Die Bilder haben enorme Symbolkraft: Kurz vor dem Start des von Wladimir Putin inszenierten internationalen Wirtschaftsforums in St. Petersburg steigen Rauchsäulen über der Stadt auf – Putins Geburtsstadt. Es ist eine Blamage für den russischen Präsidenten, dass die Ukraine es geschafft hat, dort mit Drohnen ein Ölterminal in Brand zu setzen. Auch ein russischer Marinestützpunkt wurde nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj getroffen, zudem eine Rüstungsfabrik in Tambow südlich von Moskau. Solche Schläge tief im russischen Staatsgebiet zeigen, wie fähig ukrainische Langstreckendrohnen mittlerweile sind und dass sie sogar vereinzelt an russischer Luftverteidigung vorbeikommen.
Damit tritt der Krieg in eine andere Phase ein. Eine Phase, in der es für die Ukraine nicht mehr nur darum geht, etwa im Donbass Geländegewinne Russlands zu verhindern. Kiew kann sich nun effektiver zur Wehr setzen gegen den Aggressor im Kreml. Es ist ein Krieg der immer härteren Luftschläge geworden. Denn die ukrainischen Drohnenattacken erfolgten einen Tag nach einem massiven Drohnen- und Raketenangriff Russlands auf ukrainische Städte, bei dem mindestens 22 Zivilisten getötet und 138 verwundet wurden. Zuletzt setzte Putins Armee dabei auch moderne Hyperschallraketen ein. Die ukrainische Zivilbevölkerung leidet darunter am meisten. Der Terror und Horror Nacht für Nacht lässt nicht nach, er wird noch heftiger. Leider dürfte Russlands Atem angesichts der enorm gesteigerten Waffenproduktion noch sehr lang sein.
Zugleich gerät Putin nicht nur durch die gesteigerten militärischen und taktischen Fähigkeiten der Ukraine unter Druck, sondern auch wirtschaftlich. Während Russlands Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft wegen der höheren Weltmarktpreise zuletzt sprunghaft angestiegen waren, gerät die Wirtschaft an vielen anderen Stellen durch die Sanktionen in Schieflage. Es ist daher durchaus denkbar, dass sich gerade das Blatt in der öffentlichen Wahrnehmung zugunsten der Ukraine wenden könnte. Aus der Bundesregierung hieß es, dass sich „langsam ein Fenster für Gespräche der europäischen Seite mit Russland“ öffnen könnte.
Umso unverständlicher ist es, dass deutsche Unternehmen teils wieder die Nähe zu Russland suchen und für Geschäfte mit Kriegsherr Putin offen sind. Es ist entlarvend, dass deutsche AfD-Abgeordnete zu jenem Wirtschaftsforum in St. Petersburg reisen, bei dem am Freitag Putin sprechen wollte. Und es ist verstörend, dass Ex-Kanzler Gerhard Schröder in Moskau gesehen worden sein soll. All das wirkt wie ein Schlag ins Gesicht der leidenden ukrainischen Zivilbevölkerung – gerade jetzt, in dieser neuen Phase des Krieges.