleichwohl hat sie Ideen für neue Formate. Möglich sei etwa ein sogenanntes „Serious Game“ (eng. Ernstes Spiel). Dabei handelt es sich um ein Brett-, Karten- oder Computerspiel, das nicht primär oder ausschließlich der Unterhaltung dient, sondern eher Bildung und Wissen vermitteln sollen. „Wie der Name sagt: Es soll ein Ort der Begegnung sein“, so Brinkmann-Michalczyk. „Dazu gehört auch, dass man andere Positionen aushält. Wenn wir nicht mehr zuhören, kann kein Dialog passieren“.
Geplant sei, die Präsenz in den Sozialen Medien im Rahmen der Möglichkeiten auszuweiten. Nicht nur, weil sich ein großer Teil des Lebens junger Leute im digitalen Raum abspielt. „Auch, um dem, was dort herumgeistert, auch etwas entgegenzusetzen“, erklärt sie.
Nach insgesamt 32 Jahren als Leitung der Begegnungsstätte Alte Synagoge geht Ulrike Schrader zum 30. November in den Ruhestand. Allerdings wird sie bereits Anfang Oktober ihre aktive Tätigkeit als Leitung beenden. Damit gibt es im September eine einmonatige Übergangsphase, in der die Begegnungsstätte zwei Leiterinnen haben wird.
„Es ist eine Mischung der Gefühle“, sagt Ulrike Schrader zu ihrem baldigen Abschied in den Ruhestand. „Nach 32 Jahren beende ich eine Ära, die mich stark geprägt hat und die ich als großes Privileg empfinde“.
Als sie 1994 die Leitung der Beggungsstätte übernahm, sei die Gedenkarbeit noch lange nicht so etabliert gewesen, wie heute. Es sei „großes Glück“ gewesen, dass sich in NRW ein Netzwerk bildete. Sie selbst ist Gründungsmitglied dieses Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten und -Erinnerungsorte. So konnten sich die unterschiedlichen Gedenkstätten und Erinnerungsorte gegenseitig unterstützen. „Ich sehe genau den Wert, den die Arbeit hatte“, sagt sie. Gleichwohl betont sie mit Blick auf ihren Abschied: „Es ist die Befreiung von einer großen Verantwortung, die man als Leitung dieses Hauses trägt.“
Insgesamt 28 Kandidatinnen und Kandidaten hatten sich auf die Leitungsposition beworben. Nach mehreren Bewerbungsrunden hatte sich Judith Brinkmann-Michalczyk gegen die Konkurrenz durchgesetzt. Die Mitgliederversammlung des Trägervereins votierte am 28. April einstimmig für sie.